Unsere Gottesdienste


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zu "Göttliche Liturgie" siehe auch Schema in Frage und Antworten !

zur Kurzeinführung in das Wesen unserer Gottesdienste  (Vater FJODOR Hölldobler, Bischofsheim an der Rhön)

zu:
Die Göttliche Liturgie: Vergegenwärtigung von OPFER, KREUZ und HEIL
Predigt von
Metropolit ANTHONY (Bloom) von SOUROSH (London)


 
Bischof  HILARION  Alfeyev:
EUCHARISTIE
 Opfer - Empfang der Allerhl.Gaben 

 

zu:
Einführung in die Göttliche Liturgie der Orthodoxen Kirche
Priester JOHANNES Nothhaas, orthodoxer Pfarrer in Mainz

zu:
Erfahrungen eines Protestanten
mit der gottesdienstlichen Spiritualität der Orthodoxie

zu:
Herausforderung "Sprache"
Alltags- und "Liturgiesprache" der Orthodoxen im Westen


 



Unsere Gottesdienste
 (Vater FJODOR Hölldobler, Bischofsheim an der Rhön)

(Die Orthodoxe Kirchengemeinde Hl. Nektarios in Bischofsheim a. d. Rhön wurde am 9. November 1981 gegründet,
als Pfarrei besteht sie seit dem 2. Juni 1984)

Das erste Ziel der Pfarrei ist die Anbetung des dreifaltigen Gottes und die Verehrung Seiner Engel und Heiligen nach der Tradition der Östlichen Kirche.
Das Wort "Gottesdienst" wird in der Orthodoxie nicht anthropozentrisch verstanden.
Wir, heute und hier, im Gottesdienst einer konkreten Gemeindet versammelten Menschen stimmen nur in den Gottesdienst der Engel, der Heiligen und der Glaeubigen aller Zeiten und an allen Orten der Welt ein.
(erklaerende Anmerkung des Publizisten Priester Stefan)

Das zweite Ziel ist die Sammlung der Gemeinde von orthodoxen Christen.
Dabei steht das Wort "russisch"-orthodox für die jurisdiktionelle Zugehörigkeit zum Moskauer Patriarchat und die vorwiegende gottesdienstliche Sprache. Die Gemeinde ist polynational und bietet auch eine Heimat für die orthodoxen Christen, die in ihren Herkunftsländern der griechisch-orthodoxen, serbisch-orthodoxen, bulgarisch-orthodoxen und rumänisch-orthodoxen Kirche, oder anderenen selbständigen Kirchen der weltweiten Orthodoxie angehören.

Eine zentralgelenkte Kirchenorganisation mit einem universalen Machtanspruch kennt die Orthodoxie nicht.

Es gibt zwar keine deutsche Orthodoxe Kirche sondern nur Vertretungen der genannten lokalen Kirchen aus dem Ausland, jedoch ist vor allem durch Einheirat die Inkulturation der Orthodoxie in Deutschland durchaus im Gange.

Immer mehr Menschen fühlen sich von einer Kirche angezogen, die eine ungebrochene Tradition zur frühen Christenheit hin aufweisen kann, die aber trotz ihrer archaischen und patriarchalischen Struktur nie starr und dogmatisch eingeengt, sondern immer erstaunlich demokratisch und flexibel in Erscheinung trat.
Missionarische Anwerbung von Gemeindemitgliedern wird nicht betrieben.
Die Pfarrei betreut seelsorglich orthodoxe Christen.

Den katholischen und evangelischen Gläubigen steht sie als ökumenische Begegnungs- und Informationsstätte zur Verfügung. Dies ist das dritte Ziel, durch Gespräche Vorurteile gegenüber der östlichen Christenheit, ja überhaupt den Menschen aus dem Osten gegenüber abzubauen und als integrative Zelle und Kulturbotschaft zu wirken, in einer unfriedfertigen und zerstrittenen Welt die Frohbotschaft unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus in der orthodoxen Lesart transparent werden zu lassen.

Neben den regelmäßigen Gottesdiensten wie Vespern, Vigilien und den Göttlichen Liturgien können von den Gläubigen Taufen, Trauungen, Bitt- und Dankgottesdienste (Moleben), Krankengottesdienste und Totengottesdienste (Panichiden) bestellt werden.

Unsere Kirche ist tagsüber geöffnet und kann von jedermann, der sich darin ehrerbietig verhält, besucht werden, auch unsere Gottesdienste sind allgemein zugänglich.
Die Teilnahme an der Heiligen Kommunion setzt die ernsthafte Vorbereitung voraus:
Fasten, Beichte, Aktive Teilnahme am Gemeindeleben der Orthodoxen Kirche
(was durch den die Kommunion spendenden Pfarrer zu beurteilen ist)
(erklaerende Anmerkung des Publizisten Priester Stefan)

Das Antidoron (gesegnetes, nicht konsekriertes eucharistisches Brot) am Schluß der Liturgie wird an alle verteilt, die den gekreuzigten Christus am Segenskreuz des Priesters verehren.
(erklaerende Anmerkung des Publizisten Priester Stefan)

ausführlicher:
Der orthodoxe Gottesdienst als Gesamtkunstwerk (Referat von Pfarrer Fjodor Hölldobler



Vater JOHANNES Nothhaas, orth. Pfarrer, Mainz:


Einführung
in die
Göttliche Liturgie
der
Orthodoxen Kirche




Einleitung


Als Fürst Wladimir den für sein Volk angemessenen Glauben suchte, schickte er - so berichtet die Nestorchronik des alten Ruszland - Gesandte aus, die die Glaubenspraxis bei den Muslimen, den Germanen, in Rom und in Konstantinopel erkunden sollten. Die Berichte über die ersten drei Stationen fielen nicht günstig aus, weil die Gesandtschaft dort jeweils fehlende Andacht oder fehlende Schönheit des Gottesdienstes auszusetzen hatte. Als sie schlieszlich nach Konstantinopel kamen und dort der Göttlichen Liturgie beiwohnten, hatten sie endlich das gefunden, was sie suchten: "Und wir kamen zu den Griechen und wurden dort hingeführt, wo sie ihrem Gott dienen - und wir wuszten nicht, ob wir im Himmel oder auf Erden gewesen sind. Gibt es doch auf Erden nichts dergleichen zu schaün, noch solche Schönheit, und wir vermögen das gar nicht zu erzaehlen. Wir haben nun erfahren, dasz Gott dort unter den Menschen weilt und ihr Gottesdienst steht über dem aller Lande. Nicht vergessen können wir jene Schönheit ..." Drei charakteristische Merkmale für die Liturgie der Orthodoxen Kirche sind in diesem Bericht der russischen Gesandten enthalten, womit sie das Wesen des christlichen Gottesdienstes in Konstantinopel erfaszt hatten:

Anbetung



Als die Gesandten auszogen, den wahren Glauben zu finden, fragten sie nicht nach systematischem einer Glaubenslehre und zu befolgenden Gesetzen, sondern beobachteten die Völker ganz einfach beim Gebet. Diese Form der Annaeherung an die Glaubensinhalte über den liturgischen Vollzug entspricht ganz der orthodoxen Grundhaltung: Einheit
von

- Glaube und Leben
- Dogma und Frömmigkeit
- Mystik und Theologie

Sie hatten intuitiv erfahren, was das Wort Orthodoxie ausdrücken will: " wahre Anbetung, Verherrlichung Gottes ".
In ihr werden alle Dinge auf Erden in ihrem Bezug zum Himmel gesehen, in ihrer Bestimmung zur göttlichen Verklaerung. Vater Georg Florovsky, ein russischer Theologe unseres Jahrhunderts sagt: "Das Christentum ist eine liturgische Religion. Die Kirche ist zürst eine anbetende Gemeinschaft." Für viele westliche Christen ist es eine völlig neue Erfahrung, wenn sie bemerken, wie orthodoxe Christen vermeintlich "liturgische AEuszerlichkeiten" mit Akribie beachten. Aber hat man einmal den zentralen Platz des Gottesdienstes , der Anbetung, im Leben der Orthodoxen Kirche erkannt, dann verwundert das nicht mehr. Die Orthodoxie sieht den Menschen vor allem als liturgisches Wesen, der sich selbst am meisten verwirklicht, wenn er Gott verherrlicht. In den dunklen Tagen unter totalitaerer Herrschaft war und ist es die Göttliche Liturgie, die die orthodoxen Völker stets mit neuer Hoffnung erfüllt.


Schönheit



" Nicht vergessen können wir jene Schönheit ..." zeugt von der Feinfühligkeit für die Schönheit im Liturgischen. Und da es ein Ziel des Gottesdienstes ist den Menschen an seine Herkunft als geschaffen nach dem Ebenbild Gottes zu erinnern, ist es nur natürlich mit den Mitteln menschlicher Kunst einen Eindruck von paradiesischer Schönheit entstehen zu lassen. Wahrheit und Schönheit sind ebenso wie Glaube und Leben zwei untrennbare Begriffe.

Transzendenz



" wir wissen nicht, ob wir im Himmel oder auf Erden gewesen sind ". Gottesdienst in der Orthodoxen Kirche führt über Alltag und Umgebung hinaus. Er ist für die Glaeubigen nichts anderes als "Himmel auf der Erde". Die Liturgie umfaszt zwei Welten; sie geschieht im Himmel und auf Erden zugleich. Der Altar verlaengert sich in die Ewigkeit hinein zum himmlischen Hochzeitsmahl, bei dem wir mit Christus und dem Heer der Engel an der Festtafel teilnehmen. "Wir haben erfahren, dasz Gott dort unter den Menschen wohnt."


Das orthodoxe Kirchengebaeude



Wie diese Ideale durch Architektur und Malerei ausgedrückt werden, können wir erleben, wenn wir eine orthodoxe Kirche betreten. Wir kommen, nachdem wir die Vorhalle durchschritten haben, in einen groszen quadratischen Raum, über dem sich eine Kuppel wölbt - mit dem das Kirchenschiff segnenden Christus in ihrer Mitte. Das Gefühl der Naehe des Gottessohnes wird noch dadurch verstaerkt, dasz Er - gleichsam in Nahaufnahme - dargestellt wird. Unterhalb zwischen den Kuppelfenstern sehen wir die vier Erzengel: Gabriel, Michael, Raphael und Uriel. In den Zwickeln folgen die vier Evangelisten. Die meist vollstaendig bemalten Waende tragen Fresquen mit Darstellungen der Ereignisse der Heilsgeschichte, vor allem jener durch die Christus das Heil der Welt bewirkte: angefangen von der Verkündigung an die Gottesmutter bis zu Kreuzigung, Auferstehung, Himmelfahrt und Sendung des Hl. Geistes. Unter diesen Wandikonen folgen dann in unserer Naehe die groszen Heiligen der Kirche. Sie fügen sich in unsere Reihen und wir in ihre Reihen ein. Ihre Naehe zeigt an, dasz sie wie wir Menschen von Fleisch und Blut waren, und wir in aehnlicher Weise zu Christustraegern werden können wie sie. Die Bedeutung dieser Ausgestaltung des Innenraumes des Gotteshauses können wir bei dem Hl.Maxim dem Bekenner nachlesen: "Der geistigen Schau bietet sich die hl.Kirche Gottes als ein Abbild des gesamten Kosmos dar, der aus sichtbaren und unsichtbaren Wesen besteht." In seiner Deutung des Raumes ist im oberen Teil die himmlische Kirche mit dem Thron des Weltherrschers Christus und den Chören der Engel mit den Erzengeln an ihrer Spitze und im unteren Teil des Raumes die Heilsgeschichte und die Heiligen in der irdischen Kirche dargestellt. Dieses "Bildprogramm" bringt zum Ausdruck, was sich in jeder Liturgie in diesen vier Wänden vollzieht: Die göttliche Ewigkeit erweitert die irdische Enge von Raum und Zeit, Vereinigung von irdischer und himmlischer Kirche wird vollzogen.

In der Horizontalen gliedert sich der Raum in drei Teile: Narthex(Vorhalle), Schiff und Altarheiligtum, das durch die Ikonenwand mit dem Schiff verbunden ist. Wir begegnen hier der Einteilung des Tempels des Alten Bundes in Jerusalem, mit dem Vorhof der Vorbereitung, dem Innenhof, indem die Opfer dargebracht wurden und dem Allerheiligsten mit der Bundeslade. Die Übernahme des Grundschemas des alttestamentarischen Tempels für den Grundrisz des gottesdienstlichen Raumes der neutestamentarischen Gemeinde, der Kirche, drückt zweierlei aus:

Die Abgrenzung des Altarraumes weist hin auf die absolute Heiligkeit Gottes, Seine Unfaszbarkeit. Die Abgrenzung und Verhüllung des sakramentalen Geschehens durch die Ikonenwand wollen hinweisen auf das Mysterium Gottes in der Menschwerdung Seines Sohnes und in Sein Eingehen in die irdischen Elemente Brot und Wein. Das Wort Mysterium kommt von griech. "myoo", die Augen verhüllen und bezeichnet die Haltung des Menschen in vorchristlicher Zeit bei der Gegenwart Gottes im Tempel. Das Augenverhüllen ist ein Akt der Ehrfurcht vor dem Heiligen. Es wäre ein tiefes Miszverständnis der Ikonenwand, wenn man sie als Trennwand verstünde zwischen Volk und Klerikern. Diese Deutung kann nur aufkommen, wenn man den Sinn für das Mysterium verloren hat. Die drei Türen in der Ikonenwand, sowie die Ikonen selbst haben verbindende Funktion zwischen dem Geschehen auf dem Altar und dem Kirchenvolk im Schiff. Die Ikonen in ihrer Funktion als Fenster zur Ewigkeit zeigen die Gegenwart des erhöhten Herrn, der Gottesmutter, der Engel und Heiligen an. Durch die Türen in der Ikonenwand geschieht der Einzug des Herrn in sein Heiligtum mit seinen Engeln und Heiligen: Das Gebet des Priesters beim Einzug mit dem Evangelienbuch macht dies deutlich: "Gebieter, Herr unser Gott, der Du im Himmel die Ordnungen und Heere der Engel und Erzengel eingesetzt hast zum Dienste Deiner Herrlichkeit, lasz mit unserem Eingang heilige Engel einziehen, die mit uns die Liturgie vollziehen und Deine Güte mitverherrlichen." Die Ikonenwand trennt nicht wie der Tempelvorhang des Alten Bundes, im Gegenteil, sie führt hin zu dem Heilsgeschehen am Altar. Für westliche Christen, die den orthodoxen Gottesdienst verstehen wollen, ist es wesentlich ein Gefühl für die zwei unverzichtbaren Funktionen der Ikonenwand zu entwickeln: VERHÜLLEN und OFFENBAREN.

Auffallend ist auch, dass das Kirchenschiff frei von Bänken ist. Der orthodoxe Christ ist es von Jugend auf gewohnt, stehend zu beten. Nur für Alte, Schwache und Kranke stehen an den Wänden Bänke zur Verfügung. Die stehende Teilnahme am Gottesdienst hat vieles für sich: - das Stehen ist die angemessenere Haltung als das Sitzen, zum Empfang des Herrn, der in Seine Gemeinde einzieht. Das Stehen ist das Kennzeichen der anbetenden Gemeinde, während das Sitzen Kennzeichen einer passiv konsumierenden Versammlung ist, die sich so z.B. auch einen Vortrag anhören könnte. - die engen Kirchenbänke verhindern jede Bewegungsfreiheit zu aktiven Gebetshaltungen, wie Verbeugungen und Metanien ebenso wie den spontanen Ortswechsel des Gläubigen, wenn er sich dem liturgischen Geschehen intensiver zuwenden oder eine Kerze opfern will. - das Stehen ist die nüchterne Haltung des Wachenden; das Sitzen verführt zu Kirchenschlaf. - auch westliche Kniebänke sind für orthodoxe Christen hinderlich, weil sie wieder nur eine andere statische Form der Gebetshaltung erlauben.
Allein die Bänke können aus orthodoxer Sicht schon Zeichen für die Fehlentwicklung sein, die im Westen den Kult fast schon überall zu einer Versammlung reduziert hat. So ist in vielen evangelischen Gemeinden der Predigtgottesdienst zum normalen sonntäglichen Gottesdienst geworden, die Eucharistie wird nur einmal im Monat oder seltener gefeiert. Die Formen des Gottesdienstes machen deutlich, für welche Theologie, für welche Beziehung zu Gott sie stehen.
Noch bevor der Gläubige das Kirchenschiff betritt, durchquert er den Narthex. In diesem Vorraum ist während des Gottesdienstes der Platz der Katechumen, der auf die vollständige Mitfeier des Mysteriums noch nicht Vorbereiteten vor ihrer Taufe und der nicht zur Feier Bereiteten im Stand der Büssenden. Nach altkirchlicher Tradition dient es nicht dem Wohle aller, wenn alle an allem in gleicher Weise teilnehmen. Die Katechumen können nur am Wortteil voll teilnehmen. Vor dem eucharistischen Teil werden sie vom Diakon mit dem Ruf: "Ihr Katechumenen alle, gehet hinaus. Katechumenen gehet hinaus. Keiner der Katechumenen bleibe !" Der Sinn dieser Massnahme, die heute noch in vielen Klöstern - vor allem auf dem Heiligen Berg praktiziert wird, ist die Bewahrung des Göttlichen Mysteriums in seiner Bedeutung für unser Heil. Ein Nichtvorbereiteter soll es nicht schauen. Der in Brot und Wein anwesende Herr soll nicht in ungläubigen Augen profaniert werden. Der Verweis der Büssenden an diesen Ort soll unterstreichen, dass sie solange sie von ihren Sünden gefangen sind, nicht an der Kommunion des Leibes Christi, der Kirche, teilnehmen können. Die Strenge dieser Praxis war der Kirche nicht zum Schaden gewesen.



Die GÖTTLICHE LITURGIE
(Aufbau und Deutung)


Von dem bisher beschriebenen statischen Äusseren des orthodoxen Kirchenraumes kommt man besonders durch das "Bildprogramm" der Ikonen zur inneren dynamischen Bestimmung dieses Kultraumes. Der Zyklus der Fresken führt uns hin zu den Heilstaten Gottes, die in den zwölf Hochfesten des Kirchenjahres kulminieren. Da der Kirchenraum vor allem der Ort der Liturgie ist, muss man in diesem Zyklus auch eine Deutung dieser Liturgie sehen: Sie sind das gemalte Gedächtnis der Heilstaten Gottes in Seinem Sohn Jesus Christus. Sie sind die Anamnese in Farben - zu der gesprochenen Anamneseworten der Liturgie, in der der Zelebrant nach den Einsetzungsworten des Herrenmahles folgenden Wortlaut des Gedächtnisses anstimmt: "Eingedenk also dieses erlösenden Gebotes und all dessen, was für uns geschehen ist: des Kreuzes, des Grabes, der Auferstehung am dritten Tag, der Auffahrt in die Himmel, des Sitzens zur Rechten und der zweiten, neuen Ankunft in Herrlichkeit, bringen wir Dir dar das Deine vom Deinigen, gemäss allem und für alles" d.h. die Darbringung von Brot und Wein vor Gott wird verbunden mit dem Gedächtnis des ganzen Heilshandelns in Christo. Damit werden nicht nur die beiden eucharistischen Elemente, sondern das ganze Christusmysterium vor Gott dargebracht. Das ganze Heilswerk Christi wird in der Heiligung der beiden Gaben gegenwärtiggesetzt und in der Kommunion übermittelt. Raum und Zeit stehen still, und wir, die Gläubigen stehen mit den Hirten und den Magiern vor dem Kind in der Krippe zu Bethlehem.
Wir stehen bei dieser Feststellung unmittelbar vor dem Mysterium des christlichen Gottesdienstes selbst. Unser unsichtbares Herausgehobensein aus Raum und Zeit in der Feier der Göttlichen Liturgie geschieht durch die Gegenwart des Herrn. Seine Gegenwart überbrückt Raum und Zeit, weil Er der Ewige, Raum und Zeit überwunden hat. Deswegen ist auch Sein Kommen in der Liturgie gar nicht zeitlich eingrenzbar. Der ganze Gottesdienst ist Epiphanie des Herrn, d.h. Erscheinung des Herrn. Der Ausdruck Epiphania Domini, d.h. Erscheinung des Herrn, stammt nicht aus der Sphäre der nur persönlichen, innerlichen Frömmigkeit, sondern kommt aus dem Bereich des Öffentlich-Rechtlichen, des Politischen. Epiphanie bezeichnete das Erscheinen des Römischen Kaisers, wenn er auf seinen Reisen durch die Provinzen seines Imperiums eine Stadt besuchte. Das Wort Epiphanie ist gleichbedeutend mit Kaiserbesuch. Wir können uns einen solchen Kaiserbesuch gar nicht pomphaft genug vorstellen. Die Städte erstrahlten in Illumination, die Magistrate und Bürgerschaften erschienen in festlichem Zug mit ihren Huldigungen und Weihegaben, und der Kaiser verlieh Bezeugungen seiner Huld und Gnade, liess Feste feiern und spendete für Spiel und Mahl und manchmal verlieh er wohl bei diesen Gelegenheiten das römische Bürgerrecht, das der Stadt und ihren Bürgern grosse Freiheiten und Rechte sicherte. - Und so, wie Epiphanie hier die ganze Festzeit des Kaiserbesuches bezeichnete, so gilt dies auch für die Liturgie. Die ganze Liturgie bezeichnet das Kommen des Herrn in all seinen Heilstaten. So deutet schon die Vorbereitung der Gaben von Brot und Wein vor dem offiziellen Beginn der Liturgie hin auf die Geburt des Herrn in Bethlehem. Über dem Teil Brot, über das in der Liturgie die Segensworte gesprochen werden, wird der Stern von Bethlehem in Form eines vierstrahligen Metallbaldachins errichtet, begleitet von den Worten des Zelebranten: " Und der Stern kam und stand oben über dem Ort, wo das Kind war " (Mt 2:9) Die vorbereiteten Elemente Brot und Wein werden dann mit den Tüchern der Velen bedeckt. Der Rüsttisch mit den vorbereiteten Gaben bezeichnet die Zeit der 30 Jahre Jesu im Verborgenen, vor Seiner Taufe und Seinem öffentlichen Auftreten.



Ablauf der Liturgie



Der Ablauf der Liturgie kann in 4 Teile gegliedert werden:
Eingangsteil mit:
- Eingangssegen
- Friedensektenie (Ektenie=Fürbitte)
- zwei kleine Fürbittgebete mit jeweils folgenden Psalmgesängen

Wortteil mit:
- Kleinem Einzug mit dem Evangeliar
(welches das Kommen Christi in Seiner Verkündigung bezeichnet)
- Lesung der Epistel
- Evangelium
- Predigt


Eucharistischer Teil:
- Cherubimhymnus
- Grosser Einzug mit den vorbereiteten Gaben
- Eucharistiegebet:
- Dankgebet
- Einsetzungsworte
- Anamnese
- Herabrufung des Hl.Geistes
- Kommunion: Empfang der Allerheiligsten Gaben


Schlussteil mit:
- Dankgebete
- Segen

In diesem Aufbau der Liturgie spiegelt sich das Heilswerk Christi:
In der Vorbereitung der Gaben und ihrer Verhüllung ist die Geburt in Bethlehem und die 30 Jahre seines Lebens im Verborgenen angedeutet.
Im Wortteil beschreibt der Kleine Einzug die Ankündigung des Kommens Jesu in seinem Wort. Dieser Einzug hat schon eine kosmologische Dimension, da die himmlischen Heere der Engel mitbeteiligt sind. Dann erhebt der Diakon das Evangelienbuch und ruft:
"Weisheit! Aufrecht!"
"Weisheit" ist die Umschreibung Christi, und der Ruf "Aufrecht" bezieht sich auf die Gläubigen. Das heisst, hier kommt der Herr, lasst uns aufrechter Haltung (an Leib und im Geist) Ihn empfangen. Der Zug der Zelebranten bleibt in der Mitte mit dem vom Diakon erhobenen Evangelienbuch stehen, und der Chor singt zusammen mit der Gemeinde: "Kommt lasst uns anbeten und niederfallen vor Christus, oh Sohn Gottes auferstanden von den Toten, Alleluja, Alleluja, Alleluja". Durch nichts wird eigentlich deutlicher, wie sehr die Orthodoxe Kirche auch eine Kirche des Wortes ist. Vor der Verwirklichung der Verkündigung des Wortes Gottes in der Lesung von Epistel, Evangelium und Predigt singt der Chor das Dreimal-Heilig, das dem Sanctus aus Jes 6, dem Engelsgesang in der Gotteserscheinung des Propheten entspricht, bevor die Konsekration vollzogen wird.
Der eucharistische Teil verdeutlicht das Kommen Christi im Sakrament des von Ihm eingesetzten Mahls. Die Herabrufung des Hl.Geistes zur Wandlung der Elemente von Brot und Wein in Leib und Blut Christi zeigt an, wie das Heilshandeln Jesu einmündet in das Wirken des Hl.Geistes in der Kirche nach Seiner Himmelfahrt. Die Liturgie endet nach der Kommunion mit Dankgebeten und dem Segen. Besonders kennzeichnend ist das vom Chor gesungene Troparion:

" Wir haben das wahre Licht geschaut, den himmlischen Geist empfangen,
den wahren Glauben gefunden,
anbetend die unteilbare Dreieinheit,
denn sie hat uns erlöst "

Dieser Gesang preist den dreieinen Gott, der Sein Heilshandeln in der Liturgie den Menschen zuteil werden liess.

Zwei Linien sind für den Aufbau der Göttlichen Liturgie von Bedeutung:

Die Entfaltung des ganzen göttlichen Heilswerkes durch die Geschichte, die mit der Offenbarung des Vaters beginnt, erneuert wird mit der Menschwerdung im Sohn und sich fortsetzt im Werk des Heiligen Geistes. Dieses Wirken des dreieinen Gottes findet sich im Fortschreiten des Schwerpunktes der Gebete abgebildet. Somit umfasst die Liturgie die ganze Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen.

Das Handeln des dreieinen Gottes in und während der Liturgie macht diese zur "Göttlichen Lirurgie". Die Anrufung im Hochgebet richtet sich an den Vater. Die Einsetzungsworte für das Herrenmahl sind ein Teil dieses Dankgebetes, in dem Gott für die Sendung Seines Sohnes gedankt wird, der " in der Nacht, in der er überliefert wurde ", das Mahl des Neuen Bundes eingesetzt hat. Das Hochgebet wird beendet durch die Bitte um Herabkunft des Hl.Geistes. Durch diese Struktur des Hochgebetes wird die altkirchliche Auffassung von der dreieinen Person Gottes verdeutlicht. Auf die Frage, was die Einheit des dreieinen Gottes ausmacht, antwortet die Orthodoxe Kirche gemäss der Tradition der kappadozischen Kirchenväter (Gregor von Nazianz, Gregor von Nyssa, Basilios d.Gr.), dass der Vater die "Ursache" und "Quelle" der Einheit ist. Er ist das Prinzip der Einheit Gottes. In diesem Sinne spricht die orthodoxe Theologie von der "Monarchie" des Vaters. Die anderen beiden Personen der Gottheit können durch ihre Beziehung zu ihm beschrieben werden. Der Vater ist die "Quelle" der Gottheit, von niemandem geboren, aus niemandem hervorgehend. Der Sohn ist aus dem Vater geboren vor aller Ewigkeit. Der Hl.Geist ist vor aller Ewigkeit aus dem Vater hervorgegangen (Joh 15:26) Genau dieses Verhältnis der drei Personen untereinander in der dreieinen Gottheit bringt das Hochgebet der Göttlichen Liturgie zum Ausdruck. Das Heilswerk Jesu Christi und des Hl.Geistes wird im Hochgebet durch die Danksagung (=Eucharistie) mit den Einsetzungsworten und die Bitte um den Hl.Geist gegenwärtig gesetzt. Bei dieser Gegenwärtigsetzung des Heils beachtet das Hochgebet den Ablauf des Heilsgeschehens in seiner chronologischen Abfolge, - die theologische Bedeutung hat. Erst wird um das Heilswerk des Vaters, angefangen von der Schöpfung, dann um das Heilswerk des Sohnes, sein Kommen, die Einsetzung des Mahles, die Kreuzigung, das Grab, die Auferstehung, die Himmelfahrt bis hin zu Seiner Wiederkunft (in der Anamnese) und schliesslich um das Werk des Hl.Geistes an den Gaben gebetet. Diese Reihenfolge ist deshalb von absolut theologischem Rang, weil sie den Heilsplan Gottes mit der Menschheit nicht nur wiederspiegelt, sondern in der Eucharistie ja gegenwärtigsetzt. Da kann der Mensch nichts verändern, weil es eine Verkehrung des Heilsgeschehens wäre. Dass das Werk des Hl. Geistes auf das Heilswerk des Sohnes folgt, hat seine analoge Entsprechung auch in der Liturgie. So wie Jesus Mt 16:18 den Petrus und Mt 18:18 alle zwölf Jünger zu Aposteln beruft, sie aber erst durch die pfingstliche Geistesausgiessung mit der generellen Vollmacht zur Ausübung des vom Herrn ihnen anvertrauten Amtes ausrüstet, so werden auch in der Eucharistie die Einsetzungsworte wirksam, wenn es um den Hl.Geist gebetet wurde. Denn der Geist ist es, der das Werk Jesu Christi gegenwärtigsetzt. Es wird deutlich, dass die Eucharistie in der orthodoxen Theologie verankert ist im Heilsplan und im Wesen des dreieinen Gottes.

Die Theologie der westlichen Christenheit stimmt hier (unabhängig ob evangelisch oder römisch-katholisch) nicht der Tradition der altkirchlichen Theologie, wie sie die Orthodoxe Kirche bis heute bewahrt hat, zu. Seit der Zeit Karls der Grossen lehrt die römisch-katholische Kirche, der heilige Geist vom Vater und vom Sohne ausgeht. Damit hört der Vater auf, die einzige Quelle der Gottheit zu sein, da jetzt der Sohn auch eine Quelle Geworden ist. Nämlich für den heiligen Geist. Da die Einheit der Gottheit nun nicht mehr in der Person des Vaters beruht, begründet sie Rom in der Natur, die alle drei Personen teilen. Kurz gesagt: In der Orthodoxie beruht die Einheit Gottes in der Person des Vaters in der westlichen Theologie in einem abstrakten Begriff, nämlich "Natur". Für die orthodoxe Theologie hat die Person einen hoheren Rang als ein Begriff, weil man mit einer Person reden kann, mit einem Begriff nicht.
Die Konsequenz aus dieser Auffassung von dem dreieinen Gott ist, dass der Weg der Offenbarung Gottes in der Geschichte für das Geschehen in der Eucharistie nicht mehr von theologischem Gewicht ist. Es genügt die Einsetzung des Herrenmahles durch Jesus. Die Sendung des Geistes steht mit ihr in keiner notwendigen Beziehung. Die weitere Folgerung ist dann, dass der Hauptakztent der westlichen eucharistischen Theologie auf den Einsetzungsworten ruht, und dass das Mysterium verengt wird auf die Wandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi. Die Gegenwart des ganzen Christusgeschehens wird aus den Augen verloren, und der scholastische Streit um das "Wie" der Wandlung, um das "Das ist mein Leib" oder "Das bedeutet mein Leib" oder "Das bedeutet meinen Leib", ist die Folge dieser Verengung der eucharistischen Theologie. Hinzu kommt noch die zeitliche Fixierung der Wandlung auf einen Punkt. Daraus folgten die Fragen, wann sie geschieht, und wie lange sie dauert. All dies Analysieren ist der Orthodoxie fremd und erscheint ihr unangebracht angesichts der die Grenzen von Raum und Zeit sprengenden Grösse des Heiligengeschehens in der Liturgie. Daher wird die "Wandlung" nach orthodoxer Auffassung nicht ausschliesslich durch die Einsetzungsworte, d.h. durch die zweite Person der Gottheit, bewirkt. Eine ebenso entscheidende Rolle kommt auch der Epiklese, der Herabrufung des Hl. Geistes, zu, dass er Brot und Wein heiligen möge. So wird durch das Handeln aller drei Personen des dreieinen Gottes von Beginn der Liturgie die ganze Heilsökonomie, die ganze Heilsgeschichte Gottes, auf uns unfassbare Weise vergegenwärtigt. Die Gegenwart des Herrn in den gesegneten Elementen ist daher in der Orthodoxen Kirche nicht Gegenstand analytischen Reflexion, sondern anbetender Schau in sakramentalen Mysterium.
Der Unterschied zwischen der orthodoxen und der gesamtwestlichen Auffassung von dem Heilsgeschehen in der Liturgie lässt sich treffend an einem Beispiel aus der Architektur verdeutlichen. Es ist inzwischen eine anerkannte Tatsache, dass der gotische Baustil die Konsequenz aus dem scholastischen Denken ist. Kennzeichnend für den gotischen Stil ist der Spitzbogen. Für den byzantinischen Baustil ist der Rundbogen charakteristisch. Beide architektonischen Grundformen lassen sich als Anschauungsmaterial für die Auffassung von der Eucharistie in den beiden Teilen der Christenheit verwenden: So wie der gotische Bogen auf seine Spitze zustrebt und einen definitiven Höhepunkt hat, so ist auch das westliche Eucharistieverständnis auf einen Höhepunkt, die Wandlung ausgerichtet. - Und so wie der byzantinische Rundbogen keinen Höhepunkt, bzw. nur einen im alles Umfassenden verborgenen Höhepunkt hat, so ist auch in der orthodoxen Eucharistieauffassung der Höhepunkt der Annäherung Gottes im Mysterium verborgen. Die ganze Liturgie strebt auf einen verborgenen, eigentlich zeitlosen "Raum" zu, zwischen Einsetzungsworten und der Kommunion, in der Gott uns begegnet, zu, der sogar bis zum Verzehr der übriggebliebenen Reste der Eucharistie durch den Diakon andauert. Gottes Gegenwart bleibt ein unfassbares Mysterium.



Schlussbetrachtung



Wir erleben heutzutage den Anbruch einer Zeit, in der man allmählich davon abkommt, den Bruch mit der Tradition zu verherrlichen. Man wird sich dessen bewusst, dass Traditonslosigkeit bedeutet kein Vaterhaus zu haben, keine geistigen Väter. Man merkt, die geistige Heimatlosigkeit, den Verlust der eigenen Identität, wenn man nicht weiss, woher man kommt, woher man kommt, wohin man gehen soll. Deshalb sucht man heute wieder echte Tradition zu gewinnen und sieht inzwischen nicht mehr auf die Orthodoxe Kirche herab als ein im Mittelalter erstarrtes Gebilde. Man ahnt und erkennt inzwischen, dass das, was dem fortschrittlichen Westeuropa als so reformbedürftig erschien, den unter den Mongolen, Türken und Kommunisten unterdrückten Völkern eine über Jahrhunderte anhaltende unauslöschbare Identität gab. Ja, man entdeckte nicht nur die Schönheit der Sprache und Gesänge der Orthodoxen Kirche, sondern auch die Tiefe ihrer Theologie. Eine Reihe von Theologen erkannte auch zahlreiche Brüche in der Tradition der westlichen Christenheit, die z.B. in der kirchlichen Kunst in stets schnelleren Wechsel sichtbar wurden, von Gotik zu Renaissance zu Barock und Rokoko bis hin zur Moderne. Und heute in unserem Zeitalter, das im Westen im Zeichen der Ökumene steht:
Lassen sich die verlorenen Inhalte dadurch finden, dass man die Gleichwertigkeit aller liturgischen Formen erklärt oder einfach "Ritus" imitiert ?
Liegt die spirituelle Verarmung des Westens nicht gerade in der Trennung von Form und Inhalt der Anbetung ?
Reicht die intellektuelle Reflexion unserer irdischen Situation - oder suchen die Menschen auch in unserer Zeit in der Religion vor allem die Einbeziehung der ganzen Person in eine tragfähige Verbindung mit Gott, die auch auf "äussere Formen" der Anbetung angewiesen ist ?
Liturgisches als Zutat, als Zitat, als Adiaphoron ist nicht nur inhaltslos, schlimmer noch, sie ist kraftlos, verliert die Kraft uns zu unserem Heil hinzuführen.
Die Synthese von Glauben und Anbetung wiederzufinden kann uns weiterhelfen. In der Geschichte können wir die Ursachen und die Entwicklung der Trennung des Leibes Christi kennenlernen.
Zur Einheit zurück führt aber wahrscheinlich nur ein Weg:
Geleitet durch den Hl.Geist wieder die Einheit von verständig angenommenen Glaubensinhalten und den dazugehörigen Formen glaubensentsprechender Anbetung zu leben, wie wir sie an den noch lebendigen Quellen der alten Kirche finden können.


keine E-mail

Briefadresse:
Vater JOHANNES Nothhaas
Pfarrer
Mühlweg 55
D - 55 128 MAINZ








Die Göttliche Liturgie
als Vergegenwärtigung von
Opfer, Kreuz und Heil


Predigt
von
Metropolit Anthony (Bloom)


Ich möchte heute mit uns über die Göttliche Liturgie nachdenken, darüber, was sie darstellt, wie wir an ihr teilhaben können, und dies nicht nur während des Gottesdienstes. Da sind wir mit Herz und Seele dabei. Aber auch sonst gilt es an ihr teilzuhaben, woran die Menschen durchaus nicht immer denken und was doch aus einer grundsätzlichen inneren Beteiligung hervorgeht. Zunächst will ich mit euch darüber nachdenken, was Liturgie ist.

Im Mittelpunkt der Göttlichen Liturgie steht das Opfer Christi am Kreuz; zum Verständnis dieses Opfers befähigt uns das ganze Alte Testament, zumal jener Teil, den wir nicht immer so bewußt annehmen, nämlich die gesetzliche Regelung des Opferwesens. Häufig stellt sich die Frage, weshalb denn diese Opfer festgesetzt wurden, welchen Sinn die Darbringung eines Lämmchens zur Besänftigung Gottes haben könnte? Vermag denn das Blut wortloser Tiere eine Rechtfertigung und Reinigung für den Menschen zu sein? Hier gilt es zu begreifen, worum es bei diesen Geboten geht und wie das Alte Testament die Akzente setzt. Dabei wollen wir uns mit Herz und Seele in Zeiten versetzen, die der unseren nicht gleichen, die aber leicht verstanden werden können, wenn man sich etwa folgendes klarmacht: Da wird ein Auto von einem betrunkenen Fahrer gesteuert. Er überfährt einen Passanten und verletzt ihn tödlich. Was geschah? Wie kommt es, daß einer einen Fehler macht, und ein anderer dafür mit seinem Leben bezahlen muß? Genau darin besteht das Herzstück der Opferung in Bezug auf die menschliche Sünde.

Man stelle sich die Situation im Alten Testament vor: Jüdische Nomaden ziehen mit ihren Herden von Schafen und anderen Tieren umher. Da wird also bei einem Armen - Reiche gab es nicht - ein Lämmlein geboren. Wir sehen am Beispiel der alttestamentlichen Erzählung, die von einem Ereignis aus dem Leben des Königs David berichtet (2Sam), wie eng der Hirte mit dem Lämmchen verbunden war, das in seiner Herde geboren wurde. Es war nicht nur ein Zeichen für potentiellen Wohlstand, es wurde vielmehr gleichsam in seine Familie hineingeboren, man liebte es in seiner Gebrechlichkeit, es war klein und bedurfte des Schutzes, und es war auf Zuwendung und Wärme angewiesen.

In dieser Erzählung vom König David heißt es, er habe in seiner Verblendung einem anderen Manne die Frau weggenommen, obwohl dieser im Krieg für ihn focht. Der Prophet Nathan will ihn ermahnen und kommt zu ihm. Er tut das nicht auf direktem Wege, sondern erzählt ihm ein Gleichnis: Es war ein armer Mann, und er hatte nur ein Schäfchen. Das lebte in seinem Hause, er fütterte es, beschützte es, ihm galt all seine Liebe und Fürsorge. Er hatte niemanden sonst auf der Welt, und so hielt er es wie ein Töchterchen. Und da war ein wohlhabender Nachbar, der einen Gast hatte. Er besaß viel Vieh, aber er schonte seine Herde und nahm das Lämmchen des Armen, ließ es schlachten und seinem Gast als Speise vorsetzen ... Wie reagierte David darauf? Er rief empört: Dieser Mann ist des Todes. Er nahm das Kostbarste, was der Arme besaß, so daß ihm nichts blieb ... Da sagte Nathan zu ihm: Du bist der Mann; Uria hatte nur einen Schatz, das war seine Frau, die er liebte, die ihm alles bedeutete, du aber bist König, du hast alles, und doch hast du sie ihm weggenommen ... Aus dieser Erzählung spüren wir die Wärme und Zuneigung, die zwischen dem Hirten und dem Schäfchen bestand, zwischen dem Menschen und seiner Herde.

Auch in Christi Erzählung vom verirrten Schaf wird dies deutlich. Rein "wirtschaftlich" betrachtet, hat ein in den Bergen verirrtes Schaf kaum eine Bedeutung. Sollte man denn 99 Schafe allein lassen, sie der Gefahr aussetzen, daß sie auseinanderlaufen und dem Wolf zum Opfer fallen oder von Räubern weggetrieben werden? Natürlich nicht! Schließlich werden neue Schafe geboren, die den Verlust ersetzen. Aber hier wird nicht wirtschaftlich gedacht, hier begegnet uns ein völlig anderes Verhalten. Das entlaufene Schaf ist Glied seiner Herde, hier wurde es geboren. Er wird es, solange es klein war, auf seinen Schultern getragen haben oder auf seinem Arm, wenn die Herde einer neuen Weide zugetrieben wurde. Er achtete darauf, er schützte es vor Krankheit und Kälte, vor Hunger und wilden Tieren und wohl auch vor der Grobheit anderer Schafe. So war es nicht nur ein Schaf für ihn, das tausend andere ersetzen konnten, es war ein ihm vertrautes Tier, und deswegen kann er gar nicht anders, als es zu suchen.

Wenn wir uns nun den Opfern im Alten Testament zuwenden, wollen wir dessen eingedenk bleiben, was wir über die Empfindungen des Menschen zu einem verlorengegangenen Schäfchen erfahren haben, drohte ihm doch der Tod!

Da spricht der Herr zu ihm: Du bist ein sündiger Mensch. Du lebst unrein vor mir, und du tust Unrecht; und weil du Unrecht tust, mußt du mit eigener Hand eines deiner Schafe schlachten, und du sollst dafür ein makelloses Tier auswählen, das schönste, an dem dein Herz hängt, das deine Freude ist wie das Kind in deinem Hause... - Warum dies? Warum soll ich das tun? Weil das Unrecht des Schuldigen leidvoll dem Unschuldigen auferlegt wird. Wenn du es tötest, wirst du dir die Frage stellen, ob du abermals treulos, unehrlich, ungerecht handeln kannst? Du wirst inne, wer für deine Sünde bezahlt hat, und dir wird bewußt, wen der Fluch deiner Sünde trifft.

So wurden jahrhundertelang die Menschen im Alten Testament erzogen, daß die eigene Sünde unbedingt Leiden, Qual und Tod dem Unschuldigen bringen muß, und der Schuldige dadurch verschont wird. Ein Ungerechter weiß sich aus der Klemme zu ziehen, aber der geliebte Reine, Zarte, Schutzlose bezahlt mit seinem Leiden als Konsequenz aus meiner Sünde. Darum war das Alte Testament gegenüber dem Menschen so streng: Du mußt das schönste Schäfchen aussondern und für den Tod bestimmen, mußt es zum Opfer bringen und augenscheinlich fast körperlich spüren, was Sünde bedeutet ... Sünde bedeutet Tod, Leiden, Schrecken, je Todesangst für ein unschuldiges Wesen, obwohl es deine Sünde ist, bringt sie ihm oder ihr Leid.

Nunmehr wird klar, wie tödlich die Sünde wirkt. Damals hat eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war, das schrecklich an sich erfahren. Wahrscheinlich denken sie jetzt an das 8. Kapitel des Johannesevangeliums (Joh 8,3 ff.). Man hatte eine junge Frau beim Ehebruch ertappt und dem Gericht Christi überstellt: "Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?" ... Ich will jetzt nicht darauf eingehen, was Christus gesagt hat; ich möchte vielmehr das Augenmerk auf die junge Frau richten. Sie hatte aus Leichtsinn, vielleicht auch verlockt und verführt, gesündigt. Wahrscheinlich hat sie wie wir alle gedacht: Ich werde es später durch Buße in Ordnung bringen, aber es wird immer wieder vorkommen, daß es kein anderes Mal gibt ... Hier war es so. Man ergriff sie. Sie sah sich vor Christus geführt und kannte das Gesetz. Nun begreift sie körperlich, seelisch, mit ihrem ganzen Wesen, wie Sünde und Tod das Gleiche sind. Weil sie gesündigt hatte, wird sie nun sterben. Sie begreift, daß vor Gottes Gericht immer die Sünde den Tod nach sich zieht ... Es bewirkt die gleiche Erfahrung wie im Falle des Hirten und seines Lämmchens. Tod und Sünde scheinen für uns so weit auseinanderzuliegen, daß sie nichts miteinander zu tun haben; sündigen tue ich jeden Tag; sterben werde ich irgendwann einmal später. Doch plötzlich wird unübersehbar, wie recht der Apostel Paulus hatte, wenn er den Tod der Sünde Lohn nennt (Röm 6,23). Wie recht hat das Buch Genesis, in dem eingangs berichtet wird, daß der Mensch sündigte und der Tod in die Welt kam. Uns deucht das so weit weg und unrealistisch, aber wie real wurde es für diese junge Frau, die für einen Augenblick der Sünde plötzlich vor dem Tod stand, dem endgültigen, dem plötzlichen. Und dieser Tod war grausam; von Steinen erschlagen zu werden, einsam zu sterben, von allen verworfen ... Eben das Gleiche durchlitt der Hirte, der seine Sünde auf ein geliebtes Tier legen mußte und damit seinen Tod bewirkte.

Darin bestand der Sinn alttestamentlicher Opferung, und deshalb sprechen Altes und Neues Testament (das Alte Testament prophetisch, das Neue faktisch) von Christus als dem Lamm Gottes, das die Sünden der Welt auf sich nimmt (Joh 1,29).

Er nimmt die ganze Sünde der Welt auf sich. Er, der Makellose, Reine, Sündlose muß sterben, weil Er aus freiem Willen einer von uns werden wollte. Er ist nicht nur Gott im Himmel, Er ist Mensch auf der Erde. Ein sündloser, ein reiner Mensch, wie das Opferlamm rein und makellos sein muß. Und weil sich um Ihn die Sünde häuft, bringt sie über Ihn Fluch und Tod. Christus wird für den Tod geboren. Bereits als Kind von Bethlehem ist Ihm wie einem neugeborenen Lamm das Los eines blutigen Opfers bestimmt. Wenn wir am Heiligen Abend vor der Krippe Christi stehen, sollten wir daran denken, was das bedeutet. Gewöhnlich zeigt uns die Weihnachtsikone eine Krippe. Ich denke an eine alte griechische Ikone, wo alles dargestellt wird, wie wir es gewohnt sind: die Grotte, die Jungfrau und Gottesmutter, Josef, die Hirten, die Engel, Tiere und die Weisen, aber etwas ist ganz anders als bei den sonstigen Ikonen. Statt der Krippe liegt Christus auf dem Opferaltar, ein hoher von Steinen errichteter Opferaltar, und Er liegt dort wie ein Lamm. Er liegt dort, weil Er dazu in die Welt kam, um für die Sünden der Menschen geschlachtet zu werden. Bereits im ersten Augenblick Seiner menschlichen Existenz war Er das Opfer.

Auch in der Taufe des Herrn wird dieses Bild lebendig. In der Weihnachtsnacht wurde der Retter nach dem Willen des Vaters und dem gehorsamen Liebeswillen des Sohnes geboren. Jetzt aber ist Er kein Säugling mehr, jetzt steht Er als ausgewachsener Mann, als der Christus Jesus im Wasser. Vormals bestimmte der göttliche Rat, der göttliche Entschluß unser Heil als durch den Kreuzestod des Gottmenschen vollzogen; jetzt aber beschließt nicht allein Gott, jetzt muß der Mensch Jesus Christus verwirklichen, was der ins Fleisch gekommene Gott durch Seine Inkarnation auf Sich nahm. Wieviele Menschen mögen vor Ihm zum Jordan gekommen sein, um von ihren Sünden symbolisch, bildhaft gewaschen zu werden. Sie tauchten unter in den Wassern des Stroms, und diese wurden gleichsam belastet mit der menschlichen Sünde, sie wuschen sie ab, und die Sünde blieb gleichsam in den Wassern als schwere Last mit tödlichem Ausgang zurück. In diese Wasser taucht der sündlose unschuldige Christus ein. Bei Ihm braucht nichts abgewaschen zu werden, Er ist rein, aber Er taucht unter in diese tödlichen und todbringenden Fluten, in die menschliche Sünde und steigt aus den Wassern, als habe Er diese Sünden auf Sich genommen und sie durch Sein Untertauchen wieder gereinigt. Die Fluten des Jordans bergen in sich Reinheit, die sie dadurch erwarben, daß Christus die Sünden aus ihnen auf Sich nahm, der Gottmensch heiligte sie durch Seine Berührung. Wir sind Christus gegenüber in der gleichen Lage wie der Hirte, wie der alttestamentliche Herr der Schafherde zu seinem Lämmlein, das er schlachten muß und dem Tode anheim geben, weil er selbst sündig ist.

Wir vermögen das nicht nachzuempfinden. Christus lebte vor 2000 Jahren. Die Ikonen haben diese schrecklichen Bilder veredelt, und der Gottesdienst hat all dieses Geschehen wohlanständig gemacht. Wir betrachten die Ikonen der Kreuzigung, ohne den sterbenden Menschen, Jesus Christus, am Kreuz wahrzunehmen, die Ruhe des Friedens hat sich auf diese argen Bilder gelegt. Aber wir dürfen das nicht vergessen! Wie können wir das vergessen und in der Liturgie nur einen schönen Gottesdienst sehen, der uns so viel gibt und uns so viel sagt?! Vermögen wir denn nicht durch diese Schönheit die tragische Realität dessen zu sehen, was sie darstellt? Der Tod ist nicht schön. Er kann erhaben sein, aber nicht schön sein. Wir müssen uns von den vertrauten Bildern, die uns im kirchlichen Gottesdienst begegnen, losreißen und hineinbegeben in die Realität der Ereignisse selbst.

Überall, während des ganzen Gottesdienstes, können wir das erleben. Kreuz und Kreuzigung, worauf wir schauen, stellen für uns Opfer und Sieg Christi dar, aber wir dürfen nicht nur den Sieg sehen. Die Priesterkleidung weist uns auf die königliche Würde des Siegers Christus hin, wir aber sollten nicht vergessen, für welchen Preis der Menschensohn diese Würde erwarb. Häufig sagt man, der bischöfliche Gottesdienst konzentriere sich auf den Bischof. Daß wir doch verstehen könnten, was er an sich darstellt in den verschiedenen Handlungen, die ihn umgeben. Es sind schreckliche und durchaus nicht strahlende Bilder des Neuen und Alten Testaments.

Der Bischof betritt die Kirche, er steht in ihrer Mitte, für alle sichtbar, und man nimmt ihm die Oberbekleidung ab. Ist das nicht ein Gleichnis dafür, was in der Passionsnacht mit Christus geschah, als Er entkleidet wurde und allein blieb, vor aller Augen die Geißelung, die Schande und den Spott erwartete? Christus hat zu Petrus gesagt: "Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst" (Joh 21,18). Auch der Bischof hebt die Arme, und man legt ihm den Gürtel an, der die Bereitschaft zur Tat symbolisiert. Wir können darin nur die Zurüstung zum Dienst des Bischofs sehen, wir können auch dieses schreckliche Bild sehen, das sich vor Petrus auftat, als Christus ihm jenen Tod ankündigte, den er sterben würde. Die Mitra symbolisiert die Dornenkrone, sind wir willig, das so zu sehen oder sind wir blind dafür? ... Und vor allen Dingen der Priester bekleidet sich vor dem Dienst mit einem weißen Hemd, das Makellosigkeit und Reinheit darstellt, eben jene Reinheit des Lammes, das zur Schlachtung geführt wird. Gewiß, das sind Bilder, wir können sie wahrnehmen oder blind ihnen gegenüber sein, und das läßt sich über alles sagen, was in der Kirche geschieht.

Schrecklich ist es nur, wenn wir uns von der Schönheit blenden lassen und von der Harmonie all dessen verzaubert werden, was vor unseren Augen abläuft und dabei vergessen, was es an sich bedeutet. Christus ist das Lamm, geboren zum Tod, gelegt in eine Krippe, die den Opferaltar darstellt, Er ist das Lamm geboren in einer Grotte, die die Grabkammer in jenem Garten ankündigt, wo Sein atemloser Körper - oder sagen wir’s einfacher: Sein Leichnam - nach einem schrecklichen Tod am Kreuz hingelegt wird. Und Sein ganzer Lebensweg führt Ihn zum Abendmahl.

Im Bericht über das Abendmahl wird bei den verschiedenen Evangelisten ziemlich vollständig das jüdische Passahmahl am Abend dargestellt. Aber das allein genügt nicht. Im Mittelpunkt der jüdischen Passahnacht stand das geschlachtete Lamm, das zerteilt wird. Und keiner der Evangelisten erwähnt das Lamm, weil der Mittelpunkt des Abendmahles Der ist, Der Gottes Lamm ist. Das Lamm des Alten Testaments, das Lamm der Opferung war nur ein Bild, eine Vorbereitung darauf, daß wir verstehen und sehen sollten. Jetzt ist es nicht mehr nötig: Inmitten der Jünger sitzt das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt auf sich nimmt, dem Tod und der Kreuzigung entgegengeht.

Erinnern wir uns an den Propheten Jesaja, der von Christus sagt: "Seht, mein Knecht ... Viele haben sich über ihn entsetzt, so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen. Jetzt aber setzt er viele Völker in Staunen, Könige müssen vor ihm verstummen. Denn was man ihnen noch nie erzählt hat, das sehen sie nun; was sie niemals hörten, das erfahren sie jetzt. Wer hat unserer Kunde geglaubt? Der Arm des Herrn - wem wurde er offenbar? Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Sproß, wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, so daß wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, daß wir Gefallen fanden an ihm. Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht. Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen. Er wurde mißhandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf. Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen. Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war. Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab. Er wird Nachkommen sehen und lange leben. Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen. Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich. Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen, und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein" (Jes 52,13-53,12).

Und von der Gottesmutter heißt es: "Freu dich, du Unfruchtbare, die nie gebar, du, die nie in Wehen lag, brich in Jubel aus und jauchze! Denn die Einsame hat jetzt viel mehr Söhne als die Vermählte, spricht der Herr" (Jes 54,1).

Wir haben hier Bilder der Opferung, prophetische Worte. Das ganze Alte Testament ist darauf ausgerichtet, daß das Lamm Gottes kommt, zum Sterben geboren wird, die Sünde auf sich nimmt, die Wahrheit verkündigt, Heiligkeit offenbar macht, Sich freiwillig Folter und Qual aussetzt, am Kreuz stirbt und durch den Tod den Tod besiegt.

In dieser Nacht freilich geschah etwas Besonderes. Christus nämlich, der große Hirte, der Hohepriester der Kirche hat diesen göttlichen Dienst Selbst vollzogen. Er brach das Brot, Er verteilte den Kelch und dennoch bleiben die Jünger, die an diesem Brot und Kelch teilhatten, diejenigen, die sie früher gewesen waren. Denn dieses Abendmahl, das von Christus noch auf der Erde gefeiert wurde, war Prototyp dessen, was kommen sollte im Laufe der nächsten Tage, die wir die Leidenswoche nennen. Es war gewissermaßen eine Schau jener Liturgie, die wir nach Kreuz und Auferstehung, nach Himmelfahrt und Pfingsten hier vollziehen. Sie war ein Vorbild auch deswegen, weil das Wesen des Geheimnisses noch nicht vollendet war. Die Nacht von Gethsemane, der Verrat, die Leidenstage, Kreuz, Auferstehung und Verherrlichung des Erlösern waren noch nicht geschehen, und die Gabe des Heiligen Geistes, Der auf die Jünger fallen sollte, um sie fähig zu machen, Frucht zu tragen, war noch nicht ihnen gegeben. In diesem Sinne war auf unbegreifliche, schreckliche Weise, dieses Abendmahl, von Christus Selbst vollzogen, noch Erwartung des künftigen, größeren, realen.

Allerdings hat Christus das ganze Werk der Rettung vollbracht, alles ist getan, nichts mehr hinzuzufügen in der Ordnung des göttlichen Heilsplans, und wir feiern die Liturgie. Aber auch sie ist nur ein Abbild dessen, was wir erwarten, trotz ihrer unbegreiflichen Größe, ungeachtet dessen, daß in ihr uns real, gegenständlich, geistlich das ewige Leben vermittelt wird, erwarten wir dennoch das größere. Nach der Kommunion sagt der Priester in einem kurzen Gebet: "Gewähre uns, Wahrhaftiger, mit Dir zu kommunizieren am abendlosen Tag Deines Reiches." Denn diese Göttliche Liturgie stellt gleichzeitig sowohl das Geheimnis der rettenden Tat Christi als auch das des künftigen Äons dar, der in seiner Fülle in all seiner Macht und Herrlichkeit erst nach der zweiten Wiederkunft Christi offenbar wird. Dennoch ist dies nicht nur Erwartung, nicht nur ein Bild; die Göttliche Liturgie ist nicht ein Gleichnis, sie ist Realität, aber eine Realität, die wir jetzt noch nicht in ihrer Fülle begreifen können und die uns noch nicht in ihrer ganzen Macht und Herrlichkeit zuteil werden kann. In der Göttlichen Liturgie geschieht ein Wunder, nämlich das, daß alles, was wir in Zukunft noch erwarten, in einem uns zugänglichen Maße bereits jetzt geschenkt wird. In einem der stillen Gebete des Priesters heißt es: "Laß uns heute Anteil haben an Deinem Reich, welches noch kommen wird: Laß uns heute teilhaben an dem, was noch bevorsteht." Denn die Liturgie ist nicht Bild noch Gleichnis, sondern eine Vorwegnahme, ein Vorgeschmack, weil in der Göttlichen Liturgie schon jetzt (für einen Augenblick und in jenem Maße, in dem es uns zugänglich wird nach unserem Verhaftetsein im Fleisch, nach unserer Sündhaftigkeit und nach der Sündhaftigkeit der ganzen Welt) wir die Ewigkeit vorwegkosten, an ihr teilhaben, mit ihr kommunizieren. Und darin besteht bei der Spendung der Sakramente der eigentliche Sinn der Anrufung des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist gibt Zeugnis, daß das künftige Zeitalter schon angebrochen ist. Das künftige Zeitalter (wir wissen es selbst) ist für uns erst partiell heraufgekommen; obwohl erkauft, sind wir dennoch sündhaft; obwohl in der Vereinigung mit Christus, sind wir nicht wie Er makellose Lämmer; obwohl wir die Gabe des Heiligen Geistes empfangen haben, brennen wir nicht in einer hellen Flamme, sondern trübe und von Zeit zu Zeit.

In diesem Sinne ist das künftige Zeitalter, die Teilhabe sowohl an der Fülle dessen, was der Mensch in Christus darstellt, als auch am Leben des Geistes in uns nur partiell ausgeprägt. Und deswegen bleibt das Festmahl der Ewigkeit, an dem wir teilhaben, Erwartung und Vorgeschmack, Sehnsucht nach ihm, aber nicht Realität in ihrer Fülle. Wir rufen den Heiligen Geist, Er kommt herab, Er erfüllt alle mit Sich: Brot und Wein werden tatsächlich zum Leib und Blut Christi; aber wir sehen sie nicht brennend und leuchtend in der göttlichen Teilhabe. Zwar empfangen wir die Geheimnisse, und in uns wird für einen Augenblick das Licht göttlicher Gegenwart entfacht, aber trübe, sacht, nicht für lange. Wir leben einerseits von jener Fülle, die uns gegeben wird - und nicht nach Maß (Joh 3,34) - , sondern die wir empfangen nach dem Maße unserer Kräfte; und andererseits leben wir in der Erwartung dessen, daß diese Göttliche Liturgie einst kein Gottesdienst, sondern Realität des ganzen Lebens sein wird, wenn dann, wie das Buch der Offenbarung sagt (Offb 21,22), im neuen Jerusalem es keinen Tempel mehr geben wird, weil Gott der Tempel ist, und es wird keinen Gottesdienst mehr geben wird, keine Opfer, sondern nur noch eins: das Leben Gottes, das wie ein Strom, wie eine Quelle in uns fließt und sprudelt.

Das ist es, was wir erwarten; dennoch ist die Göttliche Liturgie, wie wir sie jetzt kennen und wie wir sie feiern, bereits heute siegreiche Wirklichkeit, weil sie die Sünde, den Tod, den Hades besiegt. Es ist Vorgeschmack der letzten Herrlichkeit und des großen Triumphes, aber es ist schon der Sieg Gottes auf der Erde und unsere Teilhabe an diesem Sieg.

Wenn wir diese ganze grandiose Kette von Ereignissen bedenken, sehen wir, daß jedes Ereignis gewissermaßen ein Vorzeichen, eine Vision dessen ist, was sein wird, und damit zugleich eine Teilhabe an dem, was kommen wird; denn das, was kommt, ist bereits in Gott Realität, in Seiner Weisheit und in Seiner Liebe. Das Blut der Lämmer hat schon die alttestamentliche Menschheit gereinigt im Blick auf das kommende Lamm; das Blut des Lammes Christi hat schon das Geheimnis der Göttlichen Liturgie gefeiert, obwohl das, was beim Abendmahl geschah, nur ein Abbild dessen war, was in der Passionswoche und in den Ostertagen sich vollendet und was durch die Jahrhunderte in unseren bescheidenen Kirchen geschieht. Damals hielt Christus den Gottesdienst, Er, das Lamm, aber das Ereignis war noch nicht vollendet, und so blieb es ein Abbild. Jetzt vollziehen wir diesen Gottesdienst, obwohl das Ereignis abgeschlossen ist, und die Wirklichkeit der Teilhabe daran ist ganz hier, aber daß sie nicht Christus Selbst vollzieht, erinnert uns daran, daß all das noch auf der Erde ist; wir aber erwarten die kommende himmlische Herrlichkeit.¯

Aus: Stimme der Orthodoxie 1/99, Hsgb. und Chefredaktion Erzpriester Vladimir Ivanov,
Verlag Berliner Diözese der Russisch-Orthodoxen Kirche (Moskauer Patriarchat), S. 25 ff.

***Quelle: St. Andreas Bote






***Quelle
Erfahrungen eines Protestanten (Dipl.theol.Andreas Müller, München) mit der
Gottesdienstlichen Spiritualität der Orthodoxie:

"Wir haben das wahre Licht gesehen ..."

So singt in der Göttlichen Liturgie der Chor nach dem Empfang der Kommunion durch die Gläubigen. Das Schauen des Göttlichen Lichtes, die Erfahrung der Anwesenheit Gottes durch seine ungeschaffenen Energien in der Liturgie, das ist das Zentrum der orthodoxen Frömmigkeit.

Die Göttliche Liturgie wird nicht nur für das menschliche Auge mit prächtigem Kleiderschmuck der Zelebranten und umgeben von goldgemalten Ikonen gefeiert. Es erklingen nicht nur für das menschliche Ohr die reinen byzantinischen Gesänge. Es wird nicht nur zum Genuss durch die menschliche Nase wohlriechender Weihrauch verwendet. Die Göttliche Liturgie wird gehalten in der Gemeinschaft mit allen Heiligen, den Engeln, Cherubim und Seraphim, mit allen Gott Umgebenden, ja in Gegenwart Gottes selber. Daher muss es hier in allem schön aussehen, wohl klingen und gut riechen.
Der gläubige Mensch erfährt in der Liturgie besonders eindrücklich seine Gemeinschaft mit Gott, ja wird erhoben ins göttliche Sein, um in ihm Heil und Leben zu empfangen. Aus diesem Zentrum christlicher Existenz heraus lebt der orthodoxe Christ sein christliches Leben. An dessen Anfang steht der Gottesdienst und die dort gemachten Erfahrungen mit Gott.

Für mich als Protestanten ist diese zentrale Stellung des Gottesdienstes im Rahmen der christlichen Existenz etwas sehr Eindrückliches. Ich habe lernen können, dass uns Gott im Gottesdienst selber heiligen will. Dies geschieht nicht nur durch eine gute Predigt, die sicher auch wichtig ist, um nicht ausschliesslich zur Gestaltung des menschlichen Lebens und zur Bildung des christlichen Glauben auf sich vielleicht nicht einstellende Erfahrungen begrenzen zu müssen. Aber die Predigt ist eben nicht alles. Man kann Gott als das Wort nicht nur rational begreifen, das Wort muss vielmehr Fleisch werden. Daher müssen wir Protestanten uns mehr Gedanken darüber machen, wie die Nähe Gottes, wie die Gemeinschaft der Heiligen, in unseren Gottesdiensten erfahrbar werden kann.

Beeindruckend in den orthodoxen Gottesdiensten ist nicht nur ihre vorgegebene Gestalt, beeindruckend ist auch die Art, wie orthodoxe Gläubige ihre Gottesdienste feiern. Ich denke dabei vor allem auch an die Länge der Gottesdienste. Sicher nehmen nicht alle orthodoxen Christen an der ganzen Liturgie inklusive dem vorhergehenden Orthros teil. Aber es gibt doch eine Menge von Christen, die den Gottesdienst sowohl als einen Dienst Gottes an den Menschen wie auch als einen heilsamen Dienst der Menschen an Gott begreifen. Aus der Dankbarkeit über Gottes Erlösung und Heiligung heraus dient man Gott mit dem Mitfeiern der Liturgie.

Leider ist diese viel zu selten aktiv gestaltet. Es wäre schön, wenn beispielsweise wie in Rumänien oder in der koptischen Kirche die ganze Gemeinde zumindestens das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser gemeinsam sprechen würden. Auch halte ich es für eine gute Praxis, die zentralen Troparien, das Apolytikon des Tages bzw. der Festzeit o.ä. gemeinsam zu singen, damit das Gotteslob auch deutlich hörbar von der ganzen Gemeinde ausgehend erschallt.

Wir Protestanten können von unseren orthodoxen Geschwistern lernen, wie man aus einem inneren Bedürfnis heraus auch lange Gottesdienste gerne durchhält, um Gott zu loben und zu danken. Wir können lernen, dass die Gottesdienste dabei nicht in besonderer Weise für die Gemeinde vorbereitet werden müssen. Es war eine erstaunliche Erfahrung bei meinen z.T. mehrmals täglichen Gottesdienstbesuchen in Thessaloniki, dass die vielen gleichen Texte besonders bei den drei gebräuchlichen Gottesdiensttypen keineswegs zur Langeweile führen oder einfach nur noch abgespult werden. Im Gegenteil haben sich mir Texte, die ich vielleicht schon tausendmal gehört hatte, plötzlich auf eine besondere Weise erschlossen.

Dabei ist mir klar geworden, dass das in den protestantischen Gottesdiensten zu beobachtende Streben nach Originalität und Kreativität nicht unbedingt mehr bewirkt als die immer gleichbleibenden Texte und Gesänge der Orthodoxie. Vielmehr scheint Gottesdienst sogar nach Wiederholung zu verlangen. Durch diese wird nämlich auch in der Liturgie Heimat begründet. Ohne feste Heimat hat der Mensch kaum die innere Ruhe zu wirklichen Begegnungen zu kommen.

Schon Begegnungen mit den Mitmenschen fallen ohne diese Heimat schwer, vor allem aber Begegnungen mit dem Unfassbaren und nicht begreiflichen ganz Anderen, mit Gott. Durch Kreativität und Originalität besteht die Gefahr, von den menschlichen Versuchen von Aussagen über Gott nicht zu wirklichen Erfahrungen desselben jenseits aller weltlichen Vorstellungsmöglichkeiten zu gelangen.

In der orthodoxen Kirche herrscht ein grosses Einverständnis darüber, dass unser Weg zu Gott weder allein durch unsere subjektive Gotteserfahrungen bestimmt sein kann noch ausschliesslich durch einen subjektiven Zugang zu einer vermeintlich als einzige Autorität geltenden Schrift.
Orthodoxe Christen wissen sich bei ihrem Weg zu Gott verankert in der Tradition der Kirche.



QUELLE:
Wir wollen hier unsere Orthodoxie auch aus einem Blickwinkel beleuchten, der für unsere Umgebung vielleicht leichter zugänglich ist, als unser eigener.
Wir danken Gott für solche Stimmen und werden - mit Ihrem Einverständnis - auch in Zukunft zu mehreren Themen in Fortsetzung diese und ähnliche Stimmen zu Wort kommen lassen.

Mit einem Stipendium der Heiligen Synode der griechischen orthodoxen Kirche war der evangel. Dipl.theol. Andreas Müller aus München für 2 Jahre zu einem Aufbaustudium in Griechenland. Dank der Grosszügigkeit der Oekumenischen Patriarchen Bartholomäus konnte er im Vlatadon-Kloster in Thessaloniki wohnen und hatte so die Möglichkeit dort täglich zweimal den orthodoxen Gottesdiensten beizuwohnen.
aus:
Rundbrief der Griech.-Orth.-Kirchengemeinden in Ost-Westfalen-Lippe, Nr. 431 / Mai 1997
hier aus:

 



HERAUSFORDERUNG "SPRACHE":

Sprache und Liturgie

ein Beitrag zur Situation in den USA
und bei uns ???

„Es ist wirklich ein Ärgernis für die Einheit der Kirche mehr als einen Bischof in einer Stadt zu haben; es widerspricht den heiligen Kanones und der orthodoxen Ekklesiologie. Es ist ein Ärgernis, das verschlimmert wird, wann immer ethnozentrische Motive eine Rolle spielen, eine Praxis, die von der Orthodoxen Kirche im letzten (19.) Jahrhundert heftig kritisiert wurde.“
Der verstorbene Ökumenische Patriarch Dimitrios von Konstantinopel

Es war einmal, vor einer Generation, dass ein griechischer Amerikaner zu sein bedeutete, etwas über die griechische Sprache zu wissen. Könnten wir ein „instant“-Griechisch haben, also durch eine „Schöne Neue Welt“-Methode Griechisch ohne Anstrengung im Schlaf lernen, würden sogar heute viele griechische Amerikaner mitmachen. Aber das Erlernen und der Gebrauch von Griechisch verlangt eine bewusste Anstrengung und diese Anstrengung scheuen im Großen und Ganzen die in Amerika geborenen Eltern für ihre Kinder und besonders für die Kinder aus Mischehen. Immer mehr wird statt der griechischen Sprache die Mitgliedschaft in der Griechisch-Orthodoxen Kirche zum Merkmal griechischer Identität in Amerika.

Das Problem der Sprache und Liturgie in der Griechisch-Orthodoxen Kirche in diesem Land (d.i. USA) ist ärgerlich. Das orthodoxe Christentum hält an einer Tradition fest, dass Liturgiesprache und Landessprache gleich sein sollen. Aber wir müssen anerkennen, dass viele griechische Muttersprachler (aber keineswegs alle) und einige in Amerika geborene den großen und verständlichen Wunsch haben, die Muttersprache in diesem Lande zu erhalten. Diese Haltung wiederum  stößt bei denen, für die Griechisch eine fremde Sprache ist, auf Unverständnis.

Was die Sprachenfrage noch zusätzlich erschwert, ist, dass die Liturgie von einzigartiger Wichtigkeit in der Ostkirche ist. Die Gegenwart und die Teilnahme von Laien an der Liturgie ist unverzichtbar. Ein orthodoxer Priester kann die Eucharistie nicht ohne die Beteiligung von Laien zelebrieren. Der Kirchgänger möchte seinen Glauben angemessen, ja inspirierend, wiederfinden, verkörpert in den Worten und Handlungen der Liturgie, dem Teil der religiösen Erfahrung, der das beherrschende und beständigste öffentliche Bekenntnis darstellt und die meisten Herzen bewegt. Orthodoxe Christen werden, mehr als westliche Christen, in ihrer Bindung zum Christentum durch die Liturgie geformt.

Schon 1927 kam ein Bischof in Boston zur Überzeugung, dass Griechisch-orthodoxe als gläubig betrachtet werden können, auch wenn sie kein Griechisch verstehen. Aber da war er noch ein Rufer in der Wüste. Erzbischof Athenagoras war in Sprachenfrage konservativ, wahrscheinlich um einen Streit mit den Laien der Kirchenvorstände zu vermeiden. Sogar in den Sonntagsschulen wurde der Gebrauch des Griechischen als Unterrichtssprache bis in die 40er Jahre verlangt. Ernsthafte Vorschläge für eine Liturgie in Englisch wurden in den 50ern gemacht, aber Erzbischof Michael erlaubte Englisch nur in der Predigt. Während der 50er Jahre geschah eine größerer Umschwung in der griechisch-orthodoxen Zuwendung zu den in Amerika Geborenen durch die von Laien geführte griechisch-orthodoxe Jugend von Amerika (GOYA). Bezeichnenderweise erlaubte Erzbischof Michael Englisch als GOYAs offizielle Sprache. GOYA diente als Keimzelle für eine Generation von Laienmitarbeitern in der griechisch-orthodoxen Gemeinschaft.

Im Jahre 1964 erlaubte der Kleriker-Laien-Kongress, dass bestimmte Lesungen und Gebete in der Liturgie in Englisch wiederholt werden. Im wichtigen Kleriker-Laien-Kongress von 1970 wurde, nach einem persönlichen Appell von Erzbischof Iakovos, eine Liturgie in Englisch erlaubt, abhängig von der Beurteilung durch den Gemeindepfarrer und der Zustimmung des Bischofs. Das Fortschreiten zum Englischen wäre unvermeidlich gewesen und relativ glatt gegangen, wäre nicht in den späten 60er und frühen 70er Jahren ein großer Zustrom von neuen Immigranten aus Griechenland gekommen. Mit ihrer Ankunft konnten sich die älteren Traditionalisten mit einer jüngeren Gläubigenschar, die der griechischen Sprache verpflichtet war, vereinigen. Die Griechisch-Orthodoxe Kirche war eigentlich im Jahre 1965 eher für Englisch bereit als 1980. Während der 80er Jahre jedoch begann der Trend zu Englisch wieder eindeutig anzusteigen. Tatsächlich beherrschten sogar einige der neu ordinierten Priester die griechische Volkssprache nur sehr mangelhaft.

Das Sprachproblem löst sich in mancher Hinsicht von selbst außerhalb der Liturgie. Der Sprachgebrauch in den Gemeindetreffen, offiziellen Begegnungen und bei Gesprächen spiegelt im Wesentlichen den vorherrschenden Gebrauch unter den Anwesenden wider. Mit etwas Toleranz auf beiden Seiten hat keiner mehr ein ernsthaftes Sprachproblem. Aber die Liturgie bleibt die Quelle eines Zanks um die Sprache. Keiner der verschiedenen Kompromisse – das Singen von Teilen der Liturgie in beiden Sprachen, ein Gottesdienst teils in griechisch teils in englisch, jeden Sonntag abwechselnd die andere Sprache – ist ganz befriedigend. Die Politik der Kirche einer „flexiblen Zweisprachigkeit“, einer Mischung von Griechisch und Englisch, je nach den Anteilen einer Sprache in der Gemeinde, kann nur als vorübergehende Notlösung gesehen werden. Es ist tatsächlich in sich widersprüchlich, wenn Predigt und Bekanntmachungen in den meisten unserer Kirchen in Englisch sind, während die Liturgie in Griechisch ist.

Die Anwendung einer Liturgie in Englisch in der Griechisch-Orthodoxen Kirche in diesem Land wird behindert durch die Tatsache, dass es keine autorisierte Übersetzung der Liturgie gibt. Genau so bedrückend ist, dass es keine gemeinsame Anstrengung gibt, eine Liturgie in englischer Sprache an die liturgische Musik anzugleichen. Die Zeit ist überreif für eine Kommission, die aus Leuten besteht, die gut beschlagen sind in Theologie, Liturgiegeschichte, den Vertracktheiten der englischen und griechischen Sprache und in Kirchenmusik.

Der Mangel einer autorisierten Liturgie in der griechisch-orthodoxen Erzdiözese sollte aber nicht als Vorwand für Nichtstun dienen. Die Antiochenisch-Orthodoxe Kirche (1938) und die Orthodoxe Kirche in Amerika (1971) benutzen seit Jahrzehnten erfolgreich das Englische als hauptsächliche liturgische Sprache und es gibt keinen Grund zu glauben, dass die griechische Erzdiözese nicht das Gleiche tun kann.

Orthodox Christian Laity, Übers. G. Wolf

 




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