Aktuelle Feste im Jahreskreis des Heils

Österliche Zeit

"Österliche Zeit"
Vorbereitende Sonntage | Vorfastenzeit | Fastenzeit | Verkuendigung (25.03./ 7.4.)

Lazarus-Samstag | Sonntag des Einzugs in Jerusalem (der Palmen, der Blumen)
Hohe Woche: Donnerstag | Freitag | Samstag | AUFERSTEHUNGSFEST <<Fest der Feste>>|

Sonntage und Feste im Licht der Auferstehung

Himmelfahrt | PFINGSTEN | Allerheiligen |
Geburt Hl. Johannes d.Täufers |

 

F A S T E N Z E I T


"Fastenregeln" / FASTEN / Kanon der Umkehr unseres Vaters unter den Heiligen ANDREAS von KRETA
Fasten-Hirtenbrief 2007 des Oekumen. Patriarchen BARTHOLOMAIOS: "...Zeit der Geistlichen Kaempfe"
Fasten-Hirtenbrief 2004 des Oekumen. Patriarchen BARTHOLOMAIOS: „Öffne mir, Lebensspender, das Tor zur Umkehr!“
Beten und Fasten - Erzbischof STYLIANOS von Australien
» ... sondern nur durch Beten und Fasten« (Erzpr. Prof. Alexander Schmemann (+ 1983)
Die Große Zeit der Vorbereitung auf die AUFERSTEHUNG
(aus dem "Orthodoxen Glaubensbuch")


"Die Tueren zur Umkehr, oeffne mir, Lebensspender ! ..." 
 
~~~ Komponist: Artemij WEDEL /// Interpretation: F.TSCHALJAPIN mit Chor der Russischen Orthodoxen Kathedrale Paris 1932 ~~~
zur Link-Quelle: "http://www.musicarussica.com"
~~~vollständig:Chor der Christi-Verklärungskathedrale, Moskau /Regent Vladimir LVOV~~~
zur Link-Quelle: "http://en.liturgy.ru/zvuk/zvuk.php"


SONNTAGE der Fastenzeit:

1. Sonntag: Fest der ORTHODOXIE
2. Sonntag: Hl. GREGOR Palamas
3. Sonntag: KREUZVEREHRUNG
4. Sonntag: Hl. JOHANNES von der Himmelsleiter
5. Sonntag: Hl. MARIA von Aegypten

 

 

 

Fastenregeln

Die Fastenregeln der Kirche sind im Kapitel 32 und 33 des Typikons dargelegt.
Vollständiges Fasten, wie in den Grossen 40-tägigen Fasten vor dem Auferstehungsfest vorgesehen, bedeutet Abstinenz von Fleisch, Eiern, allen Milchprodukten, Fisch, Wein und Öl. Der Speiseplan besteht also praktisch nur aus Gemüse, das ohne Öl zubereitet wird, Kartoffeln, Reis und Brot, wobei den Hülsenfrüchten (Erbsen, Bohnen jeder Art, Linsen) besondere Bedeutung zur ausgewogenen Ernährung zukommt. An den Samstagen und Sonntagen dieser Fastenzeit ist laut Typikon zusätzlich Wein und Öl erlaubt, was die Zubereitung der Speisen erleichtert. An einem besonderen Feiertag, wie zum Fest der Verkündigung an die Gottesmutters am 25. März (7.4.) aber z.B. nicht am Sonntag der Orthodoxie ! sind auch Fischspeisen erlaubt.
Dabei ist jedoch immer zu bedenken, dass die Fasten keine Zwangsjacke darstellen, sondern eine Hilfe, die die Abhängigkeiten aufheben und uns auf das Gebet hin orientieren sollen.
Dadurch gehört auch weitestgehender Verzicht auf "Zeitvertreib" und Unterhaltungsmedien.
Ernsthafte Bemühungen in der Überwindung persönlicher Schwächen sind notwendige Begleiter sinnvollen Fastens.
Hingegen sollte bei gesundheitlichen Problemen wirklich nur Überflüssiges dem Fasten unterworfen werden.
Damit hier keine Willkür oder unheilsame Unsicherheit aufkommt, sollte man sich immer mit dem "Geistlichen Vater", zu dem ein jeder Christ für seinen Nächsten werden kann, absprechen !

 

 

F A S T E N
Jes 58: 4 ff

+++

Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr
und schlagt mit gottloser Faust drein.
Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr es jetzt tut,
wenn eure Stimme im Himmel gehört werden soll.

Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe:
Loese die Fesseln derer, die du mit Unrecht gebunden hast;
Loese die Stricke des Jochs !...
Teile mit den Hungrigen dein Brot,
und die im Elend ohne Obdach sind, fuehre in dein Haus...

Dann wird dein Licht hervorleuchten wie die Morgenroete,
und dein Heil wird schnell voranschreiten,
und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen,
und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschliessen.
Dann wirst du rufen, und der Herr wird dir antworten.
Wenn du schreist, wird ER sagen:
Siehe, hier bin ich !

Wenn du bei dir niemanden unterjochst
und nicht mit Fingern zeigst
und nicht uebel redest,
sondern den Hungrigen dein Herz finden laesst
und den Elenden seinen Mangel linderst,
dann wird dein Licht aufgehen in der Finsternis
und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.
Und der Herr wird dich immerdar fuehren
und dich satt werden lassen in der Duerre
und dein Gebein staerken.
Und du wirst sein
wie ein gut bewaesserter Garten
und wie eine Wasserquelle,
der es nie an Wasser fehlt.

+++


So singen wir am Beginn der Fasten:

+++
Lasset uns ein Fasten halten,
welches dem Herrn gebuehrt und wohlgefaellig ist:

Entfremdung von boesen Taten,

Beherrschung der Zunge,

Enthaltung von Zorn,

Fernhalten von zwanghafter Begierde,
Verleumdung,
Luege und
Meineid.

Die Freiheit von diesen Dingen
ist ein wahres Fasten.

+++

 

zum folgenden Gottesdiensttext - Aufnahme des Gottesdienstes aus der Russischen Orthodoxen Kirche
~~~ 1.Teil ~~~
~~~ 2.Teil ~~~
aus der Internetseite www.liturgy.ru

K A N O N der U M K E H R
unseres Vaters unter den Heiligen
ANDREAS von KRETA


(Vierter Abschnitt des "Grossen Kanons des Hl. Andreas von Kreta" 9. Ode)

 

Unerforschbar ist die Geburt nach jungfraeulicher Empfaengnis,
jungfraeulich die Mutterschaft der Frau, die keinen Mann erkannt.
Denn Gottes Geburt macht NEU die Geschöpfe.
Darum preisen wir, alle Geschlechter, in rechtem Glauben
dich - als unseres Gottes jungfraeuliche Mutter.

Erbarme Dich meiner, rette mich.
Sohn Davids, hab Mitleid mit mir.
Die Besessenen hast Du geheilt durch Dein Wort.
Sprich auch zu mir -wie zum Raeuber- das erbarmende Wort:
Wahrlich, sage ich dir,
du wirst mit mir im Paradiese sein,
wenn ich in meiner Herrlichkeit komme.

Ein Raeuber klagte Dich an.
Ein Raeuber hat als Gott Dich bekannt.
Beide hingen mit Dir am Kreuz.
Wohlan,
Du, reich im Erbarmen,
wie Deinem glaeubigen Raeuber,
der als Gott dich erkannte,
so oeffne auch mir zu Deinem herrlichen Reiche das Tor.

Wie der Raeuber rufe ich: Gedenke !
Wie Petrus wein ich bitterlich: Verzeih mir, o Heiland.
Wie der Zoellner, so ruf ich
Vergiesse Traenen wie die Buhlerin.
Nimm auf meine Klage, wie einst die Kanaanaeerin.

Meiner armen Seele Zersetzung,
Heiland, heile sie, du einziger Arzt.
Lindernden Balsam leg mir darauf, giess Öl und Wein hinein.
Werke der Reue,
Zerknirschung,
mit Traenen vereint.

Die Kanaanaeerin nachahmend, rufe auch ich zu Davids Sohn:
Hab Mitleid mit mir !
Wie die blutfluessige Frau beruehr ich den Saum
und weine, wie Martha und Maria ueber Lazarus weinten.

Die Krankheiten heilend,
trug die Frohbotschaft zu den Armen - Christus das Wort.
Lahme hat Er geheilt,
mit Zoellnern das Mahl geteilt und mit Suendern verkehrt.
Die Seele der Jairustochter, die schon entrueckt, rief Er zurueck durch Beruehrung der Hand.

Gerettet wurde der Zoellner,
und die Buhlerin hat sich fuer immer zur Tugend gewandt,
aber der stolze Pharisaeer wurde verdammt.
Vergib mir, sagte die eine,
erbarm dich meiner, die andere.
Doch dieser rief prahlend:
o Gott, ich danke Dir,
und rief noch weitere Worte der Torheit.

ANDREAS,
verehrungswuerdiger, dreimal glueckseliger Vater,
Kretas Hirte,
unaufhoerlich bitte fuer die, die dich in Hymnen besingen,
dass bewahrt wir bleiben vor allem Zorne, vor Bedraengnis, Verderben,
und der Suenden Vergebung erlangen,
die wir stets dein Gedaechtnis ehrend begehn.

Anfangloser Vater,
gleichanfangloser Sohn,
guter Troester, gerechter Geist, des Gotteswortes Zeuger,
des anfanglosen Vaters Wort, belebender, aufbauender Geist,
DREIHEIT,
erbarme Dich mein.

Unerforschbar ist die Geburt nach jungfraeulicher Empfaengnis,
jungfraeulich die Mutterschaft der Frau, die keinen Mann erkannt.
Denn Gottes Geburt macht NEU die Geschöpfe.
Darum preisen wir, alle Geschlechter, in rechtem Glauben
dich - als unseres Gottes jungfraeuliche Mutter.

(Vierter Abschnitt des "Grossen Kanons des Hl. Andreas von Kreta". Neunte Ode)


aus StAndreasBote: Deutschsprachige Gemeinde Muenchen / Vikariat in Bayern / Griechische Orthodoxe Metropolie von Deutschland


Der Hl. ANDREAS von KRETA ist ein hervorragender Vertreter der poetischen Theologie der fruehen oestlichen Christenheit.
660 im noch christlichen Damaskus geboren, wurde er um das Jahr 700 Erzhirte von Gortyna, der damaligen Metropole von Kreta.
Sein Kanon fasst heilbringende Botschaften des Christentums poetisch zusammen, zu einer Zeit als eben die erste Welle der diese Heilsbotschaft gefaehrdenden Irrlehren ueberwunden war. Hoechstwahrscheinlich selbst zeitweise von diesen -damals wie heute- verbreiteten Lehren irregeleitet war, laedt er zur Umkehr ein -im Vertrauen auf die Milde Gottes, und zur Besinnung auf die wahren Werte des Menschen als Ebenbild Gottes.

 

 

 

Hirtenbrief zum Beginn der heiligen großen
vierzigtägigen österlichen Fastenzeit

* Quellenhinweis *

 

† Bartholomaios

durch Gottes Erbarmen
Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom, und Ökumenischer Patriarch

dem ganzen Volk der Kirche Gnade und Friede von Christus, unserem Erlöser,
von uns aber Fürsprache, Segen und Vergebung

 

"Die Zeit ist da, der Anfang der geistlichen Kaempfe !"
(Doxastikon der Laudes am Herrntag des Milchverzichts)

In Christus geliebte Brüder und Schwestern!

Mit diesen Worten mahnt uns der Dichter, am Anfang dieser heiligen vierzigtaegigen Fastenzeit unsere geistlichen Kaempfe zu intensivieren, um uns geistlich zu ruesten und geistlich voranzuschreiten.

Von Anfang an haben die Menschen festgestellt, dass das Gute nur mit Entsagung erlangt wird. Dementsprechend haben die heiligen Vaeter betont, dass man, wie es charakteristischer Weise der hl. Isaak der Syrer ausdrueckt, die Bequemlichkeit aechten muesse, um Gottes Liebe, die alle ewigen und zeitlichen Gueter, um die wir stets emsig besorgt sind, nehmen wir Menschen unzaehlige Muehen in Kauf.

Die geistlichen Gueter aber schenkt uns Gott unter der Voraussetzung, dass wir aufrichtig zuerst Ihn Selbst und Seine Liebe suchen und sie nicht etwa egozentrisch zu unserer eigenen Erbauung und individuellen Genugtuung missbrauchen.
Der Herr hat uns deutlich gesagt: "Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und dies alles wird euch hinzugegeben werden" (Mt 6:33). Und er hat uns versichert, dass der, der sich versteht, sein Leben um der Liebe Gottes willen zu verlieren, es retten wird. Das heisst: Wer grossmuetig die Liebe seines Gottes und Vaters im Auge hat und nicht kleinmuetig auf materielle oder geistliche Gueter schielt, ohne dass ihm an Gott selbst gelegen waere, der wird endlich die Liebe Gottes, um die es ihm geht, ebenso erlangen wie Gottes Gueter jeglicher Art, um die es ihm nicht geht.

Denn unser Vater im Himmel, Geliebte im Herrn, der uns liebt und will, dass wir gerettet werden, der Geber und die Quelle alles Guten, wird uns, wenn wir uns zu ihm bekehren, auch alle anderen Gueter geben, deren wir beduerfen. Das erste Gewand, das gemaestete Kalb, den Ring fuer die Hand, das Festmahl mit den Freunden und vor allem seine vaeterliche Umarmung.

Um in diese vaeterliche Umarmung einzugehen, muessen wir uns abkehren von unseren Suenden und von der leidenschaftlichen Hingabe an uns selbst, deren Symbol die Schweineschoten des Evangeliums sind; muessen wir die Aufrichtigkeit der Sehnsucht der Liebe Gottes durch einen entschiedenen und ehrgeizigen geistlichen Kampf unter Beweis stellen.

Das Wesen des geistlichen Kampfes besteht darin, dass wir allein Gottes Liebe suchen und begehren und uns im Gegenzug allen rechtmaessigen Guetern und Wuenschen versagen, um uns mit ungeteiltem Herzen und Geist jenem Ziel zuzuwenden, das alle anderen Ziele ueberragt. Aus diesem Grund bedeutet auch das Fasten, das eine asketische Zitadelle der grossen Fastenzeit darstellt, keine grundsaetzliche Ablehnung des Essens unter Danksagung, sondern einen freiwilligen Verzicht auf jenes Behagen, das es dem Leib verursacht - und das mit dem Ziel, die Seele aus ihrer ausschliesslichen Selbstbefangenheit zu loesen und den Leib der Fuehrung des Geistes zu unterwerfen. Der Leib soll naemlich der menschlichen Person dienen, statt sie zu beherrschen.

Der Zweck der geistlichen Uebung besteht nicht darin, Tugenden oder aussergewoehnlichen Faehigkeiten zu erwerben, wie die Anhaenger diverser Humanismen glauben, sondern darin, unserem Verlangen Ausdruck zu geben, der Person unseres Herrn Jesus Christus, in dem alles sich vollendet und von dem alles seinen Ausgang nimmt, zu begegnen. Das personale Wort Gottes verkuendet unmissverstaendlich - und auch der Dichter erinnert uns daran - dass wir uns vergeblich muehen, wenn nicht der Herr das Haus der Tugenden unserer Seele baut.

Wir Christen ergeben uns also der Liebe Christi und verzichten zugleich freiwillig darauf, vielen anderen sekulaeren Vorlieben und Neigungen nachzugehen, damit wir der Anwesenheit Christi im Haus unserer Seele gewuerdigt werden. Wenn das nach dem Wohlgefallen und der Gnade Gottes geschieht, dann werden uns auch der Friede, die Freude und die vollkommene Liebe unentwendbar zu eigen gegeben.

Deshalb vollzieht sich der geistliche Kampf nicht in Traurigkeit oder unter Zurschaustellung, sondern in Freude und Verborgenheit, soweit es uns moeglich ist. Jede Form von Demonstration fuehrt dazu, dass wir das Ziel der Liebe Gottes durch das der Ehrsucht ersetzen. Traurigkeit und Niedergeschlagenheit vertreiben die Heiterkeit und die Freiwilligkeit und fuehren dazu, dass der Fastende einer Stimmung des Bedruecktseins und der Gezwungenheit verfaellt, also seelischen Zustaenden, die Gott nicht gefallen.

Der geistliche Kampf soll in Freude geschehen und vor allem dem einen Zweck dienen, unser Herz in die Liebe und die Freude Gottes einfuehren. Denn die Liebe und die Freude Gottes verbannen aus uns jegliche Bitterkeit, jeglichen Groll, jeglichen Protest und jegliche Beschwerde ueber unsere Mitmenschen. Vielmehr durchdringt und umgibt uns durch sie der unerschuetterliche und unuebertreffliche Friede Gottes.

Moegen wir alle in geistlichen Kaempfen die Rennbahn der vierzigtaegigen Fasten durchlaufen, damit wir die Freude der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus in Fuelle empfangen.
Seine Gnade und Sein reiches Erbarmen seien mit Euch allen !
 

Heilige Grosse Fastenzeit 2007  

Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel

Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott 

 


 

 

Hirtenbrief zum Beginn der heiligen großen
vierzigtägigen österlichen Fastenzeit

* Quellenhinweis *

 

† Bartholomaios

durch Gottes Erbarmen
Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom, und Ökumenischer Patriarch

dem ganzen Volk der Kirche Gnade und Friede von Christus, unserem Erlöser,
von uns aber Fürsprache, Segen und Vergebung

 

In Christus geliebte Brüder und Schwestern!

Zu Beginn des Triodions hören wir ein ergreifendes Troparion, in dem es heißt: „Öffne mir, Lebensspender, das Tor zur Umkehr!“ Es fällt auf, dass die heilige orthodoxe Kirche uns für unsere Buße einen langen Zeitraum zur Verfügung gestellt hat. Aber sie erinnert uns auch täglich und stündlich daran, dass wir der Buße bedürftig sind. Sie weiß, dass die Buße die Grundlegung des geistlichen Lebens und der Rettung jedes Menschen ist. Das bezeugt auch die Tatsache, dass sowohl der heilige Johannes der Täufer als auch unser Herr Jesus Christus ihre Verkündigung damit begannen, dass sie das Volk ermahnten, Buße zu tun.

Wie schon der Wortlaut des griechischen Wortes „meta-noia“ verrät, handelt es sich bei der Buße um einen Sinneswandel, um einen Wandel unserer geistlichen Einstellung zur Welt und zu Gott. Gewiss bedeutet Buße auch die Absage an unsere Sünden und die Entscheidung, in Zukunft in Übereinstimmung mit den heiligen Geboten Gottes zu leben. Aber in erster Linie bedeutet sie eine Erneuerung und einen Wandel unseres Denkens, unserer Wertschätzung der materiellen und der geistlichen Welt, eine dem Willen Gottes entsprechende Neuordnung jener Werte, nach denen wir unser Leben ausrichten.

Wenn wir bis jetzt der Anhäufung von Reichtum den Vorrang gaben, so sollten wir uns von jetzt an darauf verlegen, die materiellen Güter gerecht und zum Nutzen aller zu verwenden. Wenn wir bis jetzt auf die Befriedigung unserer individuellen Bedürfnisse geachtet haben, so sollen wir von jetzt an auch die Bedürfnisse der anderen im Auge haben. Dabei sollten wir mit unserer Familie beginnen. Aber wir sollten auch die größere Familie der Gesellschaft, in der wir leben, nicht vergessen. Und wenn es möglich ist, auch nicht die ganze Menschheit.

Wenn bisher die Frage „Wie können wir das irdische Leben erfolgreich bestehen?“ im Mittelpunkt unserer Interessen stand, so muss sich von jetzt an unser Interesse auch auf das Leben nach dem Tod erstrecken. Wenn unsere Überlegungen und Interessen bis jetzt den menschlichen Wissenschaften und Fertigkeiten galten, so sollten wir uns in Zukunft auch für die heilige Wissenschaft und die Kunst des geistlichen Lebens interessieren, denn auch diese hat ihre Gesetze und bedarf einer entsprechenden Übung und Zurüstung. Wenn wir bis jetzt danach trachteten, gute Beziehungen mit den Mächtigen dieser Welt zu haben, so sollten wir in Zukunft darauf achten, freundschaftlichen Umgang auch mit den Mächtigen der geistlichen Welt, mit unserem Herrn Jesus Christus, der Gottesgebärerin und den Heiligen zu pflegen. Wenn wir bislang unser eigenes Urteil und unsere eigene Auffassung dem Urteil anderer vorgezogen haben, so sollten wir in Zukunft anerkennen, dass die Auffassung anderer oft richtiger als unsere eigene ist. Überhaupt wird unsere Buße dann zum Erfolg führen, wenn wir unsere Auffassungen und unsere Wertschätzung der Dinge einer täglichen Revision unterziehen und sie so lange korrigieren, bis sie mit den Positionen unserer heiligen Kirche, die mit den Positionen des Evangeliums identisch sind, mit den heilsamen und wahren Lehren unseres Herrn Jesus Christus, übereinstimmen. Zu all dem muss auch das aufrichtige und demütige Bekenntnis unserer Sünden vor dem Priester kommen, dem von Gott die Macht verliehen wurde, die Sünden zu behalten oder zu vergeben. Es gibt keine Buße ohne das reine Bekenntnis unter dem menschenliebenden Epitrachilion des Beichtvaters. Im Sakrament der Buße wird der Christ durch die Gnade des Heiligen Geistes nicht nur von jeder Befleckung gereinigt, sondern auch von den Wunden seiner Leidenschaften geheilt und geistlich neu geboren und empfängt die Kraft, seinen guten Kampf fortzusetzen. Und weil die Vollkommenheit der göttlichen Lehren, nach denen sich unser Geist und unser Herz richten sollen, unermesslich ist, darf notwendigerweise auch die Buße keine Unterbrechung erfahren, wie die heiligen Väter der orthodoxen Kirche uns lehren. Das gilt selbst für die, die nach menschlichem Ermessen vollkommen sind, sofern es solche Menschen überhaupt gibt.

Im Herrn geliebte Brüder und Schwestern, lasst uns nicht sagen, wir hätten keine Sünden und bedürften der Buße nicht, denn dann liefen wir Gefahr, dem verwerflichen Hochmut des Pharisäers zu verfallen. Wir alle bedürfen der Umkehr, weil wir alle, wie vollkommen wir auch sein mögen, einer umfassenderen Kenntnis des göttlichen Willens, des Wachstums an Liebe, an Verzeihen, an mit Erkenntnis gepaartem Eifer und an Interesse für das geistliche Leben ermangeln.

Es gewähre uns der Heilige Gott auf die Fürbitten der heiligen Gottesgebärerin und aller Seiner Heiligen, dass wir die heilige Fastenzeit körperlich gesund und mit zur Umkehr bereiter Seele bestehen und gereinigt und erneuert zum heiligen Osterfest gelangen, um auch in diesem Jahr der Freude der Auferstehung teilhaft zu werden und auf ewig unverbrüchlich dem ewigen Leben der Auferstehung verbunden zu bleiben. Amen.

Heilige große Fastenzeit 2004

Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel

Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott 

 

 

 

 

Fastenbrief
der

orthodoxen Bischöfe in Deutschland

zum Sonntag der Orthodoxie 2004

 

Liebe Schwestern und Brüder in Christus !

"Begonnen hat der Kämpfe Zeit" singen wir zu Beginn der Grossen Fastenzeit, die mit dem Fest unserer Identität, dem Sonntag der Orthodoxie, eingeleitet wird.

Es ist die Zeit der Einkehr, der Buße, der Selbstbesinnung und der Loslösung aus den Zwängen des Alltags; der Hinwendung zum menschgewordenen Sohn Gottes, der sich selbst hingegeben hat, um Seine Schöpfung zu retten. "Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass Er Seinen einziggeborenen Sohn hingab, damit jeder, der an Ihn glaubt, nicht verloren wird, sondern das ewige Leben hat" (Joh 3:16)

In dieser Meditation der Besinnlichkeit rückt das Jahr 2004 zwei Gedenktage in den Mittelpunkt der Erinnerung, die im Hinblick auf den ökumenischen Dialog und die geistige Orientierung der Europäischen Union nachdenkenswert sind. Zum einen jährt sich zum 950. Mal das Datum der traurigen Ereignisse von 1054, die zum Bruch der kirchlichen Gemeinschaft zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche geführt haben, und zum anderen verweist die runde Zahl von 800 Jahren auf die Eroberung und Plünderung Konstantinopels durch das Heer des vierten Kreuzzuges im Jahr 1204, der nicht nur das Verhältnis zwischen den Kirchen belastete, sondern auch die Gemeinschaft zwischen Ost- und Westeuropa empfindlich traf

Im Rahmen der ökumenischen und gesellschaftlichen-politischen Perspektive Europas gewinnt das Gedenken beider Ereignisse eine ausserordentliche Aktualität, denn sie mahnen die Kirchen und die Staaten Europas, nicht der Versuchung zu unterliegen, das Eigene zu verabsolutieren und die Macht zur Autorität einer allgemeinen Rechtsordnung zu erklären, die in der menschlichen Vernunft ihre Verankerung hat.

Als Bischöfe auf dem europäischen Kontinent, dessen Antlitz der christliche Glaube wesentlich geprägt hat, müssen wir mit grosser Sorge feststellen, dass der Verfassungsentwurf der Europäischen Union der Geschichte und kulturellen Identität Europas nicht gerecht wird, indem er einen Humanismus propagiert, dessen Quellen er ausblendet. Im Geist einer religiösen Neutralität bzw. Laizität des Staates verkennt der Verfassungskonvent, dass Europa, zu dessen geistiger Identität das Christentum wesentlich gehört, ohne die christliche Komponente nicht Europa bleiben kann. Auf der Basis einer gottlosen Interessensgemeinschaft hat Europa keine Zukunft.

Die genannten Gedenkdaten rufen uns auf, in einer selbstkritischen Reflexion die Wunden der Vergangenheit zu heilen, die kirchlichen, kulturellen und politischen Verwerfungen zu überwinden, um ein geistiges Fundament zu sichern, dass der Aufbau der Gemeinschaft der Völker Europas zu einer Körperschaft wächst, die Krisen und menschlichen Unzulänglichkeiten widerstehen kann.

Lassen Sie uns als Kirchen in unserem Umgang miteinander mit gutem Beispiel vorangehen, damit auch die Welt an unsere christliche Versöhnungsbotschaft glaubt. Denken wir an das Glaubwürdigkeitsprinzip, dass unser Herr in Seinem Abschiedsgebet formuliert hat:
"Alle sollen eins sein: Wie Du, Vater in Mir bist und Ich in Dir bin, sollen auch sie in Uns sein, damit die Welt glaubt, dass Du Mich gesandt hast" (Joh 17:21).
Amen.

+   Metropolit AUGOUSTINOS von Deutschland
        Griechisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland

+   Metropolit GABRIEL von West- und Mitteleuropa
        Metropolie der Griechisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien für West- und Mitteleuropa

+   Metropolit SIMEON von West- und Mitteleuropa
        Bulgarische Diözese von West- und Mitteleuropa

+   Erzbischof LONGIN von Klin
        Ständige Vertretung der Russischen Orthodoxen Kirche in Deutschland

+   Erzbischof FEOFAN von Berlin und Deutschland
        Berliner Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats

+   Bischof KONSTANTIN für Mitteleuropa
        Serbische Orthodoxe Diözese für Mitteleuropa

+   Metropolit Dr. SERAFIM von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa
        Rumänische Orthodoxe Metropolie für Deutschland, Zentral- und Nordeuropa

+   Erzbischof IOAN von Parnassos
        Ukrainische Orthodoxe Eparchie von Westeuropa

+   Metropolit ABRAHAM von Westeuropa
        Westeuropäische Diözese der Georgischen Orthodoxen Kirche

+   Erzbischof GABRIEL von Komana
        Exarchat der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa

Berlin, 29. Februar 2004 - Am Sonntag der Orthodoxie

 

 

Beten und Fasten
von
Erzbischof Stylianos von Australien

Da wir nun wieder die Arena der Großen Fastenzeit betreten, ist es nur natürlich sich an die großen Leistungen zu erinnern, die die Askese der orthodoxen Christen immer gekennzeichnet haben. Unter diesen großen Leistungen liegen Beten und Fasten an vorderster Stelle. Wenn ein Orthodoxer vom Fasten spricht, denkt er spontan auch an das Beten. Und wenn er vom Beten spricht, denkt er genau so spontan an das Fasten. Denn diese beiden Arten des Gesprächs mit Gott sind eng verbunden. Deshalb hat Christus auch, als Seine Jünger vergeblich versuchten einen unglücklichen Jungen vom bösen Geist, der ihn quälte, zu befreien, dieses zweifache Mittel des Gebets und des Fastens als mächtigste Waffe des Menschen gegen das Böse empfohlen: „Diese Art kann nur durch Gebet und Fasten ausgetrieben werden“ (Mk 9,29).

Da heutzutage alles und jedes analysiert und „entmythologisiert“ werden muss und damit in den meisten Fällen zerstört wird, gibt es sogar unter den getauften Orthodoxen unserer Zeit Leute, die nicht einsehen, welche Rechtfertigung Beten und Fasten für den modernen „aufgeklärten“ und „befreiten“ Menschen haben sollte. Und so fragen sie sich, welche Bedeutung es haben könnte, wenn man mit Gott in der Form eines Gebetes spricht, Ihm das eine oder andere Problem oder die eine oder andere Bitte vorlegt, wo doch Gott als Allwissender sowieso all dies kennt. Aus dem gleichen Grunde fragen sich diese Gläubigen, ob es denn für Gott einen Unterschied mache, ob man diese oder jene Nahrung in dieser oder jener Menge an diesem oder jenem Tag zu sich nimmt oder nicht.

Sicher erscheinen diese Einwände auf den ersten Blick überzeugend und nur recht und billig. Wer aber Fasten und Beten in dieser Weise beurteilt hat ihre tiefere Bedeutung nicht erfasst. Natürlich liegt die Bedeutung des Gebets nicht darin, Gott etwas zu sagen, was Er nicht weiß, sondern Ihm freiwillig Demut zu zeigen, Ihm unser Herz zu öffnen, unser Leben in Seine Hände zu legen, die Wärme des Gesprächs mit Ihm zu fühlen, Ihm kund zu tun, dass wir Ihn als Herrn über unser Leben und unseren Tod anerkennen. Genauso hat das Fasten sicher keinen besonderen moralischen oder spirituellen Sinn in sich selbst – nicht einmal als Diät – , denn Gott nimmt nicht unser physisches Wohlbefinden als Maß. Genau aus diesem Grunde hat der heilige Apostel Paulus, der von so wenig lebte und so viel erlitt, nicht aufgehört zu bekennen, dass „Wenn wir nicht essen, verlieren wir nichts, und wenn wir essen, gewinnen wir nichts“ (1Kor 8,8).

Fasten erhält also seine moralische und geistige Bedeutung von dem Augenblick an, da es Mittel und Möglichkeit wird zum leichteren Gespräch mit Gott. Und tatsächlich kämpft der Mensch mit Fasten darum, seine unvernünftigen biologischen Begierden und Instinkte zu beherrschen, befreit zu werden, den Versuchungen dieser Welt zu entsagen und so offener und empfänglicher zu werden für seine Verbindung mit dem Geistigen.

Aus dem oben Gesagten wird also offensichtlich, dass weder Fasten noch Beten Selbstzweck sind noch sein sollten. Sie sind vielmehr Mittel des Gesprächs mit Gott und dieses Gespräch ist Ziel und Erfüllung. Es gibt ein sehr schönes arabisches Sprichwort, das lautet. „Die Seele braucht weder einen Kaffee noch ein Café. Die Seele braucht Gemeinschaft und der Kaffee ist nur ein Vorwand.“

Wir könnten also sagen, dass Fasten und Beten zwei geheiligte „Vorwände“ sind, die den Menschen befähigen den Monolog mit sich selbst und den selbstzufriedene Kern in seinem Ego aufzubrechen, demütig zu werden und mit Gott zu sprechen um den Segen, die Erleuchtung und die Heiligung zu erfahren, die das Gespräch garantiert. Denn die Worte der Schrift werden mit Sicherheit immer ewige Wahrheit sein: „Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade“ (Jak 4,6).

The Orthodox Messenger, March/April 1998; Übers. G. Wolf

 

hier aus St. Andreas Bote

 

» ... sondern nur durch Beten und Fasten«

von
Erzpriester Prof. Alexander Schmemann (+ 1983)

*Quellenhinweis*

 

Es gibt keine Fastenzeit ohne Fasten.
Indessen nehmen heutzutage viele das Fasten scheinbar nicht mehr ernst oder, wenn sie es ernst nehmen, dann verkennen sie seine wahre spirituelle Zielsetzung.

Für einige besteht das Fasten im symbolischen »Verzicht« auf bestimmte Dinge; für andere bedeutet es die peinlich genaue Beachtung von Ernährungsregeln.

In beiden Fällen jedoch wird das Fasten selten in Beziehung gesetzt zu den Mühen der Fastenzeit in ihrer Gesamtheit. Hier wie woanders auch, müssen wir zunächst versuchen, die Lehren der Kirche in bezug auf das Fasten zu verstehen und uns anschließend fragen:
Wie lassen sich diese Unterweisungen in unserem Leben umsetzen?

 

Das Fasten oder der Verzicht auf Nahrung ist nicht eine rein christliche Praxis.
Das gab und gibt es auch in anderen Religionen, ja sogar außerhalb der Religion, wie z. B. bei bestimmten besonderen Heilverfahren. In unseren Tagen fastet man oder übt Abstinenz aus allen möglichen Gründen, politische mit inbegriffen. Es ist deshalb wichtig, den spezifisch christlichen Gehalt des Fastens darzulegen.
Er wird uns zunächst erhellt in der gegenseitigen Abhängigkeit zweier Ereignisse, die wir in der Bibel finden:
das eine zu Beginn des Alten Testamentes,
das andere zu Beginn des Neuen Testamentes.
Das erste Ereignis ist das »Brechen des Fastens« durch Adam im Paradies. Er aß von der verbotenen Frucht.
Auf diese Weise wird uns die Erbsünde des Menschen enthüllt.
Christus, der Neue Adam - und dies ist das zweite Ereignis - beginnt mit Fasten.
Adam wurde versucht und erlag der Versuchung;
Christus wurde versucht und bestand die Versuchung.
Die Folge der Schwäche Adams waren die Vertreibung aus dem Paradies und der Tod.
Die Frucht des Sieges Christi waren die Überwindung des Todes und unsere Rückkehr ins Paradies.
Der Platz reicht nicht aus, um hier in Einzelheiten den Sinn dieser Parallelität zu erörtern; aber, es ist indessen klar, dass uns unter diesem Blickwinkel das Fasten als eine entscheidende Angelegenheit von äußerster Bedeutung erscheinen muss.
Es ist nicht einfach eine »Verpflichtung«, ein Brauch; es ist gebunden an das Mysterium selbst des Lebens und des Todes, des Heiles und der Verdammnis.

 

Die Orthodoxie lehrt, dass die Sünde nicht nur die Übertretung einer Vorschrift ist, die eine Züchtigung nach sich zieht; sie ist immer eine Verstümmelung des Lebens, das Gott uns gegeben hat. Aus diesem Grunde wird uns die Geschichte der Erbsünde im Akt des Essens dargestellt. Denn die Nahrung ist das Mittel zum Leben, sie ist es, die uns am Leben hält. Aber das ist die entscheidende Frage: Was heißt das, leben und was bedeutet »das Leben«?

 

In unseren Tagen hat der Begriff vor allem einen biologischen Sinn bekommen: das Leben ist genau genommen das, was von der Nahrung und in einem allgemeinen Sinne, von der stofflichen Welt abhängig ist.
Aber für die Heilige Schrift und die Christliche Tradition ist leben »nur vom Brot allein« nichts anderes als sterben, weil es ein dem Tode ausgeliefertes Leben ist, in dem der Tod immer wirksam ist. Gott hat, so sagt man, den »Tod nicht geschaffen«; Gott ist der Spender des Lebens. Wieso konnte dann das Leben sterblich werden? Warum ist von allem, was existiert, der Tod die einzige absolute Bedingtheit?

 

Die Kirche antwortet: Weil der Mensch das Leben so, wie Gott es ihm anbot und ihm gab, zurückgewiesen hat und ein Leben vorgezogen hat, das nicht einzig von Gott abhing, sondern »vom Brot allein«. Er hat nicht nur Gott den Gehorsam verweigert, wofür er bestraft wurde. Er wandelte die Beziehung zwischen sich und der Welt von Grund auf um. Um es genau zu sagen: Die Schöpfung wurde ihm von Gott als »Nahrung«, als Mittel zum Leben gegeben. Aber dieses Leben sollte Verbindung mit Gott sein; es hatte in ihm nicht nur sein Ziel, sondern auch seine Fülle. »In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen«.
Die Welt und die Nahrung wurden also geschaffen als Mittel der Verbindung mit Gott, und nur wenn sie um Gottes Willen aufgenommen wurden, konnten sie Leben geben.
In sich selbst trägt die Nahrung kein Leben.
Einzig Gott allein hat das Leben und ist das Leben.
In der Nahrung ist Gott selbst der Grund des Lebens - und nicht die Kalorien. Also, essen, leben, Gott kennen und in Verbindung mit Ihm stehen waren ein und dieselbe Sache.
Die unergründliche Tragödie Adams ist, dass er für sich selbst aß. Mehr noch, er aß »getrennt« von Gott, um von ihm unabhängig zu sein. Und er tat es, da er glaubte, dass die Nahrung das Leben in sich selbst hätte und dass er, indem er aß, sein könnte wie Gott, d. h. das Leben in sich selbst haben könnte. Um es einfach auszudrücken; er setzte sein Vertrauen auf die Nahrung, wohingegen das einzige Objekt des Glaubens, des Vertrauens, der Abhängigkeit Gott ist und nur Gott.
Die Welt, die Nahrung wurden sein Gott, die Quelle und die Grundlage seines Lebens.
Und er wurde deren Sklave.
Adam bedeutet im Hebräischen »Mensch«. Das ist mein Name, unser aller Name.
Der Mensch ist noch Adam, der Sklave der »Nahrung«. Er kann vorgeben, an Gott zu glauben, aber Gott ist nicht sein Leben, seine Nahrung, derjenige, der seine ganze Existenz umfängt. Er kann vorgeben, dass er sein Leben von Gott empfängt, aber er lebt nicht in Gott und für Gott. Sein Wissen, seine Erfahrung, sein Selbstbewusstsein beruhen alle auf derselben Grundlage: »nur vom Brot allein«.
Wir essen, um zu leben, aber wir leben nicht in Gott.
Das ist die Sünde aller Sünden.
Das ist der Urteilsspruch des unserem Leben anhaftenden Todes.

 

Christus ist der Neue Adam.
Er kommt, um den Schaden, der dem Leben durch Adam zugefügt wurde, wieder zu beheben, um dem Menschen das wahre Leben wieder zu schenken, und so beginnt er mit Fasten.
»Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, war er hungrig« (Mt 4,2).
Der Hunger ist der Zustand, in dem wir gewahr werden, dass wir von einer anderen Sache abhängig sind, wenn wir das dringende und zwingende Verlangen nach Nahrung verspüren. Das zeigt uns, dass wir kein Leben in uns haben. Der Hunger ist jene Grenze, jenseits der ich entweder an Entkräftung sterbe oder, nachdem ich meinem Körper Genüge getan habe, ich erneut den Eindruck habe zu leben. Mit anderen Worten: Es ist der Moment, wo sich die grundlegende Frage stellt: Wovon hängt mein Leben ab? Und da es sich nicht um eine rein theoretische Frage handelt, da ich sie ja mit meinem ganzen Körper empfinde, ist das auch die Zeit der Versuchung. Satan suchte Adam im Paradiese auf und er suchte Christus in der Wüste auf. Er kam zu zwei hungrigen Menschen und sprach zu ihnen: »Esst! Denn euer Hunger ist der Beweis dafür, dass ihr ganz von der Nahrung abhängt, dass euer Leben in der Nahrung ist.« Und Adam glaubte es und aß; Christus aber wies diese Versuchung zurück und sprach: »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von Gott.«
Er weigerte sich, die kosmische Lüge anzunehmen, die der Satan in diese Welt trägt.
Sie ist zum Fundament unserer Sicht von der Welt, der Wissenschaft, der Medizin und vielleicht sogar der Religion geworden.
Hingegen hat Christus das Band zwischen der Nahrung, dem Leben und Gott wieder hergestellt, das Adam zerrissen hatte und das wir selbst noch jeden Tag auf´s neue zerreißen.

 

Was bedeutet das Fasten für uns Christen?
Es ist -unser Eintritt in- und -unsere Teilnahme an- dieser Erfahrung Christi selbst, durch die er uns von unserer völligen Abhängigkeit bzgl. der Nahrung, der Materie und der Welt befreit.
Allerdings ist unsere Befreiung nicht vollständig; denn, da wir noch in dieser gefallenen Welt, der Welt des Alten Adam, leben und zu ihr gehören, sind wir weiterhin von der Nahrung abhängig.
Aber ganz so wie unser Tod, durch den wir noch gehen müssen, kraft des Todes Christi zu einem Durchgang zum Leben geworden ist, so kann das durch die Nahrung, die wir aufnehmen, erhaltene Leben zu einem Leben in Gott und für Gott werden. Ein Teil unserer Nahrung ist bereits »Nahrung der Unsterblichkeit« geworden:
der Leib und das Blut Christi selbst.
Aber selbst das tägliche Brot, das wir von Gott empfangen, kann in diesem Leben und in dieser Welt eher etwas sein, das uns stärkt und unsere Verbindung mit Gott festigt, als dass es uns von ihm trennen würde.
Indessen, einzig das Fasten kann diese Umgestaltung bewirken und uns den existentiellen Beweis liefern, dass unsere Abhängigkeit von der Nahrung und von der Materie weder eine allumfassende noch eine absolute ist, und dass sie sogar in Verbindung mit dem Gebet, der Gnade und der Anbetung, vergeistigt werden kann.

 

Dieses alles bedeutet, dass das Fasten, in seiner ganzen Tiefe verstanden, das einzige Mittel für den Menschen darstellt, seine wahre geistige Natur wieder herzustellen.
Es handelt sich um ein nicht theoretisches, sondern wahrlich konkretes Aufbegehren gegen den Lügner, dem es gelungen war, uns davon zu überzeugen, dass wir nur des Brotes bedürften, und der auf diese Lüge jede menschliche Kenntnis, jede menschliche Wissenschaft und jede menschliche Existenz gegründet hat.
Das Fasten entlarvt diese Lüge und weist sie als solche nach.
Es ist sehr bezeichnend, dass Christus anlässlich seines Fastens auf Satan traf und dass er später davon sprach, dass Satan nicht anders besiegt werden könnte »als durch Fasten und Beten«.
Das Fasten ist der eigentliche Kampf gegen den Teufel, weil es den Widerstand gegen das einzigartige und allumfassende Gesetz darstellt, das ihn zum »Fürsten dieser Welt« macht.
Wenn nun aber jemand Hunger hat und gleichzeitig entdeckt, dass er von diesem Hunger in Wahrheit unabhängig sein kann, nicht durch ihn vernichtet wird, sondern ihn ganz im Gegenteil in eine Quelle geistiger Energie und eines Sieges umgestalten kann, dann hat nichts mehr Bestand von dieser großen Lüge, in der wir seit Adam gelebt haben.

 

Wie weit haben wir uns nunmehr von der gängigen Auffassung gelöst, das Fasten sei eine bloße Änderung der Ernährungsweise, eine Vorschrift, was verboten und was erlaubt sei. Das ist alles vordergründige Heuchelei! Schließlich bedeutet Fasten nur eins: Hunger haben, bis an die Grenze der menschlichen Verfassung gehen, die ganz und gar von der Nahrung abhängt, und in diesem Zustand des Hungers zu entdecken, dass diese Abhängigkeit nicht die ganze Wahrheit bezüglich des Menschen ist, dass der Hunger selbst vor allem ein geistiger Zustand ist und dass er letztendlich in Wirklichkeit ein Hunger nach Gott ist.
In der Urkirche bedeutete das Fasten immer eine totale Enthaltsamkeit, ein Zustand des Hungerns, der den Körper an eine äußerste Grenze treibt.
Hierin erkennen wir jedoch auch, dass das Fasten, als reine körperliche Anstrengung betrachtet, ohne Sinn bleibt, wenn es nicht von seinem geistigen Gegenstück
»...durch Fasten und Beten« begleitet wird.
Das bedeutet, dass, wenn wir keine entsprechende geistige Anstrengung unternehmen, wenn wir uns nicht von der Göttlichen Wirklichkeit nähren, wenn wir nicht entdecken, dass wir völlig von Gott und nur von Gott abhängen, unser körperliches Fasten Selbsttötung bedeuten würde.
Wenn Christus selbst versucht wurde, als er gefastet hatte, haben wir nicht die geringste Möglichkeit, dieser Versuchung zu entgehen.
Das körperliche Fasten, so wesentlich es auch sein mag, ist nicht nur ohne Sinn, sondern es ist in Wahrheit gefährlich, wenn es von dem geistigen Bemühen, von dem Gebet und der Konzentration auf Gott abgetrennt bleibt.
Das Fasten ist eine Kunst, die einzig die Heiligen beherrschen. Es würde für uns anmaßend und gefährlich sein, wollten wir diese Kunst ohne Beurteilungsvermögen und Besonnenheit ausüben.
Jede Liturgie der Fastenzeit ist ein ständiges In-Erinnerung-Rufen der Schwierigkeiten, der Hindernisse und Versuchungen, die diejenigen erwarten, die meinen, sich auf ihren Willen verlassen zu können und sich nicht auf Gott verlassen zu müssen.

 

Dies ist der Grund, warum wir vor allem eine geistige Vorbereitung auf die Anstrengung des Fastens nötig haben. Sie besteht darin, Hilfe von Gott zu erbitten und unser Fasten auf Gott auszurichten.
Aus Liebe zu Gott sollen wir fasten.
Wir müssen unseren Körper als Tempel der göttlichen Gegenwart wiederentdecken, eine religiöse Achtung des Körpers, der Nahrung, ja sogar des Lebensablaufs wiederfinden. All dieses sollte geschehen sein, bevor wir mit dem eigentlichen Fasten beginnen; und zwar in der Weise, dass wir, wenn wir es beginnen, mit geistigen Waffen, mit einer Zielvorstellung, mit Kampfgeist und mit Siegeszuversicht gewappnet sind.

 

Dann kommt die Zeit des Fastens selbst. Nach dem, was wir weiter oben gesagt haben, sollte es auf zwei Ebenen durchgeführt werden:
der des asketischen Fastens
und der
des totalen Fastens.

Das asketische Fasten besteht in einer energischen Verminderung der Nahrung in der Art, dass ein dauernder Zustand eines gewissen Hungergefühls erfahren wird als Erinnerung an Gott und als ständige Aufforderung, unseren Geist auf Ihn orientiert zu halten. Wer es auch praktiziert, und sei es nur ein wenig, weiß, dass dieses asketische Fasten uns bei weitem nicht schwächt, sondern uns im Gegenteil unbeschwert, gesammelt, maßvoll, froh und geläutert werden lässt. Dann nimmt man die Nahrung als ein wahres Geschenk Gottes entgegen; man ist innerlich ständig auf diese Welt ausgerichtet, die auf unerklärliche Weise von selbst zu einer Art Nahrung wird. Was die Menge, die Häufigkeit und die Qualität der aufzunehmenden Nahrung bei diesem asketischen Fasten angeht, können wir an dieser Stelle nicht weiter ausführen. Das alles hängt von unseren persönlichen Fähigkeiten und den äußeren Lebensbedingungen eines jeden einzelnen ab.
Aber das Prinzip ist klar: es ist ein Zustand, in dem man ein leichtes Hungergefühl verspürt, dessen »negative« Natur immer in eine »positive« Kraft durch Gebet, Sich-Erinnern, Aufmerksamkeit und Konzentration umgewandelt wird.

Was das strenge Fasten anbetrifft; dieses ist notwendigerweise in seiner Länge begrenzt und an die Eucharistie gebunden. Bei den Bedingungen unseres augenblicklichen Lebens ist es das beste, es an dem Tage einzuhalten, an dem abends die Präsanktifikaten-Liturgie gefeiert wird Sei es, dass wir an dem Tage von frühmorgens an, sei es, dass wir ab mittags fasten, wesentlich ist es, ihn als einen Tag der Erwartung, der Hoffnung, des Hungers nach Gott selbst zu verbringen. Es handelt sich um eine Konzentration im Geistigen auf das, was kommen wird, auf die Gabe, die man empfangen wird und für die man alle anderen Gaben zu opfern bereit ist.

 

Obgleich bereits erwähnt, muss man sich nochmals in Erinnerung rufen, dass unser Fasten, so begrenzt es auch sein mag, in die Versuchung, in die Schwäche, zu Zweifeln und zur Verwirrung führen wird, wenn es ein wirkliches Fasten ist. Mit anderen Worten, es wird ein wirklicher Kampf werden, in dem wir wahrscheinlich einige Male unterliegen werden.

Aber der wesentliche Gesichtspunkt des Fastens ist gerade die Entdeckung des christlichen Lebens als Kampf und als ein Sich-Mühen. Ein Glaube, der sich nicht über die Zweifel und die Versuchung hinwegsetzt, ist selten wirklicher Glaube. Leider ist in dem christlichen Leben kein Fortschritt ohne die bittere Erfahrung der Niederlage möglich.

 

Zu viele Leute beginnen mit Begeisterung zu fasten, um dann bei dem ersten Schwachwerden aufzugeben. Ich würde sagen, die wahre Prüfung fällt genau mit diesem ersten Fall zusammen: wenn wir uns, nachdem wir schwach geworden waren und unseren Begierden und Leidenschaften freien Lauf gelassen hatten, wieder mutig an die Aufgabe machen, ohne aufzugeben, egal, wie häufig wir schwach werden, dann wird früher oder später unser Fasten geistige Früchte tragen, gleichgültig, wie häufig wir vorher schwach geworden sind.

Zwischen der Heiligkeit und einem entzauberten Zynismus ist Platz für die große und göttliche Tugend der Geduld - der Geduld vor allem mit sich selbst. Es gibt keine Abkürzung, um zur Heiligkeit zu gelangen; für jeden Schritt vorwärts muss man den vollen Preis entrichten. Es ist deshalb besser und sicherer, mit einem Minimum, das gerade ein wenig über unseren natürlichen Möglichkeiten liegt, zu beginnen und unsere Anstrengung schrittweise zu vergrößern als zu versuchen, zu Beginn sehr hoch zu springen und sich beim Sturz zur Erde die Knochen zu brechen.

 

Fassen wir zusammen: Wir müssen von einem symbolischen und rein formalen Fasten, das als Verpflichtung und Gewohnheit verstanden wird, zu dem wahren Fasten zurückfinden, wenn es auch bescheiden und begrenzt ist, wenn es nur ernsthaft und wirklich gewollt ist. Schätzen wir ehrlich unsere physischen und geistigen Fähigkeiten ein, handeln wir konsequent und erinnern wir uns jedes Mal daran, dass es kein Fasten gibt, das nicht an die Grenzen dieser Fähigkeiten stößt und das nicht den göttlichen Beweis in unserem Leben erbringt, dass Dinge, die dem Menschen unmöglich sind, für Gott sehr wohl möglich sind.

 

 

Schmemann, Alexander (Erzpriester und langjähriger Dekan der Orthodoxen Theologischen Akademie der USA St. VLADIMIR´s)
"Die Große Fastenzeit - Askese und Liturgie in der Orthodoxen Kirche"
Veröffentlichungen des Instituts für Orthodoxe Theologie, Bd. 2, München 1994

 


 

ÖSTERLICHE ZEIT


König aller Tage, Fest der Feste, über allen Tagen stehend und sie ordnend ist das Pas´cha, das Ostern der Auferstehung des Herrn. Dahin führt diese Zeit in den 40 Tagen der Grossen Fasten und dadurch strahlt diese Zeit im Jubel der 50 Tage bis Pfingsten.

[1] Wenn man eine Reise antritt, informiert man sich, wohin es geht. Und die Fastenzeit kann mit einer Reise verglichen werden. Eine Reise mit dem Ostern der Auferstehung als Ziel. Sie ist die Vorbereitung auf die Erfüllung des Pas´cha, der wirklichen Offenbarung.
Wir sollten also zu Beginn diese Verbindung zwischen der Fastenzeit und Ostern zu verstehen suchen; denn sie offenbart etwas für unseren Glauben und unser christliches Leben sehr Wesentliches und Entscheidendes. ...
Die wirkliche Offenbarung des Osterfestes der Auferstehung bringt uns das Neue Leben. In der Feier der Osternacht, die heller ist als der Tag, können wir singen: Heute ist alles mit Licht erfüllt, Himmel und Erde und die Totenwelt. Wir feiern den Tod des Todes, die Zerstörung des Hades (der trostlosen atheistischen Todesvorstellung) den Beginn des neuen und ewig währenden Lebens.
Diese Neue Leben wurde uns Christen am Tage unserer Taufe geschenkt, wie der heilige Apostel Paulus sagt, wir sind mit Christus ... in seinem Tode begraben worden, damit wir auch, so wie Christus von den Toten auferstanden ist, in einem Neuen Leben wandeln können(Röm 6:4)
...
Doch machen wir nicht die tagtägliche Erfahrung, dass dieser Glaube wohl kaum der unsere ist, dass wir immer wieder dieses neue Leben verlieren und verraten; - dass wir in Wirklichkeit so dahinleben, als wäre Christus nicht von den Toten auferstanden und als hätte dieses einzigartige Ereignis nicht die geringste Bedeutung für uns ?
Die alles, wegen unserer Schwäche, wegen unseres Unvermögens, ständig ein Leben in Glauben, Hoffnung und Liebe auf der Ebene zu führen, auf die uns Christus gehoben hat, als er sprach: "Suchet zunächst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit"
Wir vergessen es einfach - wir sind ja so beschäftigt und so in unsere Alltagsgeschäftigkeit verwickelt - und weil wir vergessen, versagen wir.
Und durch diese Vergessen, diese Versagen und diese Sünde wird unser Leben immer wieder alt - nichtssagend, verdunkelt, letztendlich bedeutungslos - es wird zu einer Reise bar jeden Sinnes, zu einem Ziel ohne Bedeutung. Wir unternehmen alles, um selbst den Tod zu vergessen, und dann tritt er doch ganz plötzlich mitten in unser ach so von Freuden erfülltes Leben: erschreckend, unentrinnbar, absurd. Wir mögen wohl von Zeit zu Zeit unsere vielfältigen Sünden erkennen und bekennen, wir unterlassen es aber, unser Leben auf das Neue Leben, das Christus uns geoffenbart und gegeben hat, außurichten. ...

Wenn wir uns dessen bewusst werden, können wir ermessen, was die Wirklichkeit von Ostern umfasst und warum sie die Fastenzeit erfordert und voraussetzt. Wir werden verstehen, dass die liturgischen Traditionen der Kirche, all ihre Festkreise und Dienste vor allem geschaffen wurden, um uns zu helfen, die Erfahrung und den Genuss dieses Neuen Lebens, das wir so leicht und immer wieder verlieren und verraten, wiederzürlangen. ...
...
Indes ist das alte Leben, das Leben der Sünde und der Unwesentlichkeit, nicht leicht zu besiegen und umzugestalten. Das Evangelium erwartet und fordert von dem Menschen eine Anstrengung, zu der er in seinem augenblicklichen Zustand seinem Wesen nach nicht fähig ist. Wir sehen uns von einer Vorstellung, von einem Ziel, einer Lebensweise herausgefordert, die gänzlich über unseren Möglichkeiten liegt !
Selbst die Apostel fragten ihren Meister entmutigt, als sie Seine Unterweisungen hörten: "Wie ist das möglich ?"
Es ist tatsächlich nicht einfach, eine kleinliche Lebensvorstellung, die sich auf den alltäglichen Sorgen, dem Streben nach materiellen Gütern, nach Sicherheit und Lustbarkeiten gründet, zugunsten einer Lebensvorstellung aufzugeben, deren ausschliessliches Ziel die Vollkommenheit ist: "Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist." Diese Welt hingegen verkündet in all ihren "Medien": "Seid glücklich, macht es euch leicht, wählt den beQuemen Weg". Christus sagt jedoch im Evangelium: "Wählt den schmalen Pfad, kämpft und ertragt eure Leiden, denn das ist der Weg zu dem einzig wahren Glück"
Wie können wir ohne die Hilfe der Kirche diese erschreckende Entscheidung treffen ?
Wie können wir bereuen und umkehren zu dem ruhmreichen Versprechen, das uns jedes Jahr zu Ostern gegeben wird ?

An dieser Stelle erreicht uns die Fastenzeit. Sie ist die Hilfe, die uns die Kirche als Schule der Buße anbietet, die als einzige uns in die Lage versetzt, Ostern anzunehmen - nicht als bloße Erlaubnis zum Essen, Trinken und zum Nachlassen in unseren Bemühungen, sondern wahrlich als das Ende dessen, was in uns "alt" ist, sowie als unseren Eintritt in das "Neue".

In der Urkirche bestand das Hauptziel der Fastenzeit in der Vorbereitung der Katechumenen (der neu zum Christentum Übergetretenen) auf die Taufe, die in jener Zeit während der Osterliturgie vollzogen wurde. Indessen als die Kirche nicht mehr nur Erwachsene taufte und die Einrichtung des Katechumenats wegfiel, blieb der grundlegende Sinn der Fastenzeit derselbe. Denn, obgleich wir getauft sind, ist das, was wir ständig verlieren und verraten, genau das was wir in der Taufe empfangen haben.
Deshalb ist Ostern unsere jährliche Rückkehr zu unserer eigenen Taufe, während die Fastenzeit unsere Vorbereitung auf diese Rückkehr ist, das langwährende und ausdaürnde Bemühen, um schliesslich unseren eigenen "Hinübergang" oder "Pas´cha" in das Neue Leben in Christus zu vollziehen. Und wenn, wie wir sehen werden, die Gottesdienste in der Fastenzeit noch heute ihre glaubensunterweisenden und auf die Taufe vorbereitenden Charakter haben, so stellt das für uns nicht etwa ein "archäologisches" Überbleibsel aus der Vergangenheit, sondern etwas Gültiges und Wesentliches dar. Denn jedes Jahr lassen uns die Fastenzeit und das Ostern der Auferstehung einmal mehr das wiederentdecken und wiedergewinnen, zu dem wir durch den in unserer eigenen Taufe vollzogenen Tod und die durch sie bewirkte Auferstehung geworden sind.

Wie beginnen eine Reise, eine Pilgerfahrt !
Und wenn wir sie antreten, wenn wir diesen ersten Schritt in diese "glanzausstrahlende Reue" der Fastenzeit tun, sehen wir - in weiter, weiter Ferne - den Zielpunkt.
Es ist die Freude vor dem Fest des Osterns der Auferstehung, der Einzug in die Herrlichkeit des Reiches des Herrn.
Es ist dieses geistliche Schaün, dieses Vor-Kosten des Festes der Auferstehung, welches die reuevolle Traurigkeit der Fasten in helles Licht hüllt und unser Fastenmühen zu einem "geistlichen Frühling" werden lässt. Die Nacht kann finster und lang sein, aber während des gesamten Weges scheint eine nicht erklärbare und strahlende Dämmerung den Horizont zu erhellen.
" Schenke uns die Früchte des Fastens und die Fülle unserer Erwartungen, Du Menschenliebender ! "

Der Umkehr öffne die Pforten,
Du, Der Du das Leben schenkst !
...
Denn durch schändliche Sünden habe ich meine Seele befleckt
und mein Leben in Nachlässigkeit vergeudet.
...
In Deiner Güte mache mich rein
durch Deine huldvolle Milde !

 


[1] Erzpriester ALEXANDER Schmeman (einer der wirksamsten orthodoxen Theologen aus der russischen Tradition des 20.Jahrhunderts und vertraut mit der geistlichen Krise des Westens, wirkte er kurz in Paris und dann in den USA, wo er 1983 als hochgeehrter Professor des Akademischen Orthodoxen Instituts des Heiligen Wladimir starb):
THE LENTEN SPRING (DER FRÜHLING DES FASTENS) St.Vladimir´s Seminary Press, Crestwood, New York 1969

 

Vorbereitende Sonntage

Sonntag vom ZACHÄUS
Sonntag vom GESETZ
Sonntag von den TALENTEN



 

VORBEREITENDE SONNTAGE

 

Sonntag vom Zachäus

Apostel: 1 Tim 4: 9-15
Evangelium: Lk 19: 1-10


Heute hören wir die erste Ankündigung, empfangen die erste Einladung das Oster-Mysterium für uns heilbringend mitzuerleben:
Wenn unser Verlangen hinreichend tief und stark ist, wird Christus darauf antworten.
Deshalb müssen wir danach brennen den Gottessohn, den erneuerten perfekten Menschen des Paradieses erkennen zu lernen. Dazu muss der Durst und der Hunger nach dem Absoluten in uns steigen, und durch Ihn die wahrhaftige Erkenntnis in uns selbst.



Das brennende Verlangen
(zum Sonntag des Zachäus)

Lange vor dem eigentlichen Beginn der Fastenzeit kündigt die Kirche ihr Nahen an und lädt uns ein, in die Periode einer der Fastenzeit vorhergehenden Vorbereitung einzutreten. Es ist ein charakteristischer Zug der Orthodoxen liturgischen Tradition, dass jedes Hochfest oder jeder liturgische Zeitabschnitt - Ostern, Weihnachten, Fastenzeit etc. - angekündigt und im voraus »vorbereitet« wird. Warum? Weil die Kirche ein tiefes psychologisches Gespür für die menschliche Natur hat. Da sie unsere mangelnde Konzentrationsfähigkeit und den erschreckenden Hang zur »Weltlichkeit« unseres Lebens kennt, weiß sie um unsere Unfähigkeit zu einem raschen Wandel, zu einem unvermittelten Hinüberwechseln von einem geistlichen oder geistigen Zustand in einen anderen. Deshalb lenkt die Kirche bereits lange vor dem Beginn des der Fastenzeit eigenen Bemühens unsere Aufmerksamkeit auf die ernsthafte Bedeutung dieser Zeit und lädt uns ein, deren Sinn betrachtend zu bedenken. Vor dem praktischen Vollzug der Fastenzeit wird uns deren Bedeutung gegeben.

Diese Vorbereitung umfasst fünf aufeinander folgende Sonntage, die der Fastenzeit vorangehen, und von denen jeder - durch sein eigenes Evangelium - einem grundsätzlichen Gesichtspunkt der Reue gewidmet ist.

Der aller erste Hinweis auf die Fastenzeit erfolgt an dem Sonntag, an dem das Evangelium über Zachäus (Lk 19,1-10) gelesen wird. Es ist der Bericht über einen Menschen, der zu klein ist, um Jesus sehen zu können, der aber so sehr von dem Wunsch beseelt ist, ihn zu sehen, dass er auf einen Baum steigt. Wegen seines brennenden Verlangens wendet Christus sich ihm zu und kehrt bei ihm ein. So ist das Thema dieser ersten Ankündigung das brennende Verlangen. Der Mensch folgt seinem brennenden Verlangen. Man kann sogar sagen, dass der Mensch Verlangen ist, und diese grundlegende psychologische Wahrheit über die menschliche Natur wird durch das Evangelium bestätigt: »Da, wo dein Schatz ist, wird auch dein Herz sein« (Mt 6,21; Lk 12,34), sagt Christus. Ein heißes Verlangen überwindet die natürlichen Grenzen des Menschen; wenn er leidenschaftlich etwas wünscht, kann er Leistungen vollbringen, zu denen er »normalerweise« nicht fähig ist. Obwohl »klein« von Gestalt, wächst er über sich hinaus und übertrifft sich selbst. Die einzige Frage ist also, ob es die wahren Güter sind, die wir begehren, und ob die Stärke unseres Verlangens auf das wahre Ziel ausgerichtet ist oder ob, um die Formulierung des atheistischen Existentialisten Jean-Paul Sartre zu gebrauchen, der Mensch eine »unnütze Leidenschaft« ist.

Zachäus wünschte »eine gerechte Sache«, er wollte Christus sehen und näher an ihn herankommen. Es ist das erste Symbol des Sich-Bekehrens, denn das Sich-Bekehren beginnt mit der Wiederentdeckung der tiefgründigen Natur allen Verlangens: das Verlangen nach Gott und Seiner Gerechtigkeit, das Verlangen nach dem wahren Leben. Zachäus ist »klein«, - unscheinbar, ein Sünder, ein Mensch mit begrenzten Möglichkeiten - aber trotzdem wächst sein Verlangen über all dies hinaus. Er »erzwingt« die Aufmerksamkeit von Christus, er nimmt Christus mit zu sich nach Hause.

Das ist also die erste Ankündigung, die erste Einladung: wir müssen begehren, was das Tiefste und Wahrhaftigste in uns selbst ist, den Durst und den Hunger nach dem Absoluten in uns wiedererkennen, das, ob wir es nun kennen oder nicht, uns mit einer wahrlich »unnützen Leidenschaft« behaftet sein ließe, wenn wir uns von ihm abwenden und unsere Wünsche anderswohin lenken würden. Und wenn unser Verlangen hinreichend tief und stark ist, wird Christus darauf antworten.

Schmemann, Alexander, Die Große Fastenzeit, Askese und Liturgie in der Orthodoxen Kirche, Veröffentlichungen des Instituts für Orthodoxe Theologie, Bd. 2, München 1994, S. 15f.


 

Sonntag vom Gesetz

Apostel: 2 Tim 2: 1-10
Evangelium: Mt 22: 35-46


Einer unter den Schriftgelehrten versuchte IHN und fragte:
Meister, welches ist das vornehmste Gebot im Gesetz ?
Jesus aber sprach zu ihm:

DU SOLLST LIEBEN GOTT, DEINEN HERRN,
VON GANZEM HERZEN, VON GANZER SEELE UND VON GANZEM GEMÜTE.
DIES IST DAS VORNEHMSTE UND GRÖSSTE GEBOT

DAS ANDERE ABER IST DEM   G L E I C H:

DU SOLLST DEINEN NÄCHSTEN LIEBEN WIE DICH SELBST.

IN DIESEN ZWEI GEBOTEN
HÄNGT DAS GANZE GESETZ UND DIE PROPHETEN.


ohne Kommentar !




 

Sonntag von den Talenten

Apostel: 2 Kor 6: 1-10
Evangelium: Mt 25: 14-30


Heute sollen wir in der Vorbereitung auf die Fastenzeit in den Worten des Gottessohnes mit aller Deutlichkeit erkennen:
Der Glaube der Christen ist wahre Freiheit aber keine Philosophie !
Wenn wir am vorigen Sonntag gehört haben, dass die Liebe das Höchste Gebot ist, dann genügt nicht zu nicken und "an etwas Höheres" zu glauben.
Die Befreiung unserer Talente durch die Erlösung muss ihre praktischen Auswirkungen in unserem Tun in unserem Leben finden !
Sonst werden wir nicht "eingehen" in die Freude unseres Herrn" sondern trotz unserer Erlösung dort sein, "wo Heulen und Zähneknirschen" ist !


Der Herr verteilte viele Talente unter seine Leute, dann liess er sie in aller Freiheit damit tun, was sie für richtig hielten.

Nach geraumer Zeit hatte einer 5 Talente verdoppelt.
DU BIST ÜBER WENIGES TREU GEWESEN,
DAFÜR WILL ICH DICH ÜBER VIELES SETZEN !
GEHE EIN IN DIE FREUDE DEINES HERRN !


Nach geraumer Zeit hatte ein anderer 2 Talente verdoppelt.
DU BIST ÜBER WENIGES TREU GEWESEN,
DAFÜR WILL ICH DICH ÜBER VIELES SETZEN !


Nach geraumer Zeit aber hatte der, der ein Talent erhalten hat, sich nicht auf die ENTWICKLUNG dieses Talentes konzentriert, sondern in kriecherischer Furcht alles vergraben um das Eigentum seines Herrn wieder zurückgeben zu können.
WIE ER IN UNERLÖSTER KRIECHEREI ANGENOMMEN HAT, SO GESCHIEHT IHM:
IHM WIRD NOCH GENOMMEN, WAS ER HAT !
ER WIRD DRAUSSEN IN DER FINSTERNIS SEIN,
WO HEULEN UND ZÄHNEKNISCHEN IST !






 

VOR - FASTENZEIT

"Der UMKEHR Türen öffne mir ..." 

~~~ Komponist: Artemij WEDEL /// Interpretation: F.TSCHALJAPIN mit Chor der Russischen Orthodoxen Kathedrale Paris 1932 ~~~
zur Link-Quelle: "http://www.musicarussica.com"
~~~vollständig:Chor der Christi-Verklärungskathedrale, Moskau /Regent Vladimir LVOV~~~
zur Link-Quelle: "http://en.liturgy.ru/zvuk/zvuk.php"

 

 

SONNTAGE der Vorfastenzeit:

1. Sonntag vom ZÖLLNER und PHARISÄER
2. Sonntag vom VERLORENEN SOHN

3. Sonntag FLEISCHENTSAGUNG !   vom GERICHT

4. Sonntag BUTTERENTSAGUNG !   vom VERLUST des PARADIESES   VERGEBUNGSSONNTAG

- abends:
BEGINN der GROSSEN 40-taegigen
FASTEN

 

 

Vor - Fastenzeit

Warum wird die vorösterliche "Grosse Fasten" durch die vierwöchige Vorbereitungszeit eingeleitet ?
Weil die Kirche mit ihrer 2000-jährigen Erfahrung ein tiefes psychologisches Mitgefühl mit der menschlichen Natur entwickelt hat. Sie kennt unseren Hang uns von den Oberflächlichkeiten unserer Umwelt einnehmen zu lassen und unsere mangelnde Konzentrationsfähigkeit auf die geistlichen Güter. Ein rascher Wandel unserer Alltäglichkeit, ein unvermitteltes Hinüberwechseln in eine noch nie auch nur erspürte Praxis birgt die Gefahr uns zu überfordern. Wir dürfen nicht Wunder fordern, sondern wir bereiten uns auf immer wieder neue Anstrengungen vor. Wir müssen uns darauf vorbereiten, nach jedem Fall niemals die Anstrengungen des Aufstehens zu scheuen, wieder an die Türen der Umkehr zu klopfen und uns wieder auf den Weg zu machen.

Lasst uns die jährlich Gelegenheit nutzen, uns auf das Ziel und die Bedingungen wahrhaft christlichen Fastens zu besinnen und uns allmählich für das kommende Fasten bereit zu machen. Charakteristisch für unsere heilsame orthodoxe Tradition des Christentums ist dabei die pastorale Heranführung an die einzelnen Phasen des Heilswerkes unseres Gottes für uns Menschen. Vor dem Apell zum praktischen Vollzug der Fasten wird uns deren Bedeutung in mehreren Bildern anschaulich gemacht. So hat jede Zeit des Kirchenjahres - ohne unvermittelte Einschnitte und Brüche - in ihrer Weise Anteil am Ganzen, am alle Zeiten einschliessenden Heilsmysterium Christi. Zugleich wird dadurch aber auch deutlich, dass die Gläubigen sich nicht nur an einzelnen Festzeiten einseitig und nach Belieben bedienen sollen, wie an einem Selbstbedienungs-Buffet, sondern in allen Zeiten des Kirchenjahres in demütiger Offenheit und aktiver Teilnahme am Gebet der Kirche eine weitere Stärkung in ihrem Lebensweg als Christen mitbekommen.

Die Haltung demütiger Offenheit aber muss immer wieder neu mutig errungen werden.
Dieser Mut und die Bereitschaft das Ringen auch durch Entbehrungen durchzuhalten ist besonders für die Zeit der Grossen 40-tägigen Fasten notwendig. Das aktive, bewusste Fasten ist ein deutliches Bekenntnis zur Möglichkeit der Überwindung der "animalischen Naturgesetze" und ein Zeichen der Bereitschaft zu wahrer Menschlichkeit im Ebenbilde Gottes.
Wenn wir dies Bedenken, dann wird uns das Fasten nicht als unliebsame Einengung erscheinen. Wir werden erkennen das Fasten nichts mit Trübsinn zu tun hat, sondern mit Freude die Gelegenheit zur Erneuerung des Lebens ergreifen.

Deshalb wollen wir das Fasten nicht nur als äusserliche Übung der "Gesetzestreue" sehen, sondern als Gelegenheit uns dem Heil der Vergöttlichung zu nähern:

Beginnend mit der Bitte, dass sich auch uns die "TÜREN der UMKEHR" öffnen mögen !

Die Sonntage der 4 Wochen der Vorbereitung der Vor-Fastenzeit führen uns durch ihre Evangelien an diese "Türen der Umkehr" heran.
Diese Zeit soll genutzt werden, um uns zu Besinnen, uns zu überlegen und wenn möglich mit dem Beichtvater abzusprechen in welcher Weise wir am Fasten der Kirche in unseren konkreten Lebensumständen teilhaben können. Realistischerweise wird uns nämlich ausser in Klöstern die genaue Einhaltung aller Fastenregeln der Kanones (kat´akrib ei an) nicht so ohneweiteres möglich sein. Gleichzeitig wird ein am Sinn und nicht nur am Buchstaben orientiertes Fasten auch weitgehenden Verzicht auf die Genussmittel, Süssigkeiten, Fernsehen und andere "Suchtmittel" unserer Zeit bedeuten. Dies vor allem, um frei zu werden, die "Lebensqualität" eines inneren geistlichen Lebens für uns neu zu entdecken und zu intensivieren.
Die Vorfastenzeit bietet Gelegenheit zur konkreten Planung dieser Umkehr. Aus praktischer Erfahrung ist es auch empfehlenswert die Umsetzung der Pläne "austesten", um für die 40 Tage nur Vorsätze zu fassen, die wir dann auch weitgehend umsetzen können.
Wichtig ist es aber auch, sich auch gleich darauf vorzubereiten, dass wir nach jedem Fall auch wieder bereit sind aufzustehen - und das "Rennen" fortzusetzen. Nicht umsonst werden wir auch an die 40 Jahre erinnert, in denen das Volk des Herrn auf dem Weg durch die Wüste die neu gewonnene Freiheit erprobte:
Befreit aus der auch beQuem gewordenen Gefangenschaft "an den Fleischtöpfen Ägyptens", gerettet von äusseren Feinden nach der DurchQuerung des Roten Meeres und immer wieder im Glauben gestärkt auf dem Weg in das Land der Verheissung wie wir in unseren Anstrengungen auf dem Weg zur Vergöttlichung. Aber trotz der neu empfangenen Richtschnur der 10 Gebote, von Gott genährt durch das Manna vom Himmel und mehrmals gerettet durch die Wunder des Wassers des Lebens:
Nahe an Gott aber auch in dieser Situation immer wieder zurückgefallen in gefährliche Sünden
- aber auch immer wieder durch Gottes Gnade und menschliche Anstrengung wieder versöhnt mit dem Schöpfer des Lebens.
ER will uns nie vernichtend strafen, sondern wie es uns Christus während Seiner 40 Tage in der Wüste gezeigt hat, immer wieder für uns und unsere Erlösung mit dem Satan, dem Versucher, ringen. Wir können darüber umso mehr Freude empfinden, je öfter wir nach unseren Sündenfällen wieder aufstehen und den Kampf wieder aufnehmen.
"Nur vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und nur ihm allein dienen" (Lk 4,8) erinnert uns der Apostel an dieses Privileg der "Synergie", der Einladung Gottes an uns, unsere begrenzten Kräfte mit Seiner Allmacht zu verbinden.


Bereiten wir uns auf die freudebringenden Anstrengungen dieses Kampfes vor, um dann nach der "Vollendung der 40 Tage" auch mit wenigstens teilweise verdienter Freude die Früchte der Auferstehung ernten zu dürfen !


"Die Tueren zur Umkehr, oeffne mir, Lebensspender ! ..." 
 
~~~ Komponist: Artemij WEDEL /// Interpretation durch grossen Chor ~~~
www.musicarussica.com - RealAudio


Der Umkehr Pforten öffne mir,
Du, Der Du das Leben schenkst !
...
Denn durch schändliche Sünden habe ich meine Seele befleckt
und mein Leben in Nachlässigkeit vergeudet.
...
In Deiner Güte mache mich rein
durch Deine huldvolle Milde !


~~~vollständig:Chor der Christi-Verklärungskathedrale, Moskau /Regent Vladimir LVOV~~~
aus: "http://en.liturgy.ru/zvuk/zvuk.php"

 

Sonntag vom Zöllner und Pharisäer

Apostel: 2 Tim 3: 10-15
Evangelium: Lk 18: 10-14


Die Apostellesung erinnert uns, an heilsamen Traditionen festzuhalten.
Das Evangelium macht aber sofort deutlich, dass damit nicht ein gesetzlicher Konservatismus gerechtfertigt werden soll:
Der Pharisäer, der getreu alle überkommenen Vorschriften einhält, und sich dessen vor Gott rühmt, wird beschämt durch den ausserhalb des Gesetzes stehenden Zöllner, der in Demut seine Unwürdigkeit bekennt.
Am ersten Vorfastensonntag werden wir auf die erste Voraussetzung dafür hingewiesen, dass die kommende Fastenzeit für uns heilsam wird:
DEMUT



Lasset uns fliehen
die hochmütige Prahlerei des Pharisäers
und lernen
das demütige Seufzen des Zöllners !
Zu unserem Erlöser lasset uns rufen:
Vergib uns,
Allerbarmer !


Vor uns liegt ein Ausstieg, ein Aufstieg ins Heiligtum, in das Innerste des heilbringenden Mysteriums Christi, hin zur kostbaren Herzmitte auch unserer Existenz, deren eigentlichen Sinn dises Mysteriums birgt.

Wir nahen uns dem Ostermysterium entweder als "Zöllner" oder als "Pharisäer":
- als solche, die kommen zur wahren Verwirklichung dessen, wozu wir berufen sind
- oder als solche, die in den "Naturgesetzen" ihrer Umgebung verfangen, das eigentliche Ziel ihres Lebens verfehlen.

Der offenbahrende Gott zeigt uns welche Grundhaltungen -Seiner erlösenden Liebe gegenüber- für uns heilsam oder nutzlos sind:

Der Pharisäer steht für den Selbstgerechten, den Menschen, der sich selbst verwirklichen will, dank all seiner Leistungen und seiner Selbstsicherheit, der auf seinen Individualismus stolz ist:
"Er betet bei sich selbst: ich danke Dir, dass ich nicht bin wie die übrigen Menschen"

Der Zöllner zeigt uns dagegen, die allein fruchtbare, die Haltung, für die das Heil nahe ist:
Er "steht von Ferne und wagt es nicht, seine Augen gen Himmel zu erheben". Er weiss um die Distanz zur erhabenen, ganz anderen Wirklichkeit des über alles erhabenen, allerhöchsten Gottes über jeden Gott, DEN, zu dem sich der selbstgerechte Mensch selber machen wollte. Er weiss um seine Schulden, die Sünden und "klopft an s e i n e Brust", nicht an die Brust der anderen um andere für deren Vergehen zu tadeln. Er weiss, das sein Schöpfer auch sein ihn liebender Erlöser ist, der ihm sogar an seiner göttlichen Natur Anteil geben will. Der sich selbst richtig einschätzende Zöllner (= der Sünder par excellence), e r b i t t e t das Erbarmen Dessen, Der die Liebe ist:
"Gott, gewähre mir Deine Gnade !"

 

“Gott, sei mir Sünder gnädig!“

Predigt zum Sonntag des Zöllners und Pharisäers
von P. Konstantinos, München
* Quellenhinweis *

„Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stellte sich hin und sprach leise dieses Gebet: Gott, ich danke dir, daß ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens. Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Lk 18,10-14)

Die heutige Evangeliumsperikope zeigt uns zwei Arten von Gläubigen; zwei charakteristische Typen von Menschen, die in die Kirche kommen. Der erste kommt, um sich zu zeigen, um anzugeben, um sein angeblich so heiliges Leben vorzustellen, um die Bewunderung der anderen zu erregen, um Gott, seiner Ansicht nach, zu verpflichten für seine Taten, für seine Tugenden, die der Bewunderung und des Lohnes würdig sind.

Welch ein Irrtum, welch ein Trug, welch ein Frevel! Ein Frevel vor Gott und den Menschen. Denn Gott nimmt solche Gebete nicht an, und die Menschen verabscheuen diese Art, ja ekeln sich vor ihr. Bei meinen Hausbesuchen höre ich viele Klagen und Kritik an vielen an uns, die wir zwar regelmäßig in die Kirche gehen, aber zu Hause, in der Arbeit, im Umgang mit anderen ganz anders sind, als wie wir uns hier im Umfeld der Kirche zeigen möchten. Wir sind leicht erregbar, ungerecht, sprunghaft und haben tausend andere Fehler, die unseren Charakter verraten. Wir kommen in die Kirche mit großen und auffallenden Kreuzen, mit großen und vielen Kerzen, aber wir verbergen in uns den Pharisäer, der uns so treffend im Hl. Evangelium beschrieben wird.

Ich möchte nicht länger bei der Charakterisierung und Beschreibung dieser Art von Menschen verbleiben. Ich möchte, dass wir uns etwas mehr Gedanken machen über eine andere Art, nämlich über jenen, den der Pharisäer verachtet, auf den er mit dem Finger zeigt und über den er schlecht redet.

Wer ist es? Es ist ein sündiger Zöllner. Früher mussten die Bauern den Zehnten zahlen, d.h. ein Steuereinnehmer, kein Beamter des Staates, hatte sich vom Staat das Recht gekauft, die Steuern von den Bauern einheben zu dürfen. Dieser Steuereinnehmer oder seine Leute hatten die Möglichkeit Missbrauch zu üben, zu stehlen, die Bauern auszubeuten. Und sie haben den Unwissenden und Hilflosen das Gesetz vorgehalten, um damit ihre Gesetzwidrigkeiten zu verschleiern. In der Zeit Christi hatte die römische Herrschaft für diese Arbeit die Zöllner, die in der Regel stahlen und ihre Landsleute rücksichtslos und schamlos betrogen. Deshalb hatte niemand Achtung vor ihnen. Deshalb betont der Pharisäer der heutigen Evangeliumsperikope: „Gott, ich danke Dir, daß ich nicht wie die anderen Menschen bin ... oder auch wie dieser Zöllner dort.“ Der Zöllner wiederum kannte seine Schuld. Er wagte es nicht einmal seine Augen zum Himmel zu erheben. In einem abgelegenen Teil des Tempels klopfte er sich, niedergebeugt und voller Reue, an die Brust und flüsterte immer wieder: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“

Es waren dies seine einzigen Worte, aber sie kamen tief aus seinem Herzen. Worte der Reue und Buße, die zeigten, dass in dieser Brust seine Seele litt und eine geistige Geburt, eine seelische Wiedergeburt möglich wird. In diesem Kampf in seiner Brust stürzte der Zöllner den Sünder in sich vom Sockel seiner Geldgier und legte den Grundstein für ein neues Leben. Das ist das Werk der Buße. Als der Zöllner zu bereuen begann, erfuhr er die erste Frucht dieser Tugend: die Demut.

Man sagt, dass die Demut die Tugend der Alten und der Weisen sei. Aber auch der Zöllner zeigte sich demütig. Ganz hinten im Tempel klopfte er sich an die Brust und sagte: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Seht seine große Demut, ganz spontan kamen ihm diese Worte über seine Lippen. Und diese Worte waren nicht von der satten Arroganz der dürren Worte des Pharisäers.

Die aufrichtige Reue des Zöllners führte ihn zur Demut, welche „die beste der Tugenden ist“, wie uns der hl. Augustinus sagt, und diese führt uns weiter zum Gebet, das eine „Kraftreserve“ ist, wie es ein anderer Denker ausdrückte. Die Tradition überliefert uns, dass König David, als er seine übergroße Sünde bereute, bitterlich weinte, wie es der 50. Psalm beschreibt, den wir in vielen Andachten unserer Kirche lesen. Aus den Tränen Davids wuchsen aus der Erde zwei Bäume: eine Weide, die auf immer trauert und eine Zeder, deren Harz sich in Weihrauch verwandelt.

Tatsächlich Quellen aus der aufrichtigen Reue zwei Tugenden: die Demut, die der Weide gleicht, die ihre Zweige nach unten neigt und das Gebet, das wie Weihrauch zum himmlischen Altar Gottes aufsteigt.

Das ist die Dreiheit der Tugenden - Reue und Buße, Demut, Gebet -, die uns heute das Triodion der Zerknirschung in Erinnerung bringt. Das Triodion, das heute beginnt, ist die Zeit, die uns auffordert, uns auf diese Tugenden zu besinnen. Jeder Sonntag des Triodions erinnert uns an eine andere Tugend. Die Kette unserer Tugenden verbindet uns mit dem gütigen Gott.

Selig werden sein, die
in der heutigen Zeit der Gleichgültigkeit im Glauben, ja seiner Ablehnung,
es zustande bringen,
sich durch diese Kette mit Jenem zu verbinden,
der den Zerknirschten und Demütigen im Geiste nahe ist.

Amin.

Übersetzung aus dem Griechischen: G. Wolf

 

Sonntag vom Verlorenen Sohn

Apostel: 1 Kor 6: 12-20
Evangelium: Lk 15: 11-32


Vater Alexander Schmeman: " Rückkehr aus dem Exil "

Die Apostellesung dieses Herrentages stellt die christliche Freiheit heraus und steckt damit die Grenzen des Fastengebots ab:
"Alles ist mit erlaubt, aber ich soll mich von nichts beherrschen lassen"
Damit ist das Fasten jeder fremden Beurteilung von aussen entnommen. Es kann daher nach orthodoxem Verständnis auch nicht zum öffentlichen Gesetz werden, zumal es, wie der Herr anweist (Mt 6: 16-18) im Verborgenen geschehen soll.
Das Evangelium stellt dann den eigentlichen Sinn der Fastenzeit heraus: Der Aufbruch zur Umkehr zum Vater, der den Verlorenen Sohn mit Freuden aufnimmt und reich beschenkt. Es ist wohl kein Zufall, dass an diesem Herrentag erstmals im Nächtlichen Psalmengebet (Ps 136) angestimmt wird.


Deine väterliche Herrlichkeit
habe ich ohne Verstand verlassen.
übel verschwendet habe ich den Reichtum
den Du mir gegeben hast.
So rufe ich Dir die Worte des Verlorenen Sohnes zu:
"Ich habe gesündigt gegen Dich,
barmherziger Vater.
Nimm mich auf,
der ich umkehre,
und lass mich bei Dir sein
wie einen Deiner Taglöhner !"


Der selbstherrliche, auf seine vermeintliche Autonomie allzu stolze Mensch ist -von seinem Ursprung her- Sohn des himmlischen Vaters. Alles, was er hat, hat er von Gott.
Er zieht in ein gottfernes Land, liefert sich einer gottfernen Gesellschaft aus. Er nimmt so viel er kann aus seiner Mitgift, dem Eigentum Gottes. Er verschwendet es hemmungslos an Idole, die ihm kurzfristig faszinierend erscheinen. Als es seine Mitgift verbraucht hatte, im Genuss des Materiellen, Innerweltlichen, tritt die Hungersnot ein. Nichts vermag ihn zu sättigen im Anblick des Absterbens seiner Lebendigkeit, niemand, keine Parole kann ihn mehr begeistern. Keines seiner Idole kommt ihm zu Hilfe: "Ich sterbe hungers !"
Aber er hat noch die Kraft seine Niederlage einzugestehen: "Wie viele Tagelöhner im Hause meines Vaters haben Überfluss an Brot. Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen".
Es ihm gleich zu tun, dazu fordert uns die Kirche auf, jetzt in der Zeit des Aufbruchs in die Grossen Fasten vor der Auferstehung.

"Ich will mich aufmachen", ich will aufstehen, damit Überblick gewinnen, Gewohntes verlassen und mich auf den Weg machen, den die Fastenzeit mir öffnet, hin zum Vaterhaus.
Das ist das Ziel: zu Gott, zu unserem Vater zu gelangen.
Er macht mich frei.
Er nährt mein innerstes Leben.
Er will mir in der Wohnung Seiner Herrlichkeit Geborgenheit auf ewig bieten.

"Ich will dem Vater sagen: ich habe gesündigt wider den Himmel und vor Dir; ich bin nicht wert, Dein Sohn zu heissen". Die Not der Sünde, der Gottesferne, ist die tiefste Not. Wo sie am grössten ist, ist sie am gefährlichsten, besonders wenn jeder Hilfeschrei betäubt und ihre Symptome verdrängt werden. Sünde ist immer gegen alles gerichtet, was sich über den irdischen Niederungen, den menschlichen Gemeinheiten, wölbt. Die Sünde widersetzt sich der Güte Gottes. Sie ist immer Lüge gegen die Wahrheit des göttliche Lebens in uns.
Wer könnte sagen, er wäre ohne Sünde: "Weil kein Mensch lebt ohne zu sündigen" (1 Könige 8: 46) ?

Die Fastenzeit schafft uns eine gute Gelegenheit, unsere Sünden vor Gott, unserem Vater zu bekennen: im Mysterium der Busse (der Beichte und Umkehr).
Es tut uns gut, wenn wir noch sagen können: "Ich habe mich versündigt an der Liebe zu Gott und den Nächsten" !

"Als er (wir) noch weit entfernt war(en), sah ihn (uns) der Vater -und war von Mitleid gerührt, er lief ihm (uns) entgegen, fiel ihm (uns) um den Hals und küsste ihn (uns). Die Liebe des Vaters kommt uns stets in Christus entgegen, wenn der Sünder aufrichtig seinen hilfsbedürftigen Zustand mit Glauben und kindlicher Hoffnung und Vaterliebe ausbreitet. Sein Mitleid teilt unser Leid und unseren Tod. Der Sünder öffnet die Herzwunde Christi, Gottes, aus der das Wasser des Mysteriums der Taufe (die Väter nennen das Mysterium der Busse "eine zweite Taufe") und das Blut der Eucharistie (des Mysteriums vom allerreinsten Leib und Blut des Herrn) fliesst.
Gott umarmt uns als Seine Kinder.
Gott schützt uns mit Seiner Kleidung (in der Taufe haben wir "Christus angezogen"), der besten Kleidung, der Kleidung der Kindschaft Gottes -wenn wir uns blossgestellt fühlen, wie einst Adam.
Gott setzt uns ein, in Sein Erbe, das unverwesliche Erbe der Unsterblichkeit.
Und trotz all dieser Gaben will er unsere Freiheit: Er gibt uns den Siegelring der Freien.
Die Kirchenväter deuten es noch tiefer:
Die Schuhe weisen auf die Befähigung auf dem Weg (Christi) fortzuschreiten, das Siegel auf das Siegel des Heiligen Geistes.
Unser Vater bereitet uns das Freudenmahl -das Ostermahl, -die Göttliche Liturgie.
Auch wenn wir dem zweiten Sohne gleichen, der tief in seinen Alltag verstrickt ist, und glaubt durch äusserliche "Anständigkeit" immer im Sinne des Vaters gehandelt zu haben, und so zum Knecht seiner Selbstgerechtigkeit geworden ist, und wenn wir, wie er, nicht hineingehen wollen, um uns für das Freudenfest bereit zu machen, so sucht uns doch der Vater heim: "Da kam sein Vater heraus, und redete ihm zu"
Hören auch wir auf Gott, unseren Vater wenn er uns durch die Tradition der Kirche jetzt in der Vorfastenzeit auf das österliche Freudenfest vorbereitet !

Ja, wir wollen nicht mehr fern der Freude der Gemeinschaft mit Gott, fern dem wahren, von Ihm geschaffenen Leben des Paradieses, leben.
Ja, ich werde die Fesseln der Torheit lösen, die mir von Ihm geschenkten Reichtuemer nicht mehr mehr mit Sündern verschwenden, sondern mich aufmachen und zu meinem mitfühlenden Vater zurückkehren.

An den Flüssen von Babylon saßen wir ...
gedenkend der Stadt des Herrn ...
Wie könten wir dem Herr ein Lied singen
in einem fremden Land ?
Sollte ich dich vergessen, o Stadt meines Gottes,
so verdorrt meine rechte Hand
so klebt meine Zunge am Gaumen
wenn ich Deiner vergesse,
wenn ich nicht Gottes Stadt über alle meine Freuden stelle ...

"An den Flüssen von Babylon ..." 
~~~ Na Rekach Babylonskich ~~~
Chor des Klosters in Pyuchtiza

 

 

Erzpriester Alexander Schmemann:
(langjähriger Dekan der Orthodoxen Theologischen Akademie der USA St. VLADIMIR´s)


Rückkehr aus dem Exil

zum Sonntag vom Verlorenen Sohn

An diesem Sonntag der Vorbereitung auf die Fastenzeit hören wir das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32).
Zusammen mit den Hymnen dieses Tages erschließt uns dieses Gleichnis die Zeit der Reue als die Rückkehr des Menschen aus dem Exil.

Der verlorene Sohn, so hören wir, bricht auf in ein fernes Land und verschwendet dort alles, was er besitzt.
Ein fernes Land!
Das ist die einzig zutreffende Bezeichnung für unsere Bedingtheit als Mensch,
die wir annehmen und zu der unseren machen müssen, wenn wir unseren Weg zu Gott hin beginnen.
Ein Mensch, der niemals diese Erfahrung gemacht hat, und sei es auch nur für kurze Zeit, dass er in der Gottesfeme lebt und von dem wahren Leben abgeschnitten ist, wird niemals verstehen, was es mit dem Christentum auf sich hat.
Und jemand, der vollständig in dieser Welt und in dem Leben dieser Welt »zuhause« ist, der nie von dem sehnsuchtsvollen Wunsch nach einer anderen Wirklichkeit schmerzlich getroffen wurde, der wird nie verstehen, was bereuende Umkehr ist.

Oft wird die bereuende Umkehr einfach mit einer nüchternen und »sachlichen« Aufzählung von Sünden und Übertretungen, einem »Schuldbekenntnis« bei einer gerichtlichen Anklage, gleichgesetzt.
Geständnis und Absolution werden als juristische Akte betrachtet.
Man übersieht jedoch etwas sehr Wesentliches, ohne das weder das Schuldbekenntnis noch die Absolution eine wirkliche Bedeutung oder Wirksamkeit erlangen können. Dieses »Etwas« ist ganz genau das Empfinden des Verbanntseins von Gott, weit verbannt von der Freude der Gemeinschaft mit ihm und fern dem wahren Leben zu sein, das durch Gott geschaffen und geschenkt wird. Es ist in der Tat leicht zu bekennen, dass ich an den vorgeschriebenen Tagen nicht gefastet habe, dass ich meine Gebete vergessen habe oder jähzornig gewesen bin. Eine ganz andere Sache ist es jedoch, wenn ich mir unvermittelt eingestehen muss, dass ich Schande auf mich geladen und meine geistliche Schönheit verloren habe, dass ich mich sehr weit von meinem eigentlichen Zuhause, von meinem wahren Leben entfernt habe, und dass ich in dem innersten Gewebe meiner Existenz etwas Kostbares, Schönes und Reines in nicht wiedergutzumachender Weise zerstört habe. Indessen bedeutet dies, und nur dies, die bereuende Umkehr, und deshalb entsteht auch ein tiefgreifendes Verlangen, umzukehren, zurückzugehen und jenes verlorene »Heim« wiederzufinden.

Von Gott habe ich wunderbare Reichtümer erhalten:
zunächst das Leben und die Möglichkeit, mich dessen zu erfreuen,
ihm einen Sinn geben zu können,
es mit Liebe und Erkenntnis ausfüllen zu können;
dann – in der Taufe –
das neue Leben in Christus selbst,
die Gabe des Heiligen Geistes,
den Frieden und die Freude auf das ewige Königreich.
Ich habe die Erkenntnis Gottes erhalten,
und in ihm die Erkenntnismöglichkeit einer jeden Sache,
und die Kraft, Kind Gottes zu sein.

Und dies alles habe ich verloren;


dies alles verliere ich ständig, nicht nur in den besonderen »Sünden« und »Übertretungen«, sondern durch die Sünde aller Sünden, indem ich meine Liebe von Gott abwende und das »ferne Land« der Schönheit des Hauses des Vaters vorziehe.
Aber die Kirche ist da, um mich daran zu erinnern, was ich aufgegeben und verloren habe.
Und während sie mir dies ins Gedächtnis zurückruft, erinnere ich mich; so wie es das Kontakion dieses Tages ausdrückt:
»Fern von der Herrlichkeit des Vaters bin ich in meiner Torheit Fesseln umhergeirrt
und habe mit den Sündern die Reichtümer, die du mir anvertraut hattest, verschwendet.
So rufe ich mit dem verlorenen Sohn zu dir:
Barmherziger Vater, ich habe gegen dich gesündigt.
Nimm mich reuigen Sünder wieder auf und nimm mich an wie einen deiner Tagelöhner ... !« Und während ich mich erinnere, spüre ich in mir das Verlangen und die Kraft zurückzukehren:
»... Ich werde mich aufmachen und zu meinem mitfühlenden Vater zurückkehren
und werde zu ihm unter Tränen sagen:
Nimm mich auf wie einen deiner Diener! «

In diesem Sinne singen wir heute den sehnsuchtsvollen Psalm 136:


An den Flüssen von Babylon saßen wir und weinten, Sions gedenkend...
Wie könnten wir dem Herrn ein Lied singen, in einem fremden Land?
Sollte ich dich, o Jerusalem, vergessen, soll meine Rechte verdorren!
Meine Zunge klebe an meinem Gaumen, wenn ich deiner vergesse,
wenn ich nicht Jerusalem über alle meine Freuden stelle ...


Das ist der Psalm des Exils. Die Juden sangen ihn während der babylonischen Gefangenschaft, im Andenken an ihre heilige Stadt Jerusalem. Er wurde seit jeher das Lied desjenigen, der sich seines Verbanntseins in der Gottesfeme bewusst und hierdurch zu einem neuen Menschen wurde: zu jemandem, den nichts von dieser gefallenen Welt zufrieden stellen kann, da er seiner Natur und Berufung nach ein Pilger des Allerhöchsten ist. Dieser Psalm wird noch zweimal, an den beiden letzten Sonntagen vor der Fastenzeit gesungen. Und somit offenbart sich die Fastenzeit als Pilgerfahrt und Bereuen,

als UMKEHR.

Schmemann, Alexander (Erzpriester und langjähriger Dekan der Orthodoxen Theologischen Akademie der USA St. VLADIMIR´s)
"Die Große Fastenzeit - Askese und Liturgie in der Orthodoxen Kirche"
Veröffentlichungen des Instituts für Orthodoxe Theologie, Bd. 2, München 1994

hier aus St. Andreas Bote

"An den Flüssen von Babylon ..." 
~~~ Na Rekach Babylonskich ~~~
Chor des Klosters in Pyuchtiza


 

Sonntag der beginnenden FLEISCHENTHALTUNG

Sonntag vom Gericht

Apostel: 1 Kor 8:8 - 9:2
Evangelium: Mt 25: 31 - 46



Dieser Herrentag wird nach dem Evangelium "vom Gericht" oder nach der Tradition der Kirche "Herrentag der Fleischenthaltung" (= APOKREO = MESOPUSTNA = Carne val) genannt. Mit dem Abendgottesdienst an diesem Sonntag beginnen die Gläubigen sich in Fleischenthaltung zu üben.
In der folgenden Woche wird der Körper noch einmal mit Milch, Butter und Käse gelabt, bevor danach am Abend des nächsten Sonntags die Grossen 40-tägigen Fasten vor der österlichen Festzeit beginnen.


Orthodoxe Mönche und Monialinnen verzichten auf Dauer auf die Ernährung durch Fleisch. Während der Fasten enthalten sich auch die Laien. Der Verzicht auf Fleisch soll als ein Zeichen der Hoffnung auf das Himmelreich verstanden werden. Im ewigen Friedensreich Gottes werden sich Seine Geschöpfe nicht mehr fressen und gefressen werden(Jes 11: 6-9). Unser Fasten nimmt dieses Friedensreich im Glauben vorweg.
Die Apostellesung betont wieder einmal die wahrhaft christliche Freiheit gegenüber allen religiösen Speisevorschriften:

Brüder, Speise wird uns nicht vor Gott bestehen machen;
weder fehlt uns etwas, wenn wir nicht essen,
noch gewinnen wir etwas, wenn wir essen"
(1 Kor 8:8 )

Die Grenze dieser Freiheit ist jedoch das Gewissen unseres Nächsten, wenn er sich zu etwas verführen lässt, das ihm schadet.

Das Evangelium stellt uns das Gleichnis vom Jüngsten Gericht vor Augen. Mit der Symbolik vom Hirten, der am Abend des Tages die Schafe von den Ziegenböcken sondert, werden wir auf das Kriterium dieser für alle Ewigkeit wichtigen Entscheidung aufmerksam gemacht:
Erwählten wie Verworfenen,wird nach ihrem Tun Heil oder Unheil zuteil:
Aber sie erkennen erst jetzt, dass nicht die Befolgung irgendwelcher hochgesteckten abstrakten Prinzipien sondern die Art ihres Verhaltens gegenüber dem Schwächeren Mitmenschen entscheidet !

Vor dem ewigen Gericht werden jene in das Reich Gottes eingehen, die ihre Liebe konkret an ihren Mitmenschen bewiesen haben:
an den Armen, den Gefangenen und den Kranken. Unsere bewiesene Liebe oder unsere erwiesene Lieblosigkeit entscheidet !
Sünde ist Trennung und Isolierung von Gott, da Gott der Absolut Liebende ist. Und so wie Gottes Liebe zu uns konkreten unwürdigen menschlichen Individuen sind wir zu konkreter Liebe zu jeder menschlichen Person aufgerufen, der uns Gott in unserem Leben begegnen läßt.
Die christliche Liebe ermöglicht uns in jedem Menschen, der uns begegnet Christus zu sehen. Jeden Menschen, den Gott in Seinem unerforschlichen und ewigen Plan in mein Leben geführt hat, und sei es auch nur für einige Augenblicke, hat Er zu mir geführt um mir Gelegenheit zu geben an Seiner Liebe zu allen Geschöpfen teilzuhaben. Denn ist Seine Liebe nicht jene alle Äußerlichkeiten, alle Andersartigkeit, alle Herkunft und Intellektualität übersteigende Kraft die zur jeweils einzigartigen personalen Wurzel seines menschlichen Seins vorstößt, das wir getrost makellos und absolut sehen dürfen: seine ihm vom Schöpfer eingehauchte Seele, die wahrhaft göttliche Seite jedes Mitmenschen. Die christliche Liebe ist tätige Bekräftigung dieses Glaubens. Und diese Liebe ist so wie Gottes Liebe immer konkret. Wir sind damit nicht aufgerufen, allgemein und abstrakt die "Menschheit" allgemein und nicht in Form irgendwelcher Pläne für die Zukunft, die konkret gegen einzelne Personen und in einer konkreten "Etappe" "über Leichen geht", zu lieben, sondern immer die konkrete Person, die HIER und JETZT vor uns steht !
Wir wissen, dass alle Menschen dieser personalen Liebe bedürfen - dem Erkennen ihrer einzigartigen Seele in ihnen, in der sich die Schönheit der ganzen Schöpfung in einzigartiger Weise widerspiegelt.
Und so haben auch wir diese Liebe nötig:
Jetzt - und am Tage unseres Gerichtes !
Wir können das ewige Heil nicht erlangen, ohne die verzeihende Liebe dessen, der uns durch den Hauch Seiner Liebe das Leben gegeben hat und Der uns dann daran messen wird, ob wir diese Liebe erhalten und weitergegeben haben.

Die Hymnen des heutigen Tages halten fest, dass wir, an diesem Massstab gemessen, alle schuldig geworden sind vor Gott; wir können Sein Erbarmen nicht verdienen, sondern nur erbitten. Vorbereitet durch die vergangenen Herrentage sollen wir aber nicht ängstlich abseits stehen, sondern dürfen wir darauf hoffen, dass Gott, unser Vater, uns mit Macht, Weisheit und Güte zu unserem Heil helfen will !


Wenn Du, o Gott, kommen wirst
auf Erden in Herrlichkeit
wird das All erzittern
und von Deinem Richterstuhl ein Feuerstrom ausgehen,
die Bücher werden geöffnet und das Verborgene wird offenbar.
Dann errette mich aus dem nie erlöschenden Feuer
und würdige mich,
zu Deiner Rechten zu stehen,
gerechtester Richter !


Kommet, lasset uns dem Herrn frohlocken,
jauchzen dem Fels unseres Heils !

Lasset uns vor Sein Angesicht treten
mit unserem Bekenntnis !
Mit Psalmen lasset uns Ihm zujubeln !

 

"Die Tueren zur Umkehr, oeffne mir, Lebensspender ! ..." 

~~~ Komponist: Artemij WEDEL /// Interpretation: F.TSCHALJAPIN mit Chor der Russischen Orthodoxen Kathedrale Paris 1932 ~~~

Der Umkehr Pforten öffne mir,
Du, Der Du das Leben schenkst !
...
Denn durch schändliche Sünden habe ich meine Seele befleckt
und mein Leben in Nachlässigkeit vergeudet.
...
In Deiner Güte mache mich rein
durch Deine huldvolle Milde !

 

Sünde, UMKEHR, Reue und Vergebung in der Hl.Schrift
und die Bedeutung für uns.

Aus dem 2.Vortrag von Vater FJODOR Hölldobler, Herbstseminar 1998
Bischofsheim a.d.Rhön

* Quellenhinweis *

Als pastorale Grundlage zu unserem Thema aus der Hl. Schrift ist zunächst das Gebet zu beachten, das der Priester zu Beginn der Beichte liest:
Hier wird der "büssende David" genannt, "der sich von seinen Verfehlungen bekehrt hat".
Das bezieht sich auf 2 Samuel 11: 14 - 27, wo David den Hethiter Uris bei der Eroberung der ammonitischen Stadt Rabba umkommen lässt, um in den Besitz seiner Frau Batseba zu gelangen, die er dann auch heiratet und die ein Kind von ihm bekommt. In 2 Sam 12: 1 - 14 wird geschildert, wie eines Tages der Prophet Natan zu ihm kommt. Er kleidet sein Anliegen zunächst in eine Geschichte von einem Reichen und einem Armen: Der Reiche hatte viele Schafe und Rinder, der Arme hatte nur ein einziges Schaf, das er sehr liebte. Da bekam der reiche Mann Besuch. Er nahm dem Armen das Schaf weg, schlachtete es und setzte es seinem Gast vor.

Während Natan erzählt, wird David immer zorniger und ruft: "Der Mann soll sterben, der das getan hat." Aber er muss sich sagen lassen, dass -er- dieser Mann ist: "Gott sagt dir: Ich habe dir alles gegeben, Sauls Tochter, seine Frauen und seine Herrschaft. Du hättest noch mehr bekommen können. Warum musstest du Uris umbringen und seine Frau heiraten ?" Natan ging, nachdem David seine Schuld eingesehen hatte, aber als Strafe sollte das Kind sterben. An diese Stelle gehört nun der immer wieder neu ergreifende Psalm 50. David wurde krank vor Kummer. Am selben Tag ist gemeldet worden, dass sein Sohn krank ist. Er betet und fastet, aber am siebenten Tage stirbt das Kind.

David war ohne Zweifel der modernste Staatsmann im Vorderen Orient seiner Zeit. Er war kein orientalischer Despot, sondern hing persönlich an der Überlieferung seines Volkes, die aus der Wüstenzeit herkam. Er war Landsknecht, Künstler, Gottsucher, Prophet und Fürst zugleich. In David verstand sich Israel aufs neue von Gott erwählt und geführt. Aber in David hatte alles Menschliche Raum, im Guten wie im Bösen, wie diese Geschichte zeigt. Die Busse, zu der David fähig war, zeigt seine Grösse als religiöser Mensch, als Prophet und Künder des Bussgedankens.

Sodann wird Manasse genannt, dessen Bussgebet der Herr "angenommen" hat. In 2 Chr 32: 21 - 33: 12 lesen wir, wie Jerusalem von den Assyrern belagert wird. Hiskia bleibt Gott treu, indem er dem Propheten Jesaja vertraut. Die Assyrer müssen abziehen, nachdem offensichtlich eine Seuche im Lager ausgebrochen ist. Solange Hiskia lebt, wagen die Assyrer keinen einzigen neuen Angriff auf Jerusalem. Nach seinem Tode wird sein Sohn Manasse zum König gekrönt, da versuchen die Baalsanhänger, ihn zur Abkehr von Gott zu bewegen. Manasse hört auf ihren Rat und führt den Götzendienst in Juda wieder ein. Er stellt sogar im Tempel Gottes ein Götzenbild auf. Die Assyrer besiegen Manasse und nehmen ihn gefangen. In Fesseln wird Manasse durch die Strassen von Jerusalem geführt. In Babylon wird er ins Gefängnis geworfen. Im assyrischen Kerker überdenkt Manasse, wie die Assyrer zur Regierungszeit seines Vaters Jerusalem nicht einnehmen konnten, weil er Gott diente, und dass er selbst von Gott abgefallen war. Er bereut seine Sünden und bittet Gott um Vergebung. Eines Tages wird er vor den König von Assyrien gebracht, der ihn nach Hause schickt, um Juda zu regieren.

Im Neuen Testament genannt wird "die Sünderin", der "die Schuld" von Jesus Christus vergeben wurde.
Gemeint ist die Frau, die ins Haus kam, als er Gast im Hause des Pharisäers Simon war, Lk 7: 37. Die Erzählung vom Mahl beim Pharisaär Simon wird von Lukas allein überliefert, ist jedoch mit jener von Mt 26: 7 -13 verwandt, wo eine Frau im Hause Simons des Aussätzigen in Betanien Jesu Füsse salbt. Dort ärgert sich manch einer unter den Jüngern Jesu wegen der "Verschwendung", hier hingegen der Pharisäer, weil die Frau eine Dirne ist, die mit Jesus in Kontakt kommt. Diese Begebenheit ist Anlass für eine bemerkenswerte Lehre des Evangeliums (7:47): Wer für viele Sünden Verzeihung erlangt hat, wird viel Liebe zeigen.

Sodann wird der "bitterlich weinende Petrus" zitiert, dem der Herr die "Verleugnung nachgesehen" hat. Die ergreifende Szene aus der Passion ist ja doch sehr bekannt.

Wenn wir nun die genannten Schriftstellen vergleichen, so sehen wir, dass die genannten Sünden eine gemeinsame Wurzel haben.
Das ist einfach die Gottvergessenheit.
David, der es herrlich verstand zu singen: "Mein Hirt ist Gott der Herr", dieser David dringt in die Herde ein wie ein Wolf und vergisst den Hirten.
Manasse erliegt den Einflüsterungen seiner Ratgeber, die ihm versprechen, dass er so reich und mächtig würde wie die Assyrer, wenn er Götterbilder aufstellen lässt so wie sie, und vergisst seinen Gott. Wer seinen Leib der Hurerei hingibt, der vergisst, dass dieser ein Tempel Gottes ist ( 1 Kor 3: 16 ). "Hütet euch vor der Unzucht ! Jede andere Sünde, die der Mensch tut, bleibt ausserhalb des Leibes.
Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt ?" ( 1 Kor 6: 17 )
Als Petrus sagt: "Ich kenne diesen Menschen nicht !" hat er Ihn in diesem Augenblick tatsächlich nicht mehr gekannt. Er hat alles vergessen aus der existentiellen Bedrohung heraus.

So sind auch wir als Sünder meist nicht grundsätzlich gegen die Gebote Gottes eingestellt. Wir wollen meist auch seine göttliche Autorität nicht anfechten wie Lucifer, aber in der Stunde der Versuchung vergessen wir einfach, was vorher war, wie gut der Herr zu uns war. Die dunkle Nacht der Sünde hält uns gefangen.
Deshalb verwendet die Orthodoxie soviel Kraft auf die Heiligung der Sinne, auf die Vergöttlichung der sinnlichen Sphäre, um dem Menschen die Verführbarkeit durch die entsprechenden Anreize zu nehmen.

Die Heilige Schrift ist voll von Beispielen der Gottvergessenheit:
Adam und Eva "vergessen" Gottes Gebot / Kain vergisst seinen brüderlichen Auftrag / Noahs Zeitgenossen vergessen ihren Schöpfer / die Turmbauer zu Babylon vergessen Gottes Allmacht / Jakobs Brüder vergessen, dass Gott erwählt / die Israeliten vergessen Seine Führung und beten das goldene Kalb an / zwei Söhne des Aaron vergessen ihren priesterlichen Dienst und meinen "Feuer ist Feuer" / das Volk vergisst seinen Ernährer und wünscht sich zurück an die ägyptischen Fleischtöpfe / Aaron und Miriam vergessen, dass sie sich nicht mit Moses vergleichen können und dass Er -ihm- das Volk anvertraut hat / Korah und andere Gemeindevorsteher vergessen, dass Moses der von Gott erwählte Führer ist und bestreiten seine Autorität, mit dem Argument, die ganze Gemeinde sei heilig. / Vor der Schlangenplage vergessen die Leute Gottes Wohltaten und lästern gegen das Manna / im Gelobten Land vergessen sie wieder Gott und beten fremde Götter an, die Kanaaniter können sie besiegen.
Die Gottvergessenheit durchzieht die ganze Geschichte des Gottesvolkes. Kaum ging es allen gut und sie lebten in Frieden vergassen sie Gott und kehrten erst durch die Umstände belehrt zurück.

Für uns ist es auch sehr wichtig, die Zeichen zu erkennen, mit denen Gott unsere Umkehr fordert, der Mensch kann durch allerhand Warnzeichen erkennen, dass er sich von Gott entfernt hat und kann durch Busse der drohenden Strafe entgehen. Er wird umkehren und Aufnahme finden wie der Verlorene Sohn.

Die Rückkehr ins Vaterhaus geschieht durch das Busssakrament. Joh 20: 19 - 23 berichtet seine Einsetzung.
Das Gebet des Priesters bei, bzw. vor der Beichte zitiert Mt 18: 22, wo der Herr auf die Frage des Petrus hin sagt, dass die Sünden siebenundsiebzigmal vergeben werden sollen. Der Neue Bund hat uns Gottes verzeihende Liebe nahegebracht und der Priester, der die Macht hat, zu binden und zu lösen, wird sich in verantwortungsvoller Weise darauf einstellen .

 


 


"Die Tueren zur Umkehr, oeffne mir, Lebensspender ! ..." 
 

~~~ Komponist: Artemij WEDEL /// Interpretation: F.TSCHALJAPIN mit Chor der Russischen Orthodoxen Kathedrale Paris 1932 ~~~
zur Link-Quelle: "http://www.musicarussica.com"
~~~vollständig:Chor der Christi-Verklärungskathedrale, Moskau /Regent Vladimir LVOV~~~
zur Link-Quelle: "http://en.liturgy.ru/zvuk/zvuk.php"

 

Sonntag vom VERLUST des PARADIESES
VERGEBUNGSSONNTAG !

BUTTERENTSAGUNG !

- am Abend des Sonntags:
BEGINN der GROSSEN 40-taegigen FASTEN


"Über die Vergebung" von Erzbischof Antonij von Surozh (London)

Apostel: Rm 13:11 - 14:4
Evangelium: Mt 6: 14 - 21



Das Evangelium dieses Sonntags, an dessen Abend die Grossen Fasten beginnen, erinnert uns daran, dass wir Vergebung vom Herrn erst erwarten können, wenn wir nicht selbst bereit sind, unseren Mitmenschen zu vergeben, was sie uns an Verletzung zugefügt haben - und sie unsererseits um Vergebung zu bitten für das, was wir bewusst oder unbewusst an ihnen gefehlt haben.
Darum findet an diesem Sonntagabend nach der Vesper in die Handlung des Gegenseitigen Vergebens statt, wie sie am Schluss des Apodipnons in Klöstern täglich geübt wird. In manchen Kirchen wird dieser Ritus aus praktischen Gründen unmittelbar nach der Liturgie ausgeführt. In den Häusern ist die Vergebung als Abschluss der Karnevals- und Butterwoche mit einem Fest vor allem für die Kinder verbunden, dabei werden zum letzten Mal die Milch- und Butterspeisen genossen.
Die folgende Woche ist ganz dem intensiven Fasten gewidmet. Es beginnt die fortlaufende Lesung aus dem Buch Genesis, die im Sündenfall und dessen Folgen mündet. Mit dem Verlust des uns von Gott bereiteten Paradieses durch unsere selbstzerstörerischen Abwege beginnt auch die Sehnsucht nach dem Ende der widernatürlichen Sünden und dem neuen Paradies. Die dafür erforderliche Bereitschaft zur Umkehr wird in der kommenden Woche durch das Gebet des heilsamen Busskanons des Hl.Andreas von Kreta gefördert. Wir fühlen mit, dass wir mit unseren Sünden nicht allein sind, aber werden auch dazu ermutigt, uns den Figuren des Bibel anzuschliessen, die den Mut fanden, Gott um Vergebung zu bitten, und Ihm damit wieder nahe zu kommen.
Trotz -und vielleicht wegen- all unserer negativen Erfahrungen ruft uns die Apostellesung zu:

" Jetzt ist unser Heil näher als damals, da wir gläubig wurden.
Die Nacht ist vorgerückt, der Tag hat sich genaht "

(Rm 13:11 ff)

Für die Fastenzeit wird uns mitgegeben:
" Wer isst, soll den nicht verachten, der nicht isst;
und wer nicht isst, soll den nicht richten, der isst;
denn Gott hat ihn angenommen.
Wer bist du denn, dass du einen fremden Knecht richtest ?
Seinem eigenen Herrn steht oder fällt er - aber er wird stehen; denn der Herr hat die Macht, ihn aufrecht zu erhalten "

(Rm 14: 3-4)


Und so erbitten wir in allem für den bevorstehenden Weg der Umkehr in den Grossen 40-tägigen Fasten vom Herrn selbst Führung, Stärkung und Weisheit:


Führer auf dem Weg der Weisheit,
Urgrund des Verstandes,
Lenker der Unverständigen
und Beschützer der Armen,
festige, unterweise mein Herz, Gebieter.
Gib mir das Wort, Du Wort des Vaters !
Denn, siehe, nicht lassen ab
meine Lippen zu Dir zu schreien:
Barmherziger,
erbarme Dich meiner,
des Gefallenen !
(Kondakion)

 

 

Über die Vergebung
zum Sonntag der Vergebung
von Erzbischof Antonij von Surozh (London)

Zunächst: Verzeihen bedeutet nicht Vergessen; beides ist sogar im Grunde unvereinbar miteinander.
Wenn mir jemand ein Unrecht zugefügt hat, das ich vergebe und vergesse, dann sind wir beide in Gefahr, dass das gleiche sich wiederholt, denn einerseits entsteht und vergeht diese Verzeihung auf der Stelle: sie ist nichts Beständiges und auf die Zukunft hin Ausgerichtetes.
Etwas Vergangenes ist an eine Grenze gelangt, die es nicht überschreitet;
die Zukunft ist ohne Erfahrung aus der Vergangenheit.

Andererseits, wenn ich vergesse, vergesse ich zweierlei: wohl vergesse ich das Unrecht, das mir angetan wurde, gleichzeitig aber auch den Grund, aus dem es mir zugefügt wurde, und ich kann den Betreffenden niemals vor der Versuchung bewahren, in die gleiche Situation zurückzuverfallen.

Man muss sich erinnern, dass dieser Mitmensch, sobald er in jene bestimmte Lage versetzt wird, diese bestimmte Schwierigkeit hat; folglich darf man ihn nicht wieder in dieselbe Lage bringen; man muss die zurückbleibende Schwäche erkennen.
Darum ist es so wichtig, sich zu erinnern, denn das ist die einzige Möglichkeit das Verzeihen fortzusetzen. „Ich habe dir deine ungeduldige Handlung verziehen, aber ich habe dadurch entdeckt, dass diese bestimmte äußerung, jene Geste, diese besondere Situation sie hervorrufen können.“
Es gilt, den andern vor diesen Situationen zu bewahren, solange, bis man ihm geholfen hat die notwendige Kraft zu gewinnen, die Spannung zu überwinden. Andernfalls stoßen wir unsere Mitmenschen ständig neu in Situationen hinein, wo sie unfehlbar auf die gleiche Weise reagieren werden, wie sie das Problem hervorrief.

Außerdem ist das Verzeihen eine besondere Weise, einen anderen Menschen anzunehmen.
Das beginnt in dem Augenblick in dem man sagt: „Ich nehme dich an, so wie du bist. So wie du bist trage ich dich, wie man ein Kind über eine schwierige Stelle hinwegträgt oder wie man ein Kreuz trägt, aber ich weise dich nicht zurück. Zu sagen, dass ich dich annehme, so wie du bist, heißt keineswegs, dass du bist wie du sein solltest.

Nur wenn man einen Menschen so annimmt, wie er ist, kann man ihm helfen sich zu ändern.
Aber man darf nicht zuerst fordern, er müsse sich ändern, um ihm zu versprechen, hernach werde man ihn lieben.
Im Russischen sagt man: „Liebe mich schwarz ! Wenn ich erst weiß bin, werden alle mich lieben.“
Es gibt nur Probleme wo der Mensch sie schafft. Ein Mensch aber, der Probleme schafft, muss so sehr geliebt werden, dass er im Vertrauen den Glauben an sich selber wiederfinden kann, die Selbstachtung und jene schöpferische Hoffnung, die ihm ermöglichen wird, sich zu ändern.

Folglich übernimmt man mit dem Verzeihen die Verantwortung für einen Menschen, so wie er ist, mit der Hoffnung auf die Zukunft, jedoch ohne Bedingungen zu stellen!
Man verzeiht nicht unter Bedingungen. Es geht nicht an, einem Menschen „mit Bewährungsfrist“ zu verzeihen. Das zeigt sich sehr deutlich im Gleichnis vom Verlorenen Sohn.
Der Vater fordert nichts; ihm genügt es, den Sohn wiedergekehrt zu sehen, um zu wissen, dass er die Umkehr vollzogen hat, dass er verändert zurückqekehrt ist. Verändert bedeutet ganz und gar nicht vollkommen. Er mag sich verändert haben und dennoch für eine lange Zeit für die Familie schwer erträglich geworden sein. Dem Vater genügt es, dass sein Sohn wiedergekehrt ist; was noch zu tun bleibt, kann man gemeinsam überwinden.

Das Verzeihen enthält vielerlei Elemente.
Zuerst muss einer kommen und um Verzeihung bitten oder doch wenigstens einen Schritt in diese Richtung tun;
es ist nicht schwer, zu verzeihen, wenn man glaubt, im Recht zu sein;
es ist auch nicht schwer, einen Schritt entgegen zu kommen, wenn man im Recht ist oder sich im Recht wähnt.
Darum muss derjenige, der im Recht zu sein glaubt, den ersten Schritt tun. Eine Gebärde, ein unmerklicher Hinweis, dass eine Aussöhnung erwünscht wäre, muss genügen, diesen Schritt zwingend zu machen.
Dann aber muss ein solcher Versuch zur Versöhnung bedingungslos angenommen werden, denn ein Mensch kann sich nur ändern im Maße der Hoffnung, die wir in ihn setzen, im Maße der Liebe, die wir ihm zu geben vermögen und im Maß unseres Glaubens an ihn.

In einer Gemeinschaft stellt sich das Problem anders.
Die Tatsache, dass ein Mensch Mitglied einer Gemeinschaft ist, kann ein Problem bedeuten, nicht nur für einen Einzelnen, sondern für eine ganze Gemeinschaft. Dann muss die Gemeinschaft zu der zugleich kranken und heilenden Gemeinschaft der Kirche werden: krank, weil jeder von uns ein Sünder ist und wir alle eine zutiefst beschädigte Gemeinschaft sind; dennoch aber auch eine Gemeinschaft, die fähig ist Gesundheit zu vermitteln, zu heilen, das ewige Leben mitzuteilen. Denn keine christliche Gemeinschaft besteht nur aus ihren sichtbaren Gliedern: Christus ist in ihrer Mitte, der Heilige Geist ist ihr gegeben, und ob es die Kirche in ihrer Gesamtheit oder eine kleine Kirchengemeinde ist – in der Gemeinschaft sind Gott und Mensch gänzlich für einander gegenwärtig, und wir können in Gott die Kraft finden, die wir als Menschen nicht besitzen.

Unrecht nicht völlig zu vergessen ermöglicht eine Erfahrung, die wie wenig andere den Weg zur Demut freilegt.
Die Erfahrung, geliebt zu werden in vollem Bewusstsein dessen wie wir sind
– nicht trotzdem, oder weil man nicht wüsste, wie wir sind – ist ein sehr herrliches Geschenk, das Anlass zu Dankbarkeit und Demut wird und das aus unserem Leben ein demütiges Voranschreiten im Gebet macht.
Doch muss die Verzeihung auch angenommen werden.
Oft meinen Menschen, keine Verzeihung annehmen zu können, weil sie sich selber nicht verzeihen können. Selber können wir uns nicht verzeihen, aber wir müssen von einem anderen Menschen die Verzeihung annehmen können, – mag vorgefallen sein was will – dass er uns zugetan bleibt; was eine wahrhaft unverdiente Gnade ist. Und das ist schwer.
Viele Menschen vermögen auch in der Absolution Gottes Verzeihung nicht anzunehmen und können nicht absolviert werden. Gott hat verziehen – aber sie haben die Absolution trotzdem nicht erhalten.

Es ist auch schwer, die Verzeihung unverdient anzunehmen.
Es kann demütigend sein. Aber wenn wir besser verstehen lernen, wenn wir zu geben lernen, lernen wir auch zu empfangen. Einer, der sich selbst nicht verzeihen lassen kann, vermag auch selbst niemals zu vergeben. Einer, der nicht annehmen kann, geliebt zu werden, anerkannt zu werden, Hingabe zu empfangen, kann auch seinerseits nicht lieben, anerkennen, Hingabe aufbringen, denn derlei geschieht wechselseitig. Unverdient zu empfangen lernt man in staunender Freude, Demut und Dankbarkeit, mit der wir eine unverdiente Gabe beantworten. Und haben wir das erst entdeckt, können auch wir zu schenken beginnen ohne uns darum dem Empfangenden gegenüber überlegen zu fühlen.

Natürlich ist unser Verzeihen nicht Gottes Verzeihen.
Doch müssten wir lange warten, bis wir so zu verzeihen vermöchten. Aber wir können damit beginnen zu lernen, uns gegenseitig in all unserer Begrenztheit anzunehmen. Es ist schwer, um Verzeihung zu bitten, es ist auch nicht leicht, zu verzeihen, doch Verzeihung zu verweigern ist ebenfalls schwer.

Am Sonntag vor der Großen Fastenzeit, nach dem Verzeihungsgottesdienst, der ein Gottesdienst der Buße und der Hoffnung ist, sollen alle Glieder einer Gemeinschaft einander um Verzeihung bitten.
Jahrelang habe ich die Leute ermuntert, einander zu vergeben;
dann habe ich beobachtet, wie sie mit Wärme und Enthusiasmus Leute um Verzeihung baten, die sie niemals beleidigt hatten;
aber sie bewiesen sehr viel mehr Zurückhaltung bei anderen, von denen sie selber Verzeihung zu erhoffen hatten;
und schließlich sah ich sie denen den Rücken kehren, die keinerlei Bedürfnis hatten ihnen zu verzeihen, weil sie sich ihnen gegenüber tatsächlich allzu rüde verhalten hatten.
– Da habe ich zunächst verlangt, dass niemand Verzeihung von jemand erbitten sollte, den er nicht darum bitten wollte,
– weil er noch zu keinem Frieden mit ihm gefunden hatte.
Dann sollten sie sagen: „ich bitte Sie nicht um Verzeihung, weil meine Einstellung sich noch nicht geändert hat. Wenn Sie mir verzeihen ändert das nichts; ich verabscheue Sie und habe die Absicht, Sie auch weiterhin zu verabscheuen.“
Und von denen, deren Verzeihung man erbat, die sie nicht gewähren konnten dass sie antworten sollten:
„Ich bin sehr bekümmert, aber mein Herz ist noch zu schwer, ich bin noch zu bitter, ich kann Ihnen noch nicht verzeihen.“

Dann aber wurden beide Parteien aufgefordert, sich in der Beichte vor Gott hinzustellen und ihm zu sagen:
„Herr, ich erwarte von Dir jetzt Vergebung. Selber Vergebung zu gewähren, verweigere ich. Ich erwarte einen Schritt auf mich zu, lehne es aber selbst ab diesen Schritt zu tun .....“ Jemandem zu sagen, „Ich lehne es ab, zu verzeihen,“ wirkt so erschütternd, dass die Menschen zu denken beginnen. Gesagt zu bekommen, „ich kann dir nicht mit Überzeugung vergeben“ ist ebenfalls erschütternd.

Wenn in einer Gemeinschaft der Mut aufgebracht wird, wenigstens so aufrichtig zu sein, dass man es fertig bringt, zu sagen: „Ich bin nicht imstande dir zu verzeihen;
das heißt nicht, dass du so schlimm bist, dass ich dir nicht verzeihen könnte, sondern, dass ich so schlimm bin, es nicht fertig zu bringen, dir zu verzeihen“, dann wird derjenige, der nicht verzeiht, Gegenstand der Sorge und der Fürbitte der Gemeinschaft, mehr als der andere, dem die Verzeihung verweigert wird – solange, bis er Verzeihung erbitten kann.

Wenn uns ein Mensch begegnet, so ist das niemals ein zufälliges Zusammentreffen.
Dieser Mensch muss in unserer Gegenwart, unserm Blick, der Art, wie wir ihn behandeln, der Art, wie wir auf der Straße an ihm vorübergehen, eine Gottesgegenwart, lebendiges Gebet spüren.
Jemand kommt, stets ist er mir ein Gesandter des Herrn: ob er mit einer Botschaft kommt oder mit ausgestreckter Hand – wir sind aufgerufen, eine Liebestat zu tun, eine Tat christlicher Liebe.

Jeder Umstand, dem wir im Leben begegnen, ist gottgewollt, wir sollen in die Situation eintreten und Gott gegenwärtig machen durch unsere Gegenwart und unser Gebet. Ob ein Leben erfolgreich ist oder nicht macht wenig aus im Hinblick auf das Gebet.
Was auch kommen möge, vor jeder neuen Situation können wir bitten:
Herr, gib mir Einsicht,
gib mir ein Herz, das fähig ist, zu antworten,
gibt mir den rechten Willen,
sei gegenwärtig in dem was hier geschieht.

Wenn ein anderer spricht, können wir ständig beten und den Herrn bitten, uns verstehen zu lehren, nicht nur die Worte, die ausgesprochen werden, sondern das tiefe Bedürfen, die Wirklichkeit, die sich hinter den Worten oftmals verbirgt. Und wenn die Zeit gekommen ist und der andere nicht mehr spricht, kann man so lange schweigen und beten, bis man etwas zu sagen weiß; und wenn einem dann ein Gedanke gekommen ist, der die Klarheit und Gewissheit der Dinge hat, die von Gott kommen, – dann können wir ihn vorbringen und hernach Gott bitten, er möchte für den anderen Menschen bewirken, was wir nicht zu bewirken vermögen, er möchte, wenn wir einen Irrtum begingen, ihn uns verzeihen und ihn heilen, und wenn der Mensch gegangen ist, weiter für ihn beten.

Die Art, wie man eine Frage stellt, die Art, wie man zuhört, wie man eine Entfaltung möglich oder unmöglich macht, ist so wesentlich.
Einen Menschen, der nichts zu antworten weiß und sich schämt, – mit dem Gefühl zurückzuschicken, völlig versagt zu haben
- oder doch mit ein wenig Hoffnung und der Freude, jedenfalls als Mensch angenommen worden zu sein.

Alles kann im Gebet verankert sein.
Man kann lernen, sich der Gegenwart Gottes ständig bewusst zu werden, mit einem klaren, lebendigen Gefühl, ihm zugewandt bleiben; jedoch immer mit voller Aufmerksamkeit; denn es ist vielfach Unaufmerksamkeit, die nach und nach die Wirklichkeit aller Dinge zerstört...

Übersetzung aus dem Englischen: Irene Hoening
hier aus St. Andreas Bote


 

Am 1. Sonntag der Grossen Fasten feiern wir das

FEST der ORTHODOXIE

Das unbegrenzte Wort des Vaters
nahm die Grenzen der Gestalt an

durch die Fleischwerdung in Dir,
o Gottesgebaererin.

In Dir wurde das befleckte Abbild
in den urspruenglichen Zustand verwandelt

und erfuellt mit der goettlichen Schoenheit des Urbilds.

Wir aber,
indem wir das Heil erkennen,
stellen dies dar

in Werk und Wort.



IKONE des FESTES

Predigt von Metropolit ANTHONY (Bloom) von SUROSH (London)
=Sunday of Orthodoxy=
Histor.Entwicklungen und Ikonentheologie des Hl. JOHANNES von Damaskus

Die moralische Autoritaet von Kirche und Moenchen fuerchtend versuchten die ostroemischen Kaiser im 8.Jhdt. das Christentum zu einer abstrakten Philosophie herabzusetzen. Die Ikonen, die an die Menschwerdung des Gottessohns aus der Gottesmutter und an die vielen Heiligen, die jetzt bei Gott leben und mit uns heute auf Erden Lebenden in kirchlicher Gemeinschaft stehen, erinnern an die wahre Heimat des Christen, das Himmelreich. Als deutliche Mahnung gegen die Verabsolutierung des irdischen Reiches wurden die Ikonen von der kaiserlichen Macht fanatisch bekaempft. Unzaehlige Moenche, Laien und Geistliche erlitten durch ihr Festhalten an den Ikonen das Martyrium.
787 definierte die Kirche die genaue Bedeutung der Ikonen und ihre Verehrung. 843 setzte ein von Kaiserin Theodora einberufenes Konzil der Verfolgung ein Ende und gab den Glaeubigen auch offiziell die Ikonen wieder. Seither wird dieses Fest am ersten Sonntag der Grossen voroesterlichen Fasten gefeiert.

Das heutige Fest kann nicht als gegen die anderen christlichen Kirchen im Westen gerichtet verstanden werden. Die Kirche im Westen und außerhalb des byzantinischen Reiches hat in dieser Zeit an den Bildern festgehalten und war so gesehen "orthodox" geblieben, waehrend der Bildersturm im Ostroemischen Reiche wuetete. Der Westen musste keinen Bildersturm erleben - aber er kennt deshalb auch keine theologische Begründungen, Richtlinien und Grenzen für religiöse Darstellungsformen.

 

S I E G der O R T H O D O X I E

Predigt von Metropolit ANTHONY (Bloom) von SUROSH
Was ein Kirchenfest den Menschen von heute sagen will



Wir feiern heute den Tag des Sieges der Orthodoxie. Von welchem Triumph soll da die Rede sein ?
Wenn wir uns gegenwaertig umschauen und tief hinein in die uns so vertraute und werte Orthodoxie blicken, wieviel Schlaffheit und Bedruecktheit sehen wir dort, wie wenig von dem, was wie ein Triumph aussieht. Freilich triumphieren wir gar nicht so sehr ueber den sichtbaren Ruhm der Orthodoxie. Ihren Sieg sehen wir vielmehr in zwei Bereichen.

Einmal darin, dass orthodoxe Menschen, ob nun ueber die Erde zerstreut oder in Volksgemeinden dicht beieinander, trotz Verfolgungen und unbeschreiblichen Schwierigkeiten ihren Glauben klar und rein erhalten, andaechtig ihren Gottesdienst bewahrt haben und den geistlichen Weg gegangen sind, der uns von Christus im Evangelium und von den Kirchenvaetern im Laufe der Jahrhunderte unserer Kirchengeschichte vermittelt worden ist.

Darueber koennen wir uns wohl freuen ! Wir empfinden Bewunderung und Ehrfurcht vor denen, die in den 2 Jahrtausenden im Glauben des reinen Bekenntnisses gestanden und in einer dem Evangelium wahrhaft entsprechenden Spiritualitaet gelebt haben. Sie konnten uns einen kostbaren, tief verinnerlichten und erbauenden Gottesdienst weitergeben. Allerdings wissen wir, wie sehr auch ein Mensch glaeubig sei und seine Kraefte anspannen mag, er wird dennoch leicht besiegt, wenn nicht der Herr Selbst ihm Kraft verleiht, wenn nicht die Gnade Gottes fuer ihn streitet. Letztlich ist der Sieg der Orthodoxie ueber den unser Herz jubelt ob der kuenftigen Hoffnung, doch ein Sieg Gottes in der menschlichen Schwachheit, ueber uns, in uns und mitten unter uns.

Der Sieg der Orthodoxie ist ein Tag, an dem wir uns freuen, weil Gott Sich als unbesiegbar von der menschlichen Suende, von der Suende des Geistes, von der Kaltherzigkeit und Unbestaendigkeit, von den Willensschwankungen und von den Fleischessuenden erwiesen hat. Gott blieb unbesiegbar in der Kirche Christi. Er blieb unbesiegbar auch in einzelnen konkreten Persoenlichkeiten.

Das Fest der Orthodoxie indes wurde aufgrund eines besonderen Vorfalls gestiftet. Es reicht zurueck in die Zeit nach dem Siebenten Oekumenischen Konzil, als die Orthodoxie endgueltig ueber den Bildersturm gesiegt hatte. Worum handelt es sich dabei ? Darum, dass die Kirche das Recht und unsere Pflicht verteidigt hat, den Ikonen Christi, der Gottesmutter und der vielen Heiligen Verehrung zu erweisen. Damit hat sie die Wahrheit der Inkarnation verteidigt; jene Wahrheit, dass Gott Sich Selbst offenbart, Sich sichtbar dastellt, vielleicht nicht voellig, aber Er zeigt Sich uns in den Bildern, die wir von Ihm geschaffen haben.

Solche Bilder sind nicht allein Ikonen. Es gibt auch Ikonen aus Worten. Andreas von Kreta sieht sie etwa in den Dogmen der Kirche, in den Lehrmeinungen der Vaeter, in der Unterweisung, die wir empfangen. Und letzten Endes offenbart sich uns Gott bildlich in den Menschen: weil naemlich ein jeder von uns in sich ein Abbild des lebendigen Gottes traegt.

Die Liturgie des heiligen Basilius des Grossen spricht von Christus, Er sei das Bild der Ebenbildlichkeit, das uns den Vater offenbart. Er ist ein vollkommenes Bild. Er -IST- die Wahrheit. Er ist vollkommener Gott wie auch vollkommener Mensch. Ja selbst in uns ist ein Abglanz dieses Bildes geblieben.

Und wenn wir heute den Triumph der Orthodoxie begehen, dann wissen wir, dass Gott sich uns in Christus durch die Inkarnation Seines Sohnes leibhaftig offenbart. Es weitet Herz und Seele, wenn wir erkennen, dass unsere geschoepfliche Welt so beschaffen ist, dass die Fuelle der Gottheit unter uns koerperlich wohnen kann.

Dadurch laesst sich Gott bildhaft darstellen, was wir an den Ikonen sehen, zumal an den lebendigen Gnadenbildern, den Menschen, sobald wir ihre menschlichen Schwaechen beiseite schieben, die unseren Gesichtskreis verdunkeln wollen. Mit sehenden Augen koennen wir naemlich durch die menschliche Schwaeche hindurch das bleibende Bild Gottes schauen und somit mitten unter den Menschen den lebendigen Gott in ihnen verehren.

Nicht ohne Grund haben die Kirchenvaeter gelehrt:
Wer seinen Bruder sieht, der sieht Gott.
Mit Andacht lasst uns deshalb in einem ehrfuerchtigen Verhaeltnis zueinander stehen, denn wir sind Erscheinung, Bild, Ikone. Lasst uns andaechtig unseren Glauben an das Dogma der Verehrung heiliger Ikonen bewahren, welches den Glauben unmittelbar bekundet, dass Gott Mensch wurde.

Lasst uns frohlocken darueber, dass von Generation zu Generation Gott in uns über unsere Schwachheit siegt, triumphiert und die Schwachheit unterordnet. Wir wollen Gott ganz und gar hingegeben leben, damit dieser Sieg vollkommen sei.

Er soll bis zum Ende den Sieg behalten, nicht nur in den verflossenen Jahrhunderten, sondern gerade heute und auch in uns. Der Widerschein Seiner Herrlichkeit moege aufgehen ueber der Welt, die in Schmerzen und Heimsuchung liegt.
Amin.


FASTENBRIEF 2005

der orthodoxen Bischöfe Deutschlands

 

Liebe Väter, Brüder und Schwestern in Christus,

für uns orthodoxe Bischöfe, die wir Mitglieder der KOKiD sind, ist es eine große Freude, Euch, unseren geistlichen Kindern,
an diesem Sonntag derOrthodoxie diesen Hirtenbrief zu senden, in dem wir versuchen, eure Aufmerksamkeit auf einige bedeutende Aspekte unseres orthodoxen Glaubens zu lenken.

Als Orthodoxe hören wir nicht auf, immer wieder zu erklären, dass die Orthodoxie die Kirche Christi ist, die „eine heilige katholische und apostolische“ Kirche, die sich mit Christus identifiziert, insofern sie sein Leib ist und er ihr Haupt (Eph 1, 23).

Als Kirche der Apostel und der Väter bewahrt die Orthodoxie treu den Glauben, den diese formuliert und weitergegeben und für den im Laufe der Jahrhunderte unzählige Martyrer ihr Leben hingegeben haben.

An diesem „Sonntag der Orthodoxie“ gedenken wir ganz besonders unserer Brüder und Schwestern, die im Laufe des 8. und zu Beginn des 9. Jahrhunderts unter Einsatz ihres Lebens für die Verteidigung der heiligen Ikonen gekämpft haben.
Das war jene Zeit, da die bilderstürmerischen Kaiser die Ikonen zerstörten und der Kirche einen Gott ohne Angesicht, einen fernen Gott,
einen in seiner Transzendenz verschlossenen Gott aufzwingen wollten, was in der letzten Konsequenz eine Begegnung mit dem Menschen, seinem in Wirklichkeit konkreten und oft unglücklichen Abbild, unmöglich gemacht hätte.

Dies bedeutete, den Glauben selbst zu zerstören, denn im Herzen der christlichen Botschaft steht zu Recht die Inkarnation: Gott überwindet seine eigene Transzendenz und wird Mensch; in Christus, seinem geliebten Sohn, nimmt er menschliche Gestalt an, um von allen als ein naher Gott erkannt zu werden, als ein barmherziger Gott, der „jede Träne von jedem Gesicht abwischt“ (Paraklesis zur Gottesmutter).

Die Ikone Christi – und mit ihr verbunden die Ikone der Gottesmutter und jedes Heiligen – bezeugt wahrhaft diese unendliche Liebe Gottes, „der seinen Sohn hingegeben hat, damit ein jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe“ (Eucharistisches Hochgebet). Mehr als ein bloßes sichtbares Zeichen, das an die Nähe Gottes erinnert, ist die Ikone auch ein Ort der Gnade, eine Gegenwart im Mysterion.
Wenn wir sie mit Glauben im Gebet verehren, versetzt uns die Ikone in die Gemeinschaft mit Gott oder mit den dargestellten Heiligen und überträgt auf uns die göttlichen Energien, mit denen sie gefüllt ist. Das ist der Grund, warum unsere Kirchen voll sind von Ikonen und Fresken, die Christus, die Gottesmutter, die Engel, die Heiligen und auch die biblischen Geschehnisse und jene der heiligen Geschichte darstellen.

Immer wenn wir wieder in eine Kirche kommen, haben wir das Gefühl, auf mystische Weise von den Myriaden der Engel und Heiligen umgeben zu sein, die hier gegenwärtig sind, um mit uns zu beten und um uns zu unterstützen in unseren Bedürfnissen und unseren Leiden. Wirklich, die Kirche ist die „Gemeinschaft der Heiligen“, „Gott ist gelobt in seinen Heiligen“, wie es der Psalmist David sagt. Und wir, auch wir, sind zur Heiligkeit berufen. Mehr noch, von unserer Taufe an sind wir heilig. Zwar muss diese Heiligkeit der Taufe immer wieder durch eine persönliche Anstrengung aktualisiert werden,eine Anstrengung, die oft sehr schwer zu erreichen ist. Denn es ist nicht immer leicht zu beten, zu fasten, regelmäßig an der Göttlichen Liturgie teilzuhaben oder seine schlechten Gewohnheiten zu überwinden, um dahin zu kommen, dass wir Gott lieben aus ganzem Herzen und den Nächsten wie uns selbst. Das christliche Leben ist ein alltäglicher asketischer Kampf, ein Kampf gegen die dämonischen Mächte, die versuchen, uns fernzuhalten von Gott, uns dazu zu bringen, die Liebe Gottes für uns zu ignorieren und zu leben, ohne auf sie zu achten.

Aus diesem Grunde vergleicht der hl. Paulus das Leben des Christen mit den Athleten, die sich eine strenge Askese auferlegen, um so eine vergängliche Krone zu erlangen. Eine solche Askese ist von daher noch viel notwendiger, um das ewige Leben zu erlangen. In unserem Kampf gegen die bösen Leidenschaften, die von den Dämonen gefördert werden, nehmen das Gebet und das Fasten einen ganz zentralen Platz ein. Der Herr selbst belehrt uns, dass man sich nicht von der Herrschaft der bösen Geister befreien kann, außer durch das Gebet und das Fasten (vgl. Math 17, 21). Die Orthodoxe Kirche ist in besonderer Weise eine Kirche des Gebetes und der Askese.

Unsere Väter im Glauben haben uns ein reiches liturgisches Erbe hinterlassen, eine tiefe mystische und asketische Tradition, die immer aktuell ist, denn sie antwortet auf die Bedürfnisse und die Forderungen jedes Menschen, der Gott sucht.

Besonders die Göttliche Liturgie, die durch ihre Schönheit „der Himmel auf Erden“ ist, muss sich im Zentrum des Lebens eines jeden Christen befinden. An der Göttlichen Liturgie regelmäßig, wenn möglich jeden Sonntag, teilzunehmen, ist schon eine Askese, zumal unsere Gottesdienststätten sich oft weit entfernt von unseren Wohnungen befinden. Jeden Tag so viel wie möglich zu beten und besonders sich auch zu bemühen, die Qualität seines Gebetes zu steigern, d.h. mit voller, im Herzen konzentrierter Aufmerksamkeit zu beten, wie uns die Väter lehren, ist ebenfalls eine große Askese, so wie auch das Fasten, sei es nun das eucharistische Fasten oder das Fasten an den Mittwochen und Freitagen oder in den Fastenzeiten des Jahres.

Wir haben jetzt die Große Fastenzeit begonnen, die uns vorbereitet auf das Fest der Auferstehung des Herrn. Es ist eine Zeit der Buße, der Wiederversöhnung mit Gott und unserem Nächsten durch die Beichte unserer Sünden vor dem Priester. Das Fasten, das wir während dieser Zeit ein jeder gemäß seiner eigenen Kräfte praktizieren, hilft, in uns den Kampf der Leidenschaften zu besänftigen, den Geist zu reinigen und uns zu helfen, dass wir uns auf das Herz konzentrieren. So wird das Gebet, das vom Fasten begleitet ist, immer mehr zu einem reinen Gebet werden, ohne andere Gedanken als nur die Gedanken an Gott. Fasten bedeutet auch, dass wir unsere Güter mit unseren Brüdern teilen, die sich in Not befinden.

Somit haben also unser Gebet und all unsere asketischen Anstrengungen zum Ziel, dass wir die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten erlangen. Ein Heiliger wird gerechterweise der genannt, in dem die Liebe alles überwindet, jeden Hass und jede schlechte Leidenschaft. Der Heilige triumphiert sogar durch die Gnade über seine eigene Natur; er ist ein umgestalteter Mensch, ein befriedeter Mensch, ein geeinter Mensch, der in sich die ganze Menschheit und den ganzen Kosmos vereint. Im Heiligen verehren wir zu Recht das heiligende Werk Gottes, denn letztlich ist alles Gnade. Und jede Ikone, der wir begegnen, ist eine Einladung zur Heiligkeit.

Wir wünschen Euch allen ein gesegnetes Fasten und rufen den Segen

des Herrn auf Euch, auf Eure Kinder und Eure Familien herab.

Berlin, am Sonntag der Orthodoxie 2005

 

+   Metropolit AUGOUSTINOS von Deutschland
        Griechisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland

+   Metropolit GABRIEL von West- und Mitteleuropa
        Metropolie der Griechisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien für West- und Mitteleuropa

+   Metropolit SIMEON von West- und Mitteleuropa
        Bulgarische Diözese von West- und Mitteleuropa

+   Erzbischof LONGIN von Klin
        Ständige Vertretung der Russischen Orthodoxen Kirche in Deutschland

+   Erzbischof FEOFAN von Berlin und Deutschland
        Berliner Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats

+   Bischof KONSTANTIN für Mitteleuropa
        Serbische Orthodoxe Diözese für Mitteleuropa

+   Metropolit Dr. SERAFIM von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa
        Rumänische Orthodoxe Metropolie für Deutschland, Zentral- und Nordeuropa

+   Erzbischof IOAN von Parnassos
        Ukrainische Orthodoxe Eparchie von Westeuropa

+   Metropolit ABRAHAM von Westeuropa
        Westeuropäische Diözese der Georgischen Orthodoxen Kirche

+   Erzbischof GABRIEL von Komana
        Exarchat der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa

 

Fastenbotschaft 2006 Naechstenliebe

 

Historische Argumente und Entwicklungen im "Bilderstreit"
und die
Ikonentheologie des Hl. JOHANNES von Damaskus

 

Die Bilderstürmer (Ikonoklasten) störte an den Bilderfreunden (Ikonodoulen) nicht nur Mißbrauch oder Übertreibung der Bilderverehrung, sondern es spiegelt sich in dieser Auseinandersetzung die Endphase eines langen Ringens um die richtige Christologie. Die Ikonoklasten meinten, dass die göttliche und die menschliche Natur in der Person Christi doch nur geglaubt, aber nicht abgebildet werden könne. Wer die menschliche Natur aber isoliert darstellen wolle, versündige sich gegen die Doppelnatur Christi. Die Vorstellung, die in Christus vorhandene göttliche Natur habe den Vorrang, und anstelle der menschlichen Seele habe der Logos dominiert fand ihren Ausdruck in der Meinung Christus sei eine reale Vermischung (Realmonophysitismus).
Dagegen hat sich das Konzil von Nicaea 325 gewendet.

Das 4. Allgemeine Konzil von Chalkedon hat 451 die Lehre von den beiden selbständig und komplett in Christus vorhandenen Naturen (Duophysitismus) nochmals betont und erneut als Glaubensbekenntnis festgelegt. In den orientalischen Regionen des Römischen Reiches wurde am Monophysitismus dennoch festgehalten. In der Äthiopischen Kirche, in der Syrisch-orthodoxen Kirche und in der Koptisch-orthodoxen Kirche haben sich Formen des Monophysitismus bis heute erhalten. In welchem geistigen und theologischen Umfeld Christusbilder oder andere religiöse Darstellungen zu rechtfertigen seien und wie sie verstanden werden sollten, war noch nicht wirklich durchdacht oder definiert. In der Bilderfrage drifteten der Osten und der Westen immer weiter auseinander, und aus politischen Gründen kam es im 8. Jahrhundert in der geographischen Mitte der damaligen Christenheit, im Oströmischen - von uns heute Byzantinisch genannten - Reich zum Eklat.

Der sogenannte "Byzantinische Bilderstreit"entwickelte sich rasch von einer Theoriediskussion zum Bürgerkrieg (Ikonoklasmus, von klazo = ich zerstöre). Was jahrhundertelang eine theologische Kontroverse und ein theoretischer Konflikt war, triftete aus politischen Gründen auf einen Bilderstreit zu, der sich zum Bürgerkrieg entwickelte.

Der richtige Glaube war damals noch nicht zur Privatsache abgewertet, theologische Fragen nicht nur ein Diskussionspotential für Gebildete.
Die richtige Interpretation des Christentums war ein reales Anliegen für jeden Bürger.


Grundlage für den byzantinischen Staat war das römische Gesetz "Cunctos populos" aus dem Jahre 380: Wer nicht den rechten Glauben hat (Häretiker), kann nicht Reichsbürger sein. Nachdem Kalif Jezid II. 721 alle Bilder aus Kirchen und Öffentlichkeit in seinem Herrschaftsbereich hatte entfernen lassen breitete sich diese materiefeindliche Ansicht auch unter den Intellektuellen im byzantinischen Herrschaftsbereich aus und Kaiser Leon III. (717—741), selbst aus Kleinasien stammend, wo schon im 7. Jahrhundert verstärkt bilderfeindliche Tendenzen ausgebrochen waren, ordnete 726 erste Zerstörungen von religiösen Bildern an, eine Versammlung kaisertreuer Beamter formulierte die theologische und juristische Verurteilung der Bilder.


Ein kaiserliches Edikt erklärte 730 den Bildergebrauch als strafbar. Patriarch Germanos von Konstantinopel, der dagegen protestierte, wurde abgesetzt, sein orthodoxer Nachfolger enthauptet.
Auch Papst Gregor III., der schon damals den später "orthodox" genannten Standpunkt vertrat, exkommunizierte alle Ikonoklasten. Mittelitalien schied aus dem Reich des Kaisers aus. Loyalität zum Kaiser stand gegen Freiheit der Kirche.


Unter Konstantin V. (741-775) wandte sich die gesteigerte gewaltsame Verfolgung auch gegen die Verehrung der Heiligen und der Gottesmutter, Moenche wurden zur Heirat gezwungen, Klöster zu Kasernen missbraucht. 50 000 griechische Mönche flohen nach Italien, an die nicht von Byzanz beherrschten Küsten des Schwarzen Meeres, Zypern, Syrien und Palästina. Der Kaiser berief gleichgesonnene kirchliche Würdenträger zu einem Konzil in seinem Palast. Erwartungsgemäß wurden die Bilder verurteilt und ihre Zerstörung angeordnet. 766 mußten sich alle Bürger durch Eid verpflichten, einem Bild nie wieder die Proskynese zu erweisen.


Zwei Themenbereiche mußten geklärt werden, bevor das Ringen um die "Rehabilitierung" der Bilder wieder aufgenommen werden konnte:

Welches ist das richtige Bild Christi?
Welche Verehrung kommt wem zu?


Zu groß war die Befürchtung, das Bild selbst könne Gegenstand der Verehrung sein. Im antiken Denken war im Götterbild die Kraft der Gottheit, mancher mochte das Abbild selbst für das Urbild halten.


Schon im 2. Jh. hatte sich Kirchenvater Klemens von Alexandrien darüber Gedanken gemacht:


"Ist das Urbild nicht gegenwärtig, kann das Ebenbild denselben Glanz ausstrahlen.
Ist die Wirklichkeit jedoch präsent, wird selbst das Bild noch von ihrem Glanz übertroffen;
die Ähnlichkeit bleibt jedoch bestehen, enthüllt sie doch die Wahrheit."


Ein ganz entscheidendes, weil bis dahin nie geklärtes Problem mußte weiterhin die Frage sein, an wen sich die vor den Bildern offensichtlich Verehrung wendete. Das Risiko war zu groß, daß die kultische Verehrung, die Gebete, der Weihrauch oder das sich Niederwerfen (Proskynese), die ja nur dem Urbild zukommen konnte, allmählich auf das Abbild übergehen konnte.
Die Verteidiger und Freunde der Bilder (Ikonodoulen) wehrten sich gegen den Vorwurf des "Holzanbetens", und der Bischof von Rom wurde ihr Wortführer. Papst Gregor II. (715-731) hat in zwei Synoden die bilderfeindlichen Bestrebungen zurückweisen lassen und sich deswegen mit Kaiser Leon III. heftig überworfen. Den kaiserlichen Vorwürfen entgegnete er:

"... Ihr sagtet: ,Steine und Wandbewurf betet ihr an!´
Nicht so ist es, o Kaiser, wie Ihr behauptet.

Wir verehren die Bilder, weil sie uns Denkhilfe und Anregung sind, und weil sie unser erdhaftes, sinnengebundenes Denken zur Höhe ziehen - und deshalb haben sie ihren Namen und Gebetsinschriften und Formen.

Wir aber beten sie nicht an als Götzenbilder, wie Ihr behauptet; ferne sei das.

Denn wir gründen unsere Hoffnung nicht auf sie, sondern wenn wir ein Bild des Herren anschauen, beten wir:

"Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich unser und rette uns!"

Und beim Anblick des Bildes seiner heiligen Mutter sagen wir:

"Heilige Gottesgebärerin, Mutter des Herren, flehefür uns bei Deinem Sohn, unserem wahren Gott, dass er unsere Seelen rette!"

Und vor einem Märtyrerbild:

"Heiliger Stephanus, Du Erzmärtyrer, Du hast für Christus Dein Blut vergossen und darfst darum freimütig zu ihm sprechen, bitte für uns!"

So beten wir vor den Bildern aller Blutzeugen, solche und ähnliche Gebete senden wir zum Himmel durch ihre Fürbitte...


Für die Ikonoklasten war die Eucharistie die einzig legitime Abbildung Christi. Die Ablehnungen der bilderfeindlichen Synode 754 kreisen um das Christusbild und gipfeln in der Feststellung und im Vorwurf, daß ein ehrgeiziger Maler zwar nach künstlerischen Vorstellungen den menschlichen Körper Christi darstellen könne, nicht aber dessen unsichtbare und damit nicht abbildbare göttliche Natur. Sollte er diese beiden vermischen wollen, werde er zu einem Häretiker. Dies war auch eine deutliche Abgrenzung gegen monophysitische Vorstellungen.

Während der folgenden langen Auseinandersetzung versammelten sich die Bilderfeinde (Ikonoklasten) zu einem Konzil 754 in Hiereia (Kleinasien). Wichtigster Kritikpunkt war die unwiderlegbare Tatsache, daß das Nebeneinander der göttlichen und menschlichen Natur in Christus (Duophysitismus) nicht bildhaft wiedergegeben werden könne, und sie erhoben gegen die Maler den entscheidenden Vorwurf (can.252):

"Ein solcher ,Linksmaler' hat ein Bild (eikon) gemacht, es Christus genannt. Und dieser, Christus' ist göttlicher und menschlicher Natur?

Und im übrigen hat er entweder nach dem Gutdünken seines vergeblichen Trachtens das Unumschreibbare der Gottheit mit der Umschreibbarkeit des geschaffenen Fleisches zusammen umschrieben, oder er hat jene unvermischte Einheit, damit der Widergesetzlichkeit der Vermischung schuldig werdend, vermischt.

So hat er folglich zwei Blasphemien begangen - die der Umschreibung und die der Vermischung.

Diesen beiden Blasphemien fällt nun auch derjenige anheim, der das Bild mit Proskynese verehrt..."

"Gott ist Geist, und alle, die ihn anbeten, müssen im Geiste und in der Wahrheit anbeten." [Joh 4,24]

Ferner:
"Niemand hat Gott je gesehen" [Joh 1,18] und
"Ihr habt weder seine Stimme gehört, noch seine Gestalt (eidos) gesehen " [Joh 5,37] und die Schrift preist alle selig, die da glauben, obwohl sie ihn nicht sehen. [Joh 20,29]

Auch im Alten Testament hat Gott zu Moses und dem Volk gesprochen:

"Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgend etwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde"[Ex 20,4] denn auf dem Berg (Sinai) "sprach (der Herr) zu euch mitten aus dem Feuer"[Deut 4,12]
, doch "ihr habt weder seine Stimme gehört, noch seine Gestalt je gesehen."
[Joh 5,37]

 

"Sie dienen einem Abbild und Schatten der himmlischen Dinge"[Hebr 8.5]
und wiederum: "Auch wenn wir früher Christus nach menschlichen Maßstäben eingeschätzt haben, jetzt schätzen wir ihn halt nicht mehr so ein"
[2. Kor 5,16],
"denn als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende."
[2. Kor 5,7]

 

Schliesslich hat derselbe (Paulus) beweiskräftig gesprochen:


"So gründet der Glaube in der Botschaft, die Botschaft im Wort Christi."[Rm 10,17]


 

Religiöse Bilder aller Art wurden zerstört, in den Kirchen die vorhandenen Dekorationen entfernt und durch bildlose Dekorationen abgelöst. Unter Kappadokiens Höhlenkirchen sind nicht wenige aus der Zeit des Bilderkampfes erhalten und zeigen die bildlose Malerei der Ikonoklasten, allen voran die Barbarakirche in Göreme. Unter dem etwas gemäßigteren Kaiser Leon IV. (775-780) waren die Auseinandersetzungen mehr dogmatischer Art. Nach seinem Tod berief seine bilderfreundliche Witwe, Kaiserin Eirene, nach mühsamem Zurückdrängen der auf Mönchsfeindlichkeit eingeschworenen Armee gemeinsam mit dem späteren Patriarchen Nikephoros 787 zu einer Synode in der altehrwürdigen Konzilsstadt Nicäa, in der die Bilder rehabilitiert wurden.

 

"Wir verlangen eindeutig und ausdrücklich, daß die ehrwürdigen und heiligen Ikonen ausgestellt werden wie das Bild des ehrwürdigen und heilbringenden Kreuzes selbst..."

 

Die Bilderfreunde (/Ikonodoulen) trafen sich. Auf diesem 7. allgemeinen Konzil wurde die inzwischen erarbeitete Bildertheorie des arabischen Mönches Johannes von Damaskus (ca. 650-750) zur Basis einer Theologie der Ikonen.

 

Die Bilderfeinde kannten die Positionen des wortgewaltigen Mönches aus Damaskus, er ist ihr Hauptgegner, ihn trifft ihr Bannfluch am heftigsten.

 

Johannes war bereits gestorben, konnte seine Positionen nicht selbst vertreten. Theodor, Abt des Studion-Klosters in Konstantinopel, wurde der Wortführer auf dem Konzil und betonte die Ideen des Johannes durch eigene Vertiefungen. Johannes entkräftete zunächst die Bezugnahme auf das Alte Testament mit den Hinweisen,

- dass auf Gottes Geheiß an der Bundeslade Bilder angebracht worden sind (Ex 25,18-22; Hebr 9,5)
- ebenso auf dem Vorhang des Tempels (Ex 26,31 und 36,8).

Das Hauptargument für Johannes von Damaskus war die Menschwerdung. Christus könne nicht durch Symbole, sondern nur durch seine menschliche Gestalt dargestellt werden. Seine Darstellung könne sein ewiges Bild im Sinne einer höheren Wahrheit spiegeln. Christus sei freiwillig Mensch geworden, deshalb sei es weder unmöglich noch respektlos, seine menschliche Gestalt abzubilden.

Die Inkarnation war das Hauptargument für die Rechtfertigung einer religiösen Bildkunst. Gottvater könne und dürfe aus diesem Grund allerdings nicht abgebildet werden. Johannes gibt den Bilderfeinden unumwunden zu, daß die nicht sichtbaren Glaubenswahrheiten auch nicht bildhaft dargestellt werden könnten. Aber: Alle seine Zeitgenossen hätten den historischen Jesus als Menschen gesehen, einige hätten aber glaubend seine nicht sichtbare Göttlichkeit erkannt. In seiner Verteidigungsrede für die Bilder argumentiert er:

"Ein Bild ist wirklich ein Abbild und Beispiel, ein Abdruck eines in ihm gezeigten Abgebildeten...

... daher habe ich den Mut, vom unsichtbaren Gott ein Bild anzufertigen, nicht als Unsichtbaren, sondern als um unsretwillen durch die Anteilnahme an Fleisch und Blut sichtbar gewordenen. So bilde ich nicht die unsichtbare Gottheit ab, sondern das Fleisch Gottes, das gesehen worden ist.

Wenn es schon unmöglich ist, die Seele abzubilden, wieviel mehr erst Gott, der auch der Seele das Nichtmaterielle verliehen hat..."

 

Interessant ist ein Blick auf die historische und topographische Konstellation: Um in einer bedrohlichen Phase der islamischen Angriffe die bilderfeindlichen Provinzen ans Reich zu ketten und um sie nicht in die Arme des Kalifen zu treiben, der ihnen problemlos Religionsfreiheit hat in Aussicht stellen können, war der syrische Kaiser Leon III. auf eine reichsweite Bilderfeindlichkeit eingeschwenkt, was den Vorwurf der islamischen Infiltration begründet.

Im Gegensatz dazu lebte und lehrte Johannes von Damaskus in einem Kloster in Jerusalem, das seit 637 unter islamischer Herrschaft stand und in dem die Christen ihren Ideen nachgehen konnten, ohne das Eingreifen eines sie reglementierenden christlichen Kaisers fürchten zu müssen. Die Freiheit zur Widerrede gegen den christlichen Kaiser und zur Verteidigung der Bilder konnte Johannes nur im bilderlosen islamischen Kulturkreis genießen.

Später hatten die Mönche des Studion-Klosters in Konstantinopel unter ihrem Igumen, dem Hl. Theodor viel Überzeugungsarbeit zu leisten um das durch die Propaganda der Bilderstürmer verdorbene Konstantinopel zu überzeugen. Noch einmal flammte die Terrorherrschaft der bilderfeindlichen Mächte auf, die Mönche von Studion wurden 809 vertrieben und verbannt, konnten aber bald wieder zurückkehren. Noch 815 berief ein bilderfeindlicher Kaiser ein ikonoklastisches Konzil in die Hagia Sophia ein, ersetzte willkürlich den mutigen Patriarchen Nikephoros und weitere 28 Jahre wurden Ikonen vernichtet und versucht die Kirche mit dem Gewalt einer Schreckensherrschaft dem Diktat des Kaisers zu unterwerfen. Klöster wurden geschlossen, Mönche terrorisiert, Ikonenmaler misshandelt; z.B. dem Mönch Lazarus beide Hände im Feuer verbrannt.
Erst unter Kaiserin Theodora wurde 843 das Konzil von 787 bestätigt und am 11. März, dem 1. Fastensonntag, verkündet. Die kaiserliche Macht erkannte endgültig das Recht der Kirche auf die selbstständige Regelung ihrer religiösen Angelegenheiten an.

Die Bildertheologie des Johannes wurde die Basis für die Rechtfertigung des Bildergebrauchs und Entscheidungsgrundlage für die Konzilsväter. Die entscheidenden Passagen des Konzilsbeschlusses von 787 lauten:

 

"... Die Verehrung des Bildes (eikon) geht nämlich auf das Urbild (prototypos) über, und wer das Bild verehrt, verehrt die Hypostasis dessen, was in ihm eingeschrieben ist.

Damit wird die Lehre unserer heiligen Väter bestätigt und gleichermaßen die Tradition der Katholischen Kirche, welche das Evangelium von einem Ende (der Welt) zum anderen aufgenommen hat. Somit folgen wir Paulus, der in Christo geredet hat, dem ganzen göttlichen Kreis, und den heiligen Vätern, indem wir die Überlieferungen bewahren, welche wir empfangen haben. So singen wir der Kirche prophetische Siegeshymnen:

'Juble, Tochter Zion! Jauchze, Israel! Freu dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem. Der Herr hat das Urteil gegen dich aufgehoben und deine Feinde zur Umkehr gezwungen. Der König Israels, der Herr, ist in deiner Mitte; du hast kein Unheil mehr zu fürchten.'

Und Friede wird über dir sein bis in ewige Zeit.

Wir ordnen an, daß diejenigen, die es wagen, etwas anderes zu denken oder zu lehren oder die gegen die offenkundigen Häretiker (gerichteten) kirchlichen Überlieferungen zu verwerfen oder irgendwelchen Zusatz hinzuzusinnen, oder etwas von den kirchlichen Weihegegenständen wegzuwerfen - ein Evangeliar, ein Kreuzzeichen, eine bildliche Darstellung oder eine heilige Märtyrerreliquie - oder ränkevoll und böswillig etwas hinzufügen, um einen Punkt der rechtskräftigen Überlieferung der katholischen Kirche umzustürzen, und zwar besonders, um die kirchlichen Kleinodien oder die frommen Klosterstiftungen zu verstaatlichen, wenn sie Bischöfe oder Kleriker sind, zu entfemen, Mönche und Laien aber von der Kommunion (koinonia) auszuschließen...

Das heilige Konzil akklamierte:

Wir alle glauben so, wir alle denken dasselbe, wir alle haben mit unserer Zustimmung unterschrieben.


Dies ist der Glaube der Apostel, dies ist der Glaube der Rechtgläubigen.


Dieser Glaube fundiert die Oikumene.


Im Glauben an den einen Gott, der in der Dreifaltigkeit besungen wird, küssen wir die verehrungswürdigen Ikonen.


Diejenigen, die es nicht so halten, sind verdammt ...


Diejenigen, die nicht so denken, sind weit aus der Kirche entfernt."


 

In den zwei entscheidenden Problemkreisen war ein Kompromiß gefunden:


Zum einen war das für die Bilderfrage bisher unlösbare Dilemma des Duophysitismus nunmehr lösbar:
Das Bild gibt zwar nur die menschliche Natur wieder, kann aber dennoch akzeptiert werden, weil die nicht abbildbaren göttlichen Anteile dazu gewußt und ergänzend geglaubt werden. Der nicht bildhaft sichtbare Glaubensakt drückt sich in den bekennenden Inschriften aus. Das Göttliche erheischt eine Abbildung. Sie gehört zu ihm wie der Schatten zu seinem Körper.
Im Umkehrschluß wäre ein Verbot der Bilder und ihrer Verehrung eine Leugnung des sichtbar gewordenen Christus.


Theodor von Studion formulierte:

"Insofern Christus von einem unumschreibbaren Vater herkommt, kann er kein Kunstbild haben, weil er unbeschreibbar ist. In der Tat, welchem Bilde hätte die Gottheit, deren Darstellung in der Heiligen Schrift vollkommen verboten ist, gleichgestellt werden können? Insofern aber Christus von einer beschreibbaren Mutter geboren wurde, hat er natürlicherweise eine Darstellung, die dem mütterlichen Bilde entspricht. Und wenn er kein Kunstbild hätte, wäre er auch nicht von einer beschreibbaren Mutter geboren und hätte also nur eine Geburt - nämlich vom Vater. Dies aber wäre eine Umstürzung seines Heilsplanes."

Diese Überzeugung fand 843 Eingang in die Texte der Orthodoxie.

 

Zum anderen war entscheidend, daß die längst überfällige und letztlich konfliktauslösende Frage jetzt endlich ein für allemal geklärt wurde: Die vor den Ikonen vollzogene Verehrung und Kniefall (proskynesis) durch die Gläubigen gilt nicht den Holztafeln, sondern dem Urbild, geschieht nicht im Hinblick auf die Materie, sondern im Hinblick auf den Dargestellten. Die Wirkkraft des Abgebildeten ist immer im Bild. Es gibt eine Einheit von Urbild und Abbild nach Form und Ähnlichkeit. Die Anbetung (latreia) ist alleine Gott vorbehalten.

Der christliche Westen hat sich zunächst vehement für die Bilder ausgesprochen, z. B. der Diakon Epiphanius aus Catania.

 

Vergleiche der Ikone mit dem Andachtsbild westlicher Ausprägung machen die essentiellen Unterschiede deutlich:



 

Ziel der Ikone ist es, die heiligen Überzeugungen in allgemein verbindliche Bilder umzusetzen.

-
Ziel des Andachts-Bildes ist es, den Betrachter durch wie immer geartete Gestaltungsmöglichkeiten möglichst "andächtig" zu machen, d. h. er soll an die illustrierten Geschehnisse erinnert werden und emotional in sie eindringen bzw. an ihnen beteiligt sein.

 

Die Ikone basiert auf den Berichten glaubwürdiger Zeugen und auf den Richtigstellungen erleuchteter Konzilsväter.

-
Der Künstler, der ein Andachts-Bild malt, kann neue Formulierungen zur Steigerung der Wirkung "cre-ieren".

 

Themenauswahl und Bildkomposition, Repräsentation der Einzelfiguren, Gestaltung der äußeren Erscheinungen der Ikone müssen die kanonischen Traditionen fortsetzen. Neu angefertigte Werkstücke müssen die Vorbilder der Vorlagen fortsetzen.

-
Der Künstler des Andachts-Bildes beweist seinen Einfallsreichtum und seine künstlerische Kreativität durch ansprechende Neuformulierungen des Themas.

 

Den Ikonenmaler bewegt eine mystische Teilhabe an der in Gebet und Schriftlesung geschauten verklärten Welt.

-
Der Künstler des Andachtsbildes bedient sich seiner Phantasie.

 

Die künstlerische Freiheit des Ikonen-Schreibers ist in dem Satz der Heiligen Schrift zusammengefasst:
"Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit." 2 Kor 3,17

-
"Künstlerische Freiheit" im durchaus weltlichen Sinne ist die Grundlage des Gestaltungsprozesses für das Andachts-Bild des Westens.

 

(Unter Verwendung der Auszüge die der Religionspaedagoge Horst Leps aus den Seiten 15 –20, 29, 51+52 unter Weglassung der Fußnoten, aber Ergänzung der Bibelstellen aus der Einleitung des Ausstellungskatalogs "Ikonen des Ostens - Kultbilder aus fünf Jahrhunderten", herausgegeben vom Erzbischöflichen Ordinariat Bamberg, St. Otto Verlag Bamberg, Copyright 1998 Erzbischöfliches Ordinariat Bamberg, Hauptabteilung Kunst und Kultur, Autor: Kurt Ruppert, Bamberg, erstellt hat)

 


 

2. Sonntag der grossen voroesterlichen FASTEN



Hl. GREGOR PALAMAS



Lesung:
Hebr. 1:10 - 2:3




EVANGELIUM:
Mk. 2: 1 - 12



Hl.Berg, 16.Jhdt.




Hl.GREGOR Palamas
Predigt Erzbischof LEONID zum Fest

Die Tradition der Kirche lasst uns heute - im Sinne des Festes der Verkündigung der Frohbotschaft an die Gottesgebärerin- sowohl an die Heilung des Gelähmten als auch an den Hl. GREGOR Palamas denken.
Es wird uns bewusst, dass Gott uns unser Heil nicht aufzwingt, sondern unser Mitwirken will. Mitwirken sollen wir nicht nur egoistisch an unserem eigenen Heil sondern auch alles dazu tun, um anderen die Heilung zu ermöglichen.

Das Fest der Verkündigung der Frohbotschaft an die Gottesgebärerin ist auch das Fest der Zustimmung der Menschheit zum Heilsplan Gottes. Die Gottesgebärerin handelt nicht ohne zu wissen, was sie tut. Ihr kritisches Hinterfragen der Botschaft des Engels zeigt ihre starke Persönlichkeit. Aber im Unterschied zu unser mißgeleiteten Mutter Eva weiß Maria die Mutter der erneuerten Menschheit auch, dass die menschliche Vernunft ihre Grenzen hat. Und dass es ohne die Überwindung der Enge dieser Grenzen keinen Zugang zu Gott geben kann.
Diese menschliche Anstrengung zur Öffnung für die göttliche Energie führt zum Heilswirken in der "Syn-Ergie".

Diese Überwindung unserer vermeintlichen allzumenschlichen Grenzen ist nicht leicht.
In der Fastenzeit sind wir aufgerufen dafür zu "trainieren".

Aber wir brauchen dazu Anleitung und fühlen uns oft genug auch wie der Gelähmte und brauchen die Hilfe unserer Mitmenschen. Besonders in unserer Gesellschaft, die den Individualismus vergöttert, und den Glauben zur Privatsache machen will, sollten wir uns dessen bewusst werden, dass "keiner allein" gerettet wird. Unser Christentum kann nicht ohne Gemeinschaft heilsam werden. In dieser Gemeinschaft tragen wir alle für unseren nächsten Verantwortung und sollten immer bereit sein, so zu handeln wie die Mitmenschen des Gelähmten.

Hilfreich für unsere Suche nach dem Zugang zu Gott ist auch die Überwindung von westlicher Skolastik und thomistischer Theologie, die Synthese von apophatischer und kataphatischer Sprache von Gott, sowie der Weg des Herzensgebetes und die Möglichkeit der Schau des "ungeschaffenen Lichtes", der Schau Gottes in Seiner Energie.
Wege des Heils, die uns der Heilige GREGOR Palamas erschlossen hat.
Der Heilige GREGOR Palamas (1296-1359) war der hochintellektuelle Sprecher der Mönche des Heiligen Berges Athos, die in jener Zeit, wie so oft davor und danach die Erkenntnisse der Orthodoxie gegen die oberflächlichen Behauptungen der Günstlinge der weltlichen Machthaber verteidigen mussten.
Zunächst von der Gelehrsamkeit des Ostens durch die Erkenntnislehre des Dionysios Aeropagita fasziniert kam der humanistisch gesinnte Mönch Barlaam in den Osten und stieg bald zum Hoftheologen des Kaiserhofes in Byzanz auf. Bald begann er die Gebetspraktiken des Herzensgebetes der östlichen Mönche zu verspotten und zu bekämpfen.
Es ging den Mönchen den Zugang zum ungeschaffenen Licht Gottes, das Erspüren der Energiewirkung Gottes, nicht als subjektive Einbildung abtun und so verschütten zu lassen. Obwohl es ihm zunächst nur Gefangennahme und Ausstoss aus der Kirche durch einen humanistischen Patriarchen einbrachte und er erst mehr als 5 Jahre durch das Konzil von 1351 rehabilitiert wurde, setzte der Hl. GREGOR Palamas die Unterscheidung zwischen dem unfassbaren Wesen Gottes und Seinen erfahrbaren Energien durch.

Apophasis heisst Verneinung. Apophatisch von Gott zu reden wird durch den Versuch der Gotteserkenntnis durch menschliche Vernunft und Welterfahrung ausgelöst. Es bedeutet, von Gott zu sagen, wie Er nicht ist: Er ist nicht begrenzt, nicht endlich, nicht vergänglich - also unbegrenzt, unendlich, unvergänglich u.s.w.
Dies ist die Absage an den erkenntnistheoretischen "Realismus" der westlichen Skolastik (Thomismus, Skotismus).
Demgegenüber ist sich die orthodoxe Theologie dessen bewusst, das wir von Gott immer nur in Bildern und Gleichnissen reden, auch wenn wir das abstrakt in Begriffen tun.
Demgegenüber bedeutet Kataphasis Bejahung, die positiv die Verkündung der Offenbarung Gottes ermöglicht, die Verkündung der Heilsereignisse Gottes, durch die Er in unsere Geschichte eingegangen ist und immer wieder in unser Schicksal eingeht und durch die Er sich uns in Seinen Energien zu erkennen gibt.
Die beiden Positionen dürfen nicht fundamentlistisch gegeneinander gesetzt werden. Heilswichtig ist es hingegen die beiden Sichtweisen stets gleichzeitig anzuwenden und damit nicht den Trugschlüssen der Begrenztheit menschlicher Vernunft zum Opfer zu fallen:

Wir reden vom Wesen Gottes nicht anders als in Bildern und Gleichnissen aber wir reden immer von heilswirksamer Realität, wenn wir von Seiner Offenbarung und Seinen Heilsmysterien reden.

So wird Theologie zur geistlichen Medizin, derer die Menschheit unserer Zeit -gleichzeitig im Dilemma vom Wahn der "Allmachbarkeit" gefangen und gleichzeitig der absolut entwertenden Orientierungslosigkeit verfallen- im besonderen Maße bedarf.

 

 

 

Predigt
von
Erzbischof LEONID von Riga und Lettland
in der zweiten Woche der großen Fasten


*Quellenhinweis*

 

In der heutigen Evangeliumslesung hörten wir, Brüder, die Erzählung von der Heilung des Gichtbrüchigen in Kapernaum durch den Herrn Jesus Christus (Mk. 2, 1-12).

Christus lehrte in einem Haus das Volk. Über Ihn, den großen Wundertäter, hatte sich schon überall die Kunde verbreitet, und eine Menge Volks kam zu Ihm. Das Haus war so dicht umlagert, daß es unmöglich war, einzutreten und zu Jesus zu gelangen. Und siehe, vier Männer trugen einen Gichtbrüchigen herbei, der sich nicht selbst bewegen konnte, auch nicht die Kraft hatte, von seinem Bett aufzustehen. Sie wollten unbedingt zu Jesus gelangen, sie wollten mit Ihm zusammentreffen, um die Heilung des Kranken zu erbitten.

Die Hoffnung brannte im Herzen. Wenn man nur durchgehen könnte, wenn man Ihn nur sehen könnte . . . So stark war ihr Glaube an den Herrn, und so stark war die Hoffnung, daß Er dem Kranken helfen würde, daß kein Hindernis sie davon abhalten konnte. Sie kletterten auf das Dach des Hauses, öffneten die Decke und ließen von dort das Bett mit dem kranken Gichtbrüchigen zu Jesu Füßen herab. Als Jesus diesen Glauben der Männer sah, heilte Er den Gichtbrüchigen und vergab ihm seine Sünden, die offensichtlich die Ursache seiner Krankheit waren. Und der Kranke, der vorher nicht einmal die Möglichkeit hatte, sich zu bewegen, stand auf, nahm sein Bett und ging hinweg. Dadurch versetzte er alle, die sich daselbst befanden, in Erstaunen, so daß sie Gott um des großen Wunders willen verherrlichten.

Nicht ohne Absicht bietet uns die heilige Kirche diese Evangelienlesung in den Tagen der großen Fasten an, in den Tagen der Buße und des Gebetes um die Vergebung unserer Sünde. Auch unsere Seele gleicht dem Gichtbrüchigen aus dem Evangelium: Die Sünden ketten sie so an die Erde, daß sie sich selbst nur mit Mühe auf dem Weg des Guten bewegen kann. Allein die heilbringende Hilfe Gottes kann uns die Kraft geben, auf dem Weg der göttlichen Gerechtigkeit zu wandeln. Wie aber schüttelt man dieses Joch ab, das uns umgibt, und die uns bedrückenden irdischen Mühen, Sorgen und Bindungen, die uns vom Herrn abdrängen ? Wie kann es geschehen, daß wir Sünder, verdunkelt durch Makel und Leidenschaften, dieser Barmherzigkeit des Herrn, der umgeben ist von unzählbaren himmlischen Kräften und der Schar der Heiligen Gottes, für würdig befunden werden? Wie nähern wir uns diesem Licht und dieser Heiligkeit ? Das heute verkündete Evangelium zeigt uns den Weg. Seht, wie groß der Glaube des Kranken und derer war, die ihn hinzutrugen, wie stark war ihre Hoffnung auf Heilung! Sie überwandten alle Hindernisse und erlangten Heil.

So auch wir - wenn lebendiger Glaube an den Herrn in uns glüht, wenn wir unverrückt auf Seine Barmherzigkeit hoffen und so fest unsere Heiligung begehren, daß wir alle Hindernisse, Anfechtungen und Versuchungen überwinden. Wo immer wir uns von dem entfernen, was uns zur Sünde zwingt und hinabzieht - wird auch uns nach unserem Glauben geschehen. Der Herr ist gütig und barmherzig, Er erhört unsere inbrünstigen Gebete und erfüllt unsere innigsten Wünsche gnädig. Wie den Gichtbrüchigen reinigt Er uns von den Verfehlungen und hilft zu einem guten Leben in Christi Nachfolge.

Amen.

 

Aus STIMME der ORTHODOXIE
Zeitschrift der Berliner Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche (Patriarchat Moskau)
http://members.aol.com/StimmeOrth

 

Den Reichtum den Du mir gegeben,
o erbarmender Vater,
habe ich zerstreut.
Weit wandte ich mich ab von Dir
und ich kam in des Feindes Knechtschaft.

ob Deines masslosen Erbarmens
nimm mich auf, o Vater.

In leuchtenden Fasten,
erhellt durch der Gebete Lichtglanz,
lasst strahlend den Pflichten uns nachgehen,
damit wir entfliehen
dem Dunkel der Suende.

Heilige Dreiheit, wache
dass wir
die wir die Fasten schon drei Wochen durchlaufen,
unversehrt und unverurteilt
wuerdig sie weiter durcheilen
und Deine Gebote beachten.

 


 

 

3. Sonntag der grossen voroesterlichen FASTEN



KREUZVEREHRUNG



Lesung:
Hebr. 4:14 - 5:6




EVANGELIUM:
Mk. 8:34 - 9:1



Heiliges Kreuz  / Ikone von Nikolai SCHELECHOW




Orthodoxe Kreuzverehrung

Vor Deinem Kreuz, o Gebietender, fallen wir nieder,
und Deine heilige Auferstehung verherrlichen wir !

In der Mitte der Fastenzeit verehren wir das Heilige, das lebenbringende und uns daher so kostbare Kreuz des Herrn. Nicht einem Stück Holz gilt die Verehrung sondern dem Herrn Selbst, dem Gekreuzigten und Auferstandenen !

Nicht mehr bewacht das flammende Schwert die Pforte von Eden,
denn wunderbar wurde das Feuer gelöscht durch das Holz des Kreuzes.
Der Stachel des Todes und der Sieg der Hölle ist zur Beute geworden.
Denn Du, mein Erretter, kamest und riefest denen im Hades zu:
"Lasset euch führen wiederum ins Paradies !"

 

Orthodoxe Kreuzesverehrung:
Das Kreuz ist wie die Ikonen und das Evangelienbuch für die orthodoxen Christen eine Abschattung der Wirklichkeit, auf die durch das Bild hingewiesen wird. Die Verehrung einer solchen Abschattung gilt nicht dieser selbst, sondern der Wirklichkeit, die sie darstellt und die nicht anders als im Bild in Erscheinung treten kann. Dahinter steht die Überzeugung, dass das Göttliche für uns nur im Bild begreifbar ist, nicht aber direkt fassbar. Doch nicht jedes Bild, das wir uns machen, hat die Transparenz, den Blick auf das wahre Urbild zu ermöglichen. Nur das theologisch wahre, das geoffenbarte, das heilige Bild in der dogmatisch als richtig erkannten Tradition wird solchermaßen transparent. In dieser Transparenz des Kreuzes wird uns deutlich die Wirklichkeit des Kreuzes, Christus Selbst, der am Kreuz unsere Schuld getilgt und in Seiner Auferstehung den Sieg über den Tod vollendet hat. Das Kreuz anbeten heisst also, Christus als Sieger am Kreuz anbeten.
Das Leiden des Gottessohnes am Kreuz, das uns ermöglicht auch das Leid der Welt in diesem Licht zu sehen, führt uns im Glauben immer hin zur Auferstehung.
Zum Unterschied zum Westen, der beginnend mit der Aristoteles-Rezeption durch Augustinus und das Mittelalter weithin materielle und geistliche Welt streng trennt, lehrt und die Orthodoxie die Ganzheit der Schöpfung zu sehen, sei sie nun materiell oder nicht-materiell; und so auch die Ganzheit der Wirklichkeit: Kreuz und Auferstehung !
Wir kennen daher keine Konzentration auf die bloße Meditation der Leiden vor dem körperlichen Christusleichnahm auf Kruzifixen.
Unsere Verehrung des kostbaren und lebensspendenden Kreuzes ist eine dankbare Unterwerfung unter das Kreuz, das uns durch Gottes Menschenliebe vom Symbol der Hinrichtung zum Zeichen des Heils geworden ist.

Am fruehen Morgen gehen wir zu Dir,
und preisen Dich in Hymnen,
Heiland der Welt,
da wir den Frieden gefunden in Deinem Kreuz,
durch das Du das Menschengeschlecht erneuert hast,
uns fuehrend zum abendlosen Licht.


Im Paradiese ward einst durch eines Baumes Frucht
das Vertrauen gebrochen und herbeigerufen der Tod.
Der Baum des Kreuzes aber
hat den Menschen das Kleid des Lebens gebracht.
Nicht mehr bewacht das Flammenschwert die Pforte von Eden.
Denn es nahte sich ihm eine neue Versoehnung,
des Kreuzes Baum.
Des Todes Stachel und des Hades Sieg ist zerschmettert.
Du tratest, mein Heiland, herzu,
den Bewohnern des Hades zurufend:
Lasst euch zurueckfuehren ins Paradies !


Heute tanzen der Engel Choere voller Freude,
Deinem Kreuze huldigend.
An ihm ja schlugst du Wunden der Daemonen Scharen,
an ihm wurdest, Christus,
Heiland Du den Menschen.


Sei gegruesst, dreimal seliges, heiliges Holz,
Kreuz,
Licht derer, die wandeln in Dunkelheit,
das du den vier Enden der Welt durch dein Leuchten zeigtest,
die Strahlen von Christi Erweckung,
wuerdige alle Glaeubigen,
das heilige Pas´cha zu schauen.


 


 



4. Sonntag der grossen voroesterlichen FASTEN


Hl. JOHANNES von der HIMMELSLEITER


Lesung:
Hebr. 6: 13 - 20



EVANGELIUM:
Mk. 9: 16 - 30



Durch Enthaltsamkeit

konntest du die Kraft deiner Seele erneuern;

sie mit himmlischer Herrlichkeit veredeln.

Heiliger Moench JOHANNES

Darum riefst du allen zu:

Nichts ziehet Gottes Liebe vor !





IKONE des FESTES IKONE des FESTES

Heute macht uns die Kirche aufmerksam auf den Hl. JOHANNES Klimakos (von der Himmelsleiter). Dieser Mönchsvater, der im 7. Jahrhundert lebte, verwirklichte das Ideal von Gebet und Umkehr. Schon mit 16 Jahren wurde er Einsiedler-Moench auf dem Sinai. 639 wurde er als Igumen Klostervorstand. Vor seinem Tode zog er sich wieder in die Einsamkeit zurück. Sein immer wieder gelesenes Standardwerk "Die Himmelsleiter" beschreibt in 30 Sprossen -nach dem verborgenen Leben Jesu- den Aufstieg zur Vollendung in Gott, den Kampf gegen die Laster, die den Menschen immer wieder behindern und die Tugenden die in die Nähe Gottes führen. Krönung und Ziel des allmählichen Aufstiegs ist die Ruhe der Seele in Gott.
Darauf dürfen auch wir uns in der Fastenzeit vorbereiten.
"Lasset uns Johannes ehren ... Ruhm der Asketen ..." singen wir in der Vesper und im Orthros: "Während dein Leib durch die Enthaltsamkeit abnahm, konntest du die Kraft deiner Seele erneuern, sie mit himmlischer Herrlichkeit bereichern."
Aber die Kirche erläutert die Lehre des Hl. JOHANNES Klimakos richtig, wenn sie verkündet, dass Askese sinn- und wertlos ist, wenn sie nicht Ausdruck der Liebe ist. Und wieder in der Vesper zitiert sie den Heiligen mit den Worten: "Darum riefst du allen zu: Gott habet lieb, und ewige Gnade werdet ihr finden. Nichts ziehet Seiner Liebe vor!"

Aus: The Year of Grace, A Monk of the Eastern Church, A Spiritual and Liturgical Commentary on the Calender of the Orthodox Church, Crestwood N.Y. 1992, p125f.
Übersetzt durch *St. Andreas Bote*

 


 

 

5. WOCHE der Grossen voroesterlichen FASTEN

In dieser Woche laedt uns die Kirche noch einmal verstaerkt zur Umkehr ein. Wir sind eingeladen unser Vorleben zu kreuzigen um in der Auferstehung erloest und erneuert zu werden.

Mittwoch wird der GROSSE KANON der Umkehr unseres Vaters unter den Heiligen ANDREAS von Kretagebetet, am Herrentag der diese Woche kroent, wird uns das leuchtende Vorbild der Heiligen MARIA von AEGYPTEN vorgestellt.
Am Freitag duerfen wir des wichtigsten Menschen im goettlichen Heilsplan fuer das ganze Menschengeschlechtduerfen wir des wichtigsten Menschen im goettlichen Heilsplan fuer das ganze Menschengeschlecht, der Gottesgebärerin im AKATHISTOS-HYMNUS gedenken.




5. Sonntag der grossen voroesterlichen FASTEN



Hl. MARIA von Aegypten



Lesung:
Hebr. 9: 11 - 14




EVANGELIUM:
Mk. 10: 32 - 45



Festtagsikone in Arabischer Tradition aus dem Libanon





Die Hl. Maria von Aegypten ist in der orthodoxen wie in der lateinischen Kirche bekannt als ein Beispiel wie Gott uns durch Seine Gnade Heilige schenkt, deren Lebensweg nach menschlichem Mass alles andere als fromm und bieder ist. In jedem menschlichen Charakterzug, auch in den "allzu menschlichen" Schwächen, ist doch auch ein Zugang zum Heil verborgen. Massloses Verlangen nach Genuss kann im Zusammenwirken von Gottes Gnade und menschlicher Umkehr zu massloser Gottesliebe fuehren.
Maria wurde im noerdlichen Aegypten geboren und entfloh im Alter von 12 Jahren dem elterlichen Hause, um in der Weltstadt Alexandria ein Leben der Ausschweifung zu fuehren, einzig die Befriedigung ihrer Lueste suchend. Nach 17 Jahren ausschweifenden Lebens trieb sie die Neugier mit Wallfahrern zum Fest der Kreuzerhoehung zu den Heiligen Stätten in Jerusalem zu segeln. Auch auf dem Schiff und in Jerusalem liess sie ihrer Leidenschaft freien Lauf und verführte jeden der es sich gefallen liess.
Als sie zur Verehrung des heiligen Kreuzes inmitten des gewaltigen Menschenstromes, welcher der Auferstehungsbasilika zuflutete, auch selbst in die Kirche eintreten wollte, wurde sie an der Schwelle von einer unsichtbaren Gewalt, die staerker war als sie, zurueckgehalten, waehrend die uebrigen an ihr voruebergingen. Auch die vereinte Kraft mehrerer Maenner, um deren Hilfe sie gebeten hatte, konnten sie nicht ueber die Schwelle der Kirche bringen. Da kam es ihr ploetzlich erschreckend zu Bewusstsein, dass ihr Suendenleben Ursache dafuer sei, dass sie das Heiligtum in ihrem Zustand nicht betreten sollte. Zugleich fiel ihr Blick auf die Ikone der allheiligen Gottesmutter im Vorraum der Kirche. In Beschaemung und Reue rief sie die Mutter des Herrn an und gelobte, jede Busse in ihrem zukuenftigen Leben auf sich zu nehmen, wenn die Gottesmutter ihr Eingang in das Heiligtum und damit ein Zeichen gewaehre, an dem sie erkennen werde, dass ihr goettlicher Sohn ihr vergebe. Und - o Wunder - ungehindert konnte sie die Schwelle uebertreten und mit den uebrigen Pilgern an der Verehrung des heiligen Kreuzes teilnehmen. Hier traf sie der Strahl der Gnade. Einer innerlichen Erleuchtung folgend, jenseits des Jordans Ruhe und Frieden zu suchen, machte sie sich sofort auf den Weg und erreichte noch am gleichen Tage die Kirche des Hl. Johannes am Jordan. Reumuetig beichtete sie hier und empfing die Lossprechung und die Hl. Kommunion. Sodann ueberschritt sie den Jordan, um weiter ostwaerts in der Wueste Busse zu tun und die Wueste nicht mehr zu verlassen. Unter den aeussersten Entbehrungen in Nahrung, Kleidung und Behausung reinigte sich noch 17 Jahre ihr von ihren suendhaften Gewohnheiten und den Verwuestungen der Leidenschaften.
Dann aber fand sie die verheissene Ruhe und den vollen Frieden in Gott, dem sie noch weitere 30 Jahre in der Wueste widmen durfte, durch wunderbare Erleuchtungen getroestet und gefuehrt zu den seligen Geheimnissen der Gottesschau. Erst in ihrem 77. Lebensjahr wagte sie es wieder, einem Mann zu begegnen, der zur Andacht in die Wueste gekommen war. Viele Moenche folgten naemlich der Praxis vom ersten Fastensonntag bis zum Palmsonntag ihr Kloster zu verlassen, um in Erinnerung an die vierzigtaegigen Fasten des Herrn in der Wueste ein Einsiedlerleben zu führen. Gottes Fuegung wollte es, dass der fast hundertjaehrige Priestermoench Sosima aus einem am Jordan gelegenen Kloster in dieselbe Einoede kam, in der auch Maria lebte. Da sie ihm , ohne ihn je gesehen zu haben, seinen Namen nennen konnte, erkannte er dass es Gottes Wille war, dass er ihr am Hohen Donnerstag vor der Auferstehung die Hl. Kommunion an den Jordan bringen sollte. Nachdem sie mit Leib und Blut des Herrn gestaerkt war, was sie so lange hatte entbehren muessen, bat sie den Priester Sosima, ihr auch im naechsten Jahr die Heiligen Gaben an die selbe Stelle zu bringen. Dann zog sie sich wieder in die Wueste zurueck. Sosima entsprach im darauffolgenden Jahr ihrem Wunsch, fand aber an der verabredeten Stelle den Leichnam der Heiligen, die ihren Namen vor ihrem Scheiden aus dieser Welt in den Sand geschrieben hatte. Der heilige Sosima bestattete sie an der gleichen Stelle, kehrte ins Kloster zurueck und verfasste hier vor seinem bald folgenden Tode zur Erbauung des spirituellen Lebens seiner Mitbrueder die Lebensgeschichte der Heiligen, wie er sie bei der ersten Begegnung aus ihrem Mund vernommen hatte. In ihrer heutigen Gestalt stammt der Bericht von Patriarch Sophronij von Jerusalem. (7. Jhdt.)




Der unter den Aegyptern nach Seiner Geburt im Fleische gewohnt,
der Unumgrenzte vor aller Zeit,
liess leuchten dich aus Aegypten Stammende als ganz hellen Stern,
der Herr, der schon vor dem Geschehen alles erkennt.



Die durch die Angel des Fleisches viele gefangen,
fuer fluechtige Lust sie machte zur Beute des Teufels,
wurde wahrhaftig gefangen durch die goettliche Gnade des Heiligen Kreuzes,
Christi lebendigmachendes Zeichen.



Vormals von jeglicher Unreinheit erfuellt,
hast du dich durch Busse als Braut Christi erwiesen.
Du erstrebtest die Lebensweise der Engel,
ueberwandest die Daemonen mit der Waffe des Kreuzes.
Darum leuchtest du als Braut des Himmelreiches,
o vielgeruehmte Maria.



Uns, die in Liebe dein lichtbringendes und heiliges Gedaechtnis feiern,
sende Licht uns hernieder,
die du als Heilige jetzt bei Christus stehst, dem alles ueberstrahlenden Licht,
errette mich vor den vielfachen Stuermen des Lebens.

Festtagsikone aus Russland





25. März (7.4.)

VERKUENDIGUNG
der
FROHEN BOTSCHAFT

an unsere allhl. Gebieterin, die Gottesgebaererin und stete Jungfrau Maria



Heute ist der Anfang unserer Erlösung
und die Offenbarung des Mysteriums von Ewigkeit.

Der Sohn Gottes wird zum Sohn der Jungfrau,
und Gabriel bringt das Evangelium der Gnade.

Mit ihm rufen auch wir der Gottesgebärerin zu:
Freue dich, du Gnadenerfüllte,
der Herr ist mit dir !





Nach Königstür-Ikone, 17.Jhdt., Arbanassi, Bulgarien

Kanon d. Hl. JOHANNES MONACHOS
Predigt des Hl. GREGOR von NYSSA zum Fest

Das Christus-Mysterium bildet ein Ganzes. Mitten in der vorösterlichen Fastenzeit feiert wir die Inkarnation des urewigen Wortes. Die Menschwerdung geschieht um der Erlösung willen, und die Erlösung durch Kreuz und Auferstehung setzt die Menschwerdung voraus.
Denn Gott wird Mensch, um uns Menschen zu vergöttlichen. Das ist kein mechanischer oder magischer Vorgang.
Die freiwillige Menschwerdung des Sohnes und Wort Gottes im Schoße der Jungfrau ruft die Freiheit des Menschen auf, von sich aus, sich ohne vergewaltigt zu werden, dem Handeln Gottes zu öffnen und so das vergöttlichte Heil in sich geschehen zu lassen. Dieses Heil besteht in der Vereinigung Gottes mit den Menschen und des Menschen mit Gott. Dazu ist das freie "Ja" jedes Menschen unerlässlich, das "Ja", wie es die Gottesgebärerin nach gewissenhafter Überlegung gesagt hat:
" Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe nach Deinem Worte !"
Das Heil besteht aber nicht nur in der Erlösung des Menschen von der Sünde und allem Übel, sondern ebenso in der Wiederherstellung des Bildes Gottes, gemäss des ewigen Ebenbildes des Vaters in Jesus Christos, nach dem wir erschaffen wurden.

So konnte der Engel Maria die Botschaft der Freude bringen.
Freude verkünden an Weihnachten die Heerscharen der Engel den Hirten.
Und der Auferstandene sagt den Aposteln und uns in Seinem österlichen Gruß die Freude zu.
So kann auch in der Fastenzeit die Freude nicht untergehen:
Freude soll vielmehr auch die Buße leiten. Daher ist dieses Freudenfest kein Fremdkörper in der Fastenzeit; sondern gibt ihr Ausrichtung, Tiefe und Glanz.

Das Datum des Festes wurde in Verbindung mit dem 25. Dezember gewählt; es ist also relativ spät festgelegt worden. Nach älterem syrischen und gallikanischem Ritus wurde es an einem der Herrentage vor Weihnachten gefeiert. Uns ist das Datum seit den Akten des Konzils von 692 bezeugt.
Wenn es auf den Hohen Freitag oder Hohen Samstag vor Ostern fällt, wird es bei den Griechen auf den Ostertag verschoben und gemeinsam mit der Auferstehung gefeiert.

 

 

*Quellenhinweis*

Dies ist gesetzt von Gott den Sterblichen,
spricht die Makellose wiederum, dass gemeinsamer Liebe ein Kind entstamme.
Doch ist mir gänzlich unbekannt die Lust der Vereinigung.
Wie kannst du behaupten, dass ich gebären werde?
Ich fürchte, du schwatzt mit Trug.
Aber gleichwohl, schau, sprichst du:
Lobpreiset alle Werke des Herrn, den Herrn!

 

Der Einwand, welchen du aussprichst, Ehrwürdige,
entgegnet wiederum der Engel, trifft wohl zu bei den gewöhnlichen Geburten sterblicher Menschen.
Der wahre Gott aber, künde ich dir, nimmt, jede Vernunft und jedes Begreifen übersteigend, Fleisch an, wie nur Er es weiß, aus dir.
Drum rufe ich mit Freuden:
Lobpreiset, alle Werke des Herrn, den Herrn!

 

Du erscheinst als Künder mir der Wahrheit,
beendete da die Jungfrau das Gespräch.
Denn als gemeinsamer Freude Bote bist du gekommen.
Da ich gereinigt wurde im Herzen durch den Geist, geschehe mir nach deinem Wort.
Wohnung nehmen soll in mir Gott,
zu dem ich mit dir rufe:
Lobpreiset, alle Werke des Herrn, den Herrn!

( Kanon des JOHANNES Monachos (8. Jh.) zum Fest der Verkündigung der Frohbotschaft an die Gottesmutter )
(Ausschnitt)

 

 

Die jungfräuliche Empfängnis - Gottes Schöpfertat

Gregor von Nyssa (+ 394)
zum Fest Mariae Verkündigung

*Quellenhinweis*

 

In das Heilsgeheimnis wird die Jungfrau von Gabriel eingeweiht. Die Worte der Einweihung waren Segensworte: »Freue dich, Begnadete! Der Herr ist mit dir!« (Lk 1,28). Als Gegensatz zum ersten Spruch, der an eine Frau erging, ergeht nun dies Wort an die Jungfrau. jene wurde der Sünde wegen zur Betrübnis bei der Geburt verurteilt, bei dieser aber wird durch die Freude die Betrübnis aufgehoben. Bei jener ging Betrübnis der Geburt voran, hier aber war bei der Geburt Freude als Hebamme tätig! »Fürchte dich nicht!« (Lk 1,30), spricht er.

Da jeder Frau die Erwartung der Geburt Furcht bereitet, hebt die Verkündigung der freudvollen Geburt die Furcht auf. »Du wirst empfangen und einen Sohn gebären und sollst ihn Jesus nennen. Er wird sein Volk von den Sünden erlösen« (Lk 1,31). Was entgegnet Maria? Vernimm das Wort einer reinen Jungfrau! Der Engel verkündet ihr die Geburt, doch sie hält fest an der Jungfräulichkeit und misst der Unversehrtheit größeren Wert als der Erscheinung des Engels bei. Sie kann dem Engel weder den Glauben versagen, noch wird sie ihrem Entschluss untreu. »Mir ist der Umgang mit einem Mann versagt«, spricht sie. »Wie soll mir das geschehen?« (Lk 1,35) ...

Wenn Josef sie zur Ehe genommen hätte, wie konnte sie über die Botschaft des Engels befremdet sein, dass sie gebären werde? Denn nach dem Gesetz der Natur erwartete sie durchaus, auch einmal Mutter zu werden. Da aber ihr gottgeweihter Leib wie eine geheiligte Weihegabe unverletzt bewahrt werden musste, deshalb spricht sie: »Wenn du auch ein Engel bist und vom Himmel kommst und deine Erscheinung Über menschliche Erfahrung hinausgeht, so ist es doch unmöglich, dass ich einen Mann erkenne. Wie werde ich Mutter sein ohne einen Mann? Josef sehe ich als meinen Verlobten an, als Mann aber erkenne ich ihn nicht.«

Was erwidert Gabriel, der zur Jungfrau gesandt wird? Auf welches Brautgemach für die reine und unbefleckte Ehe weist er hin? »Heiliger Geist«, sagt er, »wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten« (Lk 1,35). Welch glückseliger Leib, der wegen seiner übergroßen Reinheit die guten Gaben für die Seele auf sich herabgezogen hat! Von allen anderen Menschen würde kaum eine reine Seele die Gegenwart des Heiligen Geistes in sich ertragen, hier aber wird der Leib zum Gefäß des Geistes. »Aber auch die Kraft des Höchsten wird dich überschatten«. Wie ist dieses geheimnisvolle Wort zu verstehen?

Dass Christus die Kraft Gottes und seine Weisheit ist, wie der Apostel sagt (1Kor 1,24). Die Kraft des höchsten Gottes also, die Christus ist, nimmt durch die Herabkunft des Heiligen Geistes in der Jungfrau Gestalt an.

 

 


Homilie auf Christi Geburt; PG 46, 1140B-1 141B, in: Heiser, Lothar, Jesus Christus, Das Licht aus der Höhe, Verkündigung, Glaube, Feier des Herren-Mysteriums in der Orthodoxen Kirche (Schriftenreihe des Patristischen Zentrums Koinonia – Oriens; Bd. 47), St. Ottilien 1998, S. 45f.
*aus St. Andreas Bote*

 

Kanon des Johannes Monachos (8. Jh.)
zum Fest Mariae Verkündigung

Höre, Mädchen, reine Jungfrau,
so kündete Gabriel den Ratschluss des Höchsten, uralt und ohne Trug:
Sei zum Empfange Gottes bereit! Denn durch dich wendet der Unfassbare
sich wieder den Sterblichen zu.
Drum rufe ich mit Freuden:
Lobpreiset, alle Werke des Herrn, den Herrn!

 

Alles Sinnen der Sterblichen ist zu schwach,
erwiderte die Jungfrau, zu ergründen, was Unbegreifliches du mir kündest.
Ich freute mich deiner Worte, aber erschreckend fürchte ich, dass du mit Täuschung mich wie Eva weit weg von Gott führen willst.
Doch gleichwohl, sieh, sprichst du:
Lobpreiset, alle Werke des Herrn, den Herrn!

 

Sieh, die Verwirrung löst sich dir,
entgegnete auf diesen Einwand Gabriel.
Denn mit Recht sagst du, der Plan sei unergründlich.
Folge nur den Worten deiner Lippen und zweifle nicht,
als sei er ein Truggebilde; dass Wirklichkeit er ist, das, glaube doch.
Denn auch ich rufe mit Freuden:
Lobpreiset, alle Werke des Herrn, den Herrn!

 

Dies ist gesetzt von Gott den Sterblichen,
spricht die Makellose wiederum, dass gemeinsamer Liebe ein Kind entstamme.
Doch ist mir gänzlich fremd die Lust der Vereinigung.
Wie kannst du behaupten, dass ich gebären werde?
Ich fürchte, du schwatzt mit Trug.
Aber gleichwohl, schau, sprichst du:
Lobpreiset alle Werke des Herrn, den Herrn!

 

Der Einwand, welchen du aussprichst, Ehrwürdige,
entgegnet wiederum der Engel, trifft wohl zu bei den gewöhnlichen Geburten sterblicher Menschen. Der wahre Gott aber, künde ich dir, nimmt, jede Vernunft und jedes Begreifen übersteigend, Fleisch an, wie nur Er es weiß, aus dir.
Drum rufe ich mit Freuden:
Lobpreiset, alle Werke des Herrn, den Herrn!

 

Du erscheinst als Künder mir der Wahrheit,
beendete da die Jungfrau das Gespräch.
Denn als gemeinsamer Freude Bote bist du gekommen.
Da ich gereinigt wurde im Herzen durch den Geist, geschehe mir nach deinem Wort.
Wohnung nehmen soll in mir Gott,
zu dem ich mit dir rufe:
Lobpreiset, alle Werke des Herrn, den Herrn!

 

 


Kanon des JOHANNES Monachos (8. Jh.)
zum Fest der Verkündigung der Frohbotschaft an die Gottesmutter
8. Ode, im Orthros des 25. März; Menaion

*aus St. Andreas Bote*

 

Linkhinweise zum Fest:
Wenn Englisch kein Problem ist und Acrobat Reader zur Verfügung steht,
dann sind alle Gottesdienste des Festes über folgenden Link zugänglich:

http://www.bright.net/~palamas/CyberPsaltiri/Contents.htm

zu ->TRIODION gehen, dort das Fest auswählen:

Einführung: AnnuIntro
kleine Vesper: AnnuSV
grosse Vesper: AnnuGV
Morgendienst: AnnuMat
Göttl.Liturgie: AnnuDL
Polyelei: AnnuPol

 




 


O S T E R Z E I T

LAZARUS - Samstag

SONNTAG des Einzugs in Jerusalem (So. der Palmen, der Blumen)

HOHE  Woche

HOHER  Donnerstag

HOHER  Freitag

HOHER  Samstag

STRAHLENDE  AUFERSTEHUNG  -  PAS 'CHA  -  FEST der FESTE

 

Sonntage und Feste im Licht der Auferstehung


 

 

LAZARUS - SAMSTAG



Lesung:
Hebr 12: 28 - 13: 8

EVANGELIUM:
Joh 11: 1 - 45


Um schon vor Deinem Leiden
die gemeinsame Auferstehung zu bezeugen,
hast Du Lazarus von den Toten auferweckt,
Christos Gott.

Darum tragen auch wir, wie damals die Kinder,
die Zeichen des Sieges
und rufen Dir zu,

dem Besieger des Todes:
" Hosanna in den Höhen !
Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn ! "

Kirche Hl.Erzengel MICHAIL, Ossenowo(Bansko) Dimitar Molerow, Bulgarien, 19.Jhdt





Der Lazarus-Samstag ist ein Festtag, der mit dem nachfolgenden Herrentag der Palmen durch österliche Freude und gemeinsame Troparien verbunden ist. Die Auferweckung des Lazarus stellt für uns Gläubige eine Vorabbildung der Auferstehung Christi und aller Toten dar. Denn man kann die Passion Christi nur recht verstehen, wenn man ihren Ausgang, die Auferstehung, im Blick hat. Daher wird nun unmittelbar vor der Hohen und Heiligen Woche ein österliches Freudenfest gefeiert, indem wir Christos als den Besieger des Todes vergegenwärtigt schauen dürfen.

Das Tris-Hagion ist durch den Taufhymnus ersetzt, indem auch wir alle einbezogen sind:

" Alle, die ihr in Christos getauft seid,
habt Christos angezogen,
Alleluja ! "


Die Apostellesung klingt aus in die ewige Wahrheit:

" Jesus Christos ist derselbe,
gestern, heute und in die Äonen ! "




Genau gesagt endet die Fastenzeit an dem Freitag, der auf den fünften Fasten-Sonntag folgt. Der Zeitraum der vierzig Tage ist dann vorbei. Die Passionszeit dauert vom Ende der Fastenzeit bis zum Fest der Auferstehung. Sie umfasst daher den Samstag, der auf den fünften Fasten-Sonntag folgt, der auch ‚Lazarus-Samstag’ genannt wird und die ersten sechs Tage der Großen Woche.

Der Lazarus-Samstag hat einen ganz besonderen Platz im liturgischen Kalender. Er gehört nicht zu den vierzig Tagen der Fasten und auch nicht zu den Leidenstagen von Montag bis Freitag der Großen Woche. Mit dem Palm-Sonntag verkörpert er ein kurzes und frohes Vorspiel zu den folgenden Tagen der Trauer. Mit dem Palm-Sonntag verbindet ihn der Ort des Geschehens: Bethanien ist der Ort der Auferweckung des Lazarus und das ist auch der Ausgangspunkt für den Einzug Jesu in Jerusalem. Die Auferweckung des Lazarus, ist auf geheimnisvolle Weise mit der Auferstehung Christi selbst verbunden; in Beziehung zu diesem Ereignis ist sie wie eine erfüllte Prophezeiung. Man kann sagen, dass an der Schwelle des Osterfestes der auferweckte Lazarus uns als der Vorläufer des über den Tod triumphierenden Jesus Christus gezeigt wird, wie in gleicher Weise an der Schwelle von Epiphanie der taufende Johannes der Vorläufer des zu offenbarenden Messias war. Aber neben dieser hauptsächlichen Bedeutung der Beziehung zur Auferstehung Christi, hat die Auferweckung des Lazarus noch andere Aspekte, über die nachzudenken nützlich ist.

Die Lesung während der Göttlichen Liturgie (Hebr 12,28-13.8) hat keinen direkten Bezug auf die Auferweckung des Lazarus. Trotzdem, einer der Verse "Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib" könnte - in spiritueller Auslegung - das Mitleid Jesu mit Lazarus zeigen. Die Epistel enthält verschiedene moralische Konzepte: die Bruderliebe soll bleiben; die Gastfreundschaft darf nicht vergessen werden; die Ehe soll in Ehren gehalten werden; den Vorstehern soll gefolgt werden. Wer versucht ist, über diese ethischen Empfehlungen leicht hinweg zu gehen, sie zwar grundsätzlich für wichtig zu halten, aber doch für recht banal, der sollte die drei Verse aufmerksam lesen, die diese ethischen Empfehlungen strukturieren. Den einen am Anfang, den in der Mitte und den anderen am Schluss. "Unser Gott ist verzehrendes Feuer ... denn Gott hat versprochen: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht ... Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit". Denn die größten spirituellen Wahrheiten können nicht isoliert von den ganz einfachen praktischen Geboten gesehen werden, die sozusagen ihre kleine Münze sind.

Das Evangelium (Joh 11,1-45) gibt uns einen Bericht von der Auferweckung des Lazarus. Die Auslegung dieses Ereignisses durch die Kirche ist in den Gesängen des Orthros enthalten. Hören wir ihnen zu: "Als Du wolltest bezeugen.... o mein Retter, die Wahrheit Deiner glorreichen Auferstehung, erlöstest Du vom Hades den Lazarus ..." Hier finden wir die hauptsächliche Bedeutung der Auferweckung des Lazarus. Es war, wie das Troparion es ausdrückt: Vorahnung, ‚Zeugnis der Wahrheit’ der Auferstehung Christi, ein vorläufiger Beweis für die Macht Jesu über den Tod.. "Durch Lazarus, o Tod, hat Christus deine Gefangenen befreit ... vor Deinem Tod hast Du die Macht des Todes erschüttert." Die Kirche zieht eine Verbindung zwischen diesem Sieg Christi über den Tod und dem triumphalen Einzug in Jerusalem, der am nächsten Tag gefeiert wird: "O Tod, wo ist dein Sieg? ... Wir bringen Ihm die Palmzweige des jubelnden Sieges ... Drum tragen wir auch wie die Kinder die Zeichen des Sieges und jubeln Dir zu, des Todes Besieger".

In zweiter Linie kündigt die Auferweckung des Lazarus die Auferstehung der Toten an, die eine Folge der Auferstehung Jesu ist: "Die Auferstehung aller vor Deinem Leiden verbürgend, wecktest Du Lazarus von den Toten auf ... indem Du, der Spender des Lebens, in ihm die Auferstehung der Welt gleichsam verbürgtest ... Deine Auferstehung, Wort, in Wahrheit uns verbürgend, hast wie aus dem Schlafe Du den toten Freund ... erweckt".

Der Lazarus-Samstag ist in gewisser Weise das Fest aller Toten. Es gibt uns die Gelegenheit unseren Glauben an die Auferstehung zu bezeugen und genauer zu fassen. Als unser Herr Martha wegen ihres Zweifels sanft zurechtwies, gab Er uns eine wertvolle Lehre über unsere eigenen Toten, denn als Er zu ihr sagte: "Dein Bruder wird auferstehen", antwortete sie: "Ich weiß, daß er auferstehen wird bei der Auferstehung am Letzten Tag" und Jesus sagte darauf: "Ich bin die Auferstehung". Marthas Glaube war in zweifacher Weise ungenügend: sie dachte an die Auferstehung ihres Bruders als etwas Zukünftiges und dann konnte sie sich diese Auferstehung nicht anders vorstellen als in Bezug auf eine Art allgemeinem Gesetz. Aber Jesus deutet an, dass die Auferstehung eine Tatsache der Gegenwart ist, denn Er Selbst ist (und verursacht nicht) die Auferstehung und das Leben. Unsere Toten leben durch und in Christus. Ihr Leben ist eng verbunden mit der persönlichen Gegenwart Jesu und verwirklicht sich in ihr. Wenn wir uns im Geiste mit einem lieben Toten zu vereinen trachten, sollten wir nicht versuchen ihn in unserer Phantasie wieder zu beleben, sondern uns mit Jesus in Verbindung zu setzen, in Jesus werden wir ihn finden.

Zum dritten ist die Auferweckung des Lazarus eine wundervolle Erläuterung des christlichen Dogmas. Sie zeigt uns, in der Person Jesu, dass menschliche und göttliche Natur vereint sind – ohne Vermischung: "Du, der Menschen Auferstehung und Leben, Christus, tratest zu des Lazarus Grab, uns Deine beiden Naturen verbürgend ..." Denn einerseits kann in Jesus die menschliche Natur ihren Gefühlen nachgeben und um den Verlust eines Freundes weinen: "Jesus weinte. Da sagten die Juden, Seht wie Er ihn liebte!" Andererseits kann die göttliche Natur in Jesus dem Tod befehlen: "Er rief mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Da kam der Verstorbene heraus ..."

Schließlich gibt die Auferweckung des Lazarus dem Sünder die Hoffnung, dass er, obwohl spirituell tot, wieder zum Leben kommen kann: "Wie Du Lazarus mit göttlichem Worte, Christus, erweckt, so wecke auch mich, ich bitte Dich, auf, der an vielen Sünden gestorben." Manchmal scheint eine solch geistliche Auferweckung so unmöglich, wie die des Lazarus: "Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag." Denn alles ist Jesus möglich – die Bekehrung des schlimmsten Sünders wie die Auferweckung der Toten: "Nehmt den Stein weg!"

Das also können wir an diesem Samstag lernen, wenn wir nach Bethanien gehen zum Grab des Lazarus. Wir wollen Jesus in Bethanien begegnen und mit ihm und ihm nahe die Große Woche beginnen. Jesus lädt uns dorthin ein und wartet auf uns. "Martha rief heimlich ihre Schwester Maria und sagte zu ihr: Der Meister ist da und lässt dich rufen." Und Maria "als sie das hörte, stand sie sofort auf und ging zu ihm." Der Herr ruft mich. Er will bei mir bleiben und mich die ganzen Tage Seines Leidens nicht verlassen. An diesen Tagen will Er sich mir neu und überwältigend offenbaren – dem, der vielleicht "schon riecht".

Herr, ich komme.




Aus: The Year of Grace, A Monk of the Eastern Church, A Spiritual and Liturgical Commentary on the Calender of the Orthodox Church, Crestwood N.Y. 1992, p125f.
Übersetzt durch *St. Andreas Bote*



 

SONNTAG der PALMEN

(der Palmzweige und der Blumen)

Lesung: Phil 4: 4 - 9 - EVANGELIUM: Joh 12: 1 - 18


Auf dem Throne im Himmel,
auf dem Eselsfüllen auf Erden,
hast Du, Christos Gott,
den Lobpreis der Engel
und den Gesang der Kinder angenommen,

so singen auch wir und rufen Dir zu:

in der Materie verbunden mit Dir durch die Taufe,

Christos unser Gott,

sind wir des unsterblichen Lebens gewürdigt
durch Deine Auferstehung:

Zeitgen.Russ.Festtagsikone von Antonina Ganina

" Hosanna in den Höhen ! - Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn ! "

Der Palmsonntag setzt den Jubel der Auferweckung des Lazarus im Empfang des Herrn in Seiner Stadt fort: ein Freudenfest das Christos mit uns verbindet. Als äusserliche Zeichen werden die grünen und blühenden Zweige der Gläubigen gesegnet und mit brennenden Kerzen in der Prozession getragen. Und wir singen:

" Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn !
der Herr ist Gott und ist uns erschienen ! "


Die Apostellesung stimmt uns ein in die Freude:

" Brüder freuet euch im Herrn alle Zeit,
wiederum sage ich
freuet euch ! "

 


 

 

PARADIES - Sünde - Umkehr - Buße - AUFERSTEHUNG

Gott und Adam geben den Tieren Namen, Geburtskirche Arbanassi, Bulgarien, 17.Jhdt Zeitgen.Russ.Kreuz von Nikolai Schelechow Zeitgen.Russ.Ikone von Antonina Ganina

Bedenke die Stunde des Endes, o Seele,
und fürchte das Fällen des Feigenbaumes;
arbeite fleissig mit den dir gegebenen Talenten, o du Schwache,
wache und rufe:
lasset uns nicht aus dem Brautgemach Christi ausgeschlossen bleiben !


Herr und Gebieter meines Lebens,
den Geist der Trägheit, des Kleinmuts, der Herrschsucht und der Schwatzhaftigkeit
gib mir nicht.


Schenke mir, deinem Gläubigen, hingegen
den Geist der Weisheit, der Demut, der Geduld und der Liebe.


Ja, mein Herr und König, lass mich sehen meine Fehler
und nicht richten meinen Nächsten,
denn Du bist gesegnet in alle Ewigkeit !

In den ersten Tagen der Hohen und Heiligen Woche in der wir Gläubigen uns auf die Feiern der Höhepunkte unserer Erlösung vorbereiten, laden wir zu einer Betrachtung ein, in der eine orthodoxe Monialin aus orthodoxer Sicht das Ostermysterium in den Kontext der Heilsgeschichte der Menschheit sowie des einzelnen Menschen zum Nachfühlen aufbereitet hat.

 

 

 

Die Große Woche

Fr. George Dion. Dragas

 

Der Große Mittwoch

ist gewidmet, wie es im Synaxarion steht, dem Gedenken an die Sünderin, die bereute und die Füße des Herrn kurz vor Seinem Leiden mit wohlriechendem Öl salbte. Fast alle Hymnen dieses Tages beziehen sich auf diese Frau. Die bekannteste davon ist wohl das sog. Troparion der Kassiani, das auch durch seine erste Zeile bekannt ist,
 „Herr, die Frau, die in viele Sünden gefallen ...“ und das als Doxastikon für die Aposticha im Orthros und die Stichera in der Vesper gesungen wird. Es scheint da einige Verwirrung über die Identität dieser Frau zu geben. Die Erzählungen der Evangelien von Matthäus, Markus und Johannes (Mt 26,6-16; Mk 14,3-11; Joh 12,1-8) reden von einer Maria, die die Schwester des Lazarus ist. Lukas aber bezieht sich auf eine ähnliche Salbung durch eine Sünderin, die zu einer anderen Gelegenheit vor Seinem Leiden (Lk 7,36-50) geschah. Es scheint, dass der Gegensatz zwischen der reuigen Sünderin und dem störrischen Eiferer Judas der Lehrabsicht der Kirche mehr dient, und darum gedenkt die Tradition dieser Salbung an diesem Tag. Das Thema der Salbung des Leibes Christi findet sich auch in der Feier des Sakraments der Heiligen Ölung, die an diesem Tag nach dem Apodeipnon (Komplet) für die seelische und leibliche Gesundung der Gläubigen stattfindet.

 

Der Große Donnerstag

ist reich an festlichen Themen, denn er gedenkt gleich vier Geschehnissen, die sich ursprünglich alle am Abend dieses Tages ereigneten.
1. Die Fußwaschung, d.h. der Herr wusch die Füße Seiner Jünger,
2. das Letzte Abendmahl, d.h. die Einsetzung des Sakraments der Heiligen Eucharistie durch den Herrn,
3. das Gebet auf dem Ölberg, das der Herr in Todesangst vor Seiner Gefangennahme in Gethsemane betete, und
4. der Verrat des Judas  (nicht sein Handel mit den Hohenpriestern, sondern die Ausführung seines Verrats).

In den ersten Jahrhunderten wurde die Göttlichen Liturgie an diesem Tag nach einem gewöhnlichen Abendessen in Erinnerung an das „Letzte Abendmahl im Raum im Obergeschoß“ gefeiert. Dieser Brauch wurde schließlich durch das Trullanum (ökum. Konzil von Konstantinopel im Jahre 692) durch den Kanon 29 verboten.
An diesem Tag wusch auch der byzantinische Kaiser in einer besonderen Zeremonie die Füße von zwölf armen Leuten im Gedenken an die Fußwaschung der Jünger durch den Herrn. Dieser Brauch ist noch in Patmos und Jerusalem und anderen Klöstern erhalten geblieben, wenn der Abt die Füße seiner Mönchsbrüder wäscht.

Schließlich wurde es in Konstantinopel üblich und wird bis heute in allen autokephalen Kirchen praktiziert, dass an diesem Tag von Zeit zu Zeit die besondere Zeremonie der Weihe des Heiligen Myron gefeiert wird, das im Sakrament des Chrisma (Taufe, Firmung) gebraucht wird.

Am Abend des Großen Donnerstags wird nach der liturgischen Praxis der Orthros des Großen Freitags gesungen. Bei dieser Gelegenheit werden die „Zwölf Evangelien“ (Τα δόδεκα ἐυαγγέλια) feierlich vorgetragen, die die Geschehnisseaus dem irdischen Leben unseres Herrn vom Ende des Abendmahls bis zum Zeitpunkt des Begräbnisses und der Versiegelung des Grabes wiedergeben.
Nach dem fünften Evangelium verkündet der Priester die Kreuzigung, indem er die Verse „Heute hängt am Kreuz ...“ intoniert und eine Prozession mit dem Kreuz vom Altar zur Mitte des Kirchenschiffs führt.
Der Priester stellt das Kreuz vor die Schönen Türen und die Gläubigen kommen und verehren es.

 

Der Große Freitag

ist ohne Frage der heiligste und verehrungswürdigste Tag der Großen und Heiligen Woche, denn er gedenkt des erlösenden Leidens unseres Herrn und Retters Jesus Christus. Am Morgen des Großen Freitags werden die Großen Stunden gesungen, wo Lesungen aus den messianischen Psalmen, den Propheten, den Apostelbriefen und den Evangelien vorgetragen werden, wie auch Perikopen eines jeden Evangelisten, welche sich auf die Passion des Herrn beziehen. Durch diese Lesungen und die Hymnen dazwischen wird das ganze Erlösungswerk des Herrn beredt vergegenwärtigt und die Christen angeregt über die tiefe Bedeutung nachzudenken.

In der Vesper, die sofort nach den ‚Großen Stunden’, etwa zur Mittagszeit, gesungen wird, überlebt noch ein anderer Brauch. Es die Darstellung der feierlichen Abnahme des Leibes des Herrn vom Kreuz durch den Hl. Josef von Arimathea. Die Kreuzabnahme findet statt kurz vor dem Ende der Lesung aus dem Evangelium für die Vesper. Der Priester nimmt die Darstellung des Leibes Christi vom Kreuz ab, wickelt sie in weißes Tuch und trägt sie in den Altarraum, wo er sie auf den Altar legt. Am Schluss der Vesper wird eine mit Goldfäden ausgeführte Stickerei, die den toten Leib des Herrn darstellt, genannt Epitaphios, in feierlicher Prozession durch den Priester aus dem Altarraum in die Mitte der Kirche getragen und auf einen Traghimmel gelegt, der das Heilige Grab darstellt und mit Blumen geschmückt ist.
Dies erinnert an das Begräbnis des Leibes Christi, das für die Sünden der Welt stattgefunden hat. Dadurch werden die Christen an die Tatsache erinnert, dass sie mit Christus begraben wurden, dass sie aber auch mit Ihm auferstehen können zum ewigen Leben in Herrlichkeit.

Am Abend wird der Orthros gesungen, der des Begräbnisses des Leibes des Herrn gedenkt. Mitten in ihm erklingen die „Klagelieder“, die vielleicht bekanntesten und rührendsten Gesänge der Orthodoxie, die vor dem Heiligen Grab gesungen werden. Später, während die letzten Verse der Großen Doxologie ertönen, zieht in feierlicher Prozession alles Volk hinter dem Epitaphios um die Kirche. Schon in diesem Gottesdienst beginnt die Freude der Auferstehung durchzuschimmern, da die vielen Hymnen des Großen Samstags Auferstehungscharakter besitzen. Das ist besonders der Fall in der prophetischen Lesung am Ende des Gottesdienstes, die vom Geschenk der Auferstehung spricht (Ez 37,1-14).

 

Der Große Samstag gedenkt sowohl des Begräbnisses des Leibes Christi als auch Seines Abstiegs in den Hades, wobei der Tod zerstört wurde (die Erste Auferstehung). Die Feier von Vesper und Liturgie Baseilios’ des Großen am Morgen des Großen Samstags ist geprägt von der freudigen Feierlichkeit der Auferstehung. Der Psalm 81,8 „Steh auf, Gott, richte die Erde! Denn Du erbst aus allen Völkern“ ertönt als ein Ruf der Auferstehung in dieser Feier, wenn die Priester dabei als Siegeszeichen Lorbeerblätter im Kirchenschiff über die Gläubigen werfen.

So endet die Große Woche und die Feier des Kreuzespas’cha (Πάσχα Σταυρόσιμον), damit das Auferstehungspas’cha (Πάσχα Aναστάσιμον) beginnen kann.
Das Kreuzespas’cha und das Auferstehungspas’cha sind nicht zwei, sondern eines, als das eine nicht ohne das andere bestehen kann. Beide zusammen bilden das christliche Pas’cha, da der Herr gekreuzigt wurde für die Sünden der Welt und wieder auferstand für die Rechtfertigung der Menschheit.

www.saintjohnthebaptist.org/articles/Pascha2004/htm Übersetzung: G. Wolf



Wir laden ein auf die Web-Seite eines evangelischen Religionspädagogen, der alles weitere auf seiner Web-Seite hervorragend rezipiert hat:

Vorbereitung auf das Ostermysterium


 

HEILIGER und HOHER DONNERSTAG
 

Als die gotterfuellten Juenger
durch die Waschung beim Mahle erleuchtet wurden,
ward Judas durch die Krankheit der Geldgier verfinstert,
und ueberlieferte Dich,
den gerechten Richter an die gesetzlosen Richter.
Siehe, diesen Freund des Geldes,
der um des Geldes willen dem Strick verfiel !
Fliehe die Unersaettlichkeit bis in die Seele,
die solche Dreistigkeit gegen den Meister sich erlaubt.
Allguetiger Herr,
Ehre sei Dir !

Mystisches Abendmahl / Simon Ushakov 1685

Der Hohe Donnerstag fuehrt uns in einer Folge zum Hohen Freitag, von der Heiligen Fusswaschung zum Heiligen Mahl der Mysterien des Herrn und letztlich zum Gebet in Gethsemane und zum Verrat durch Judas und die Ueberlieferung.
In der Nachtwache bis zum fruehen Freitagmorgen werden die 12 Leidensevangelien gelesen.


L E S U N G E N:


- Morgengottesdienst -

Lk 22: 1-39



- 1. Stunde -

Jer 11: 18, 12: 5, 9-11, 14-15



- Abendgottesdienst -

Ex 19: 10-19
Hiob 38: 1-23, 42: 1-5
Jes 50: 4-11



- Liturgie unseres Hl. Vaters BASILIUS -

I. Kor 11: 23-32
Mt 26: 1-20, Joh 13: 3-17
Mt 26: 21-39, Lk 22: 43-45
Mt 26: 40 - 27: 2





Als Teilnehmer am Mahl Deines Mysteriums,
Sohn Gottes, nimm heute mich auf.
Deinen Feinden will ich das Mysterium nicht verraten,
noch Dir einen Kuss geben wie Judas.
Vielmehr will ich mit dem Raeuber bekennen:
" Gedenke meiner, o Herr, in Deinem Reiche !"
+++

Das Brot in den Haenden
streckte der Verraeter diese heimlich aus
und empfing den Lohn fuer den Verrat des Bildners,
der mit liebenden Haenden den Menschen gemacht.
Und unverbesserlich blieb Judas,
der Sklave des Geldes und betruegerische Moerder.

+++

In Ehrfurcht lasset uns alle
dem Tisch der heiligen Mysterien uns nahen,
mit reinen Seelen das Brot zu empfangen,
und zu bleiben beim Meister.
Damit wir schauen
wie Er Selbst die Fuesse waescht seinen Juengern,
und handeln nach dem, was wir gesehen.
Auf dass auch wir uns gegenseitig unterordnen
und einander die Fuesse waschen.
Denn so hat es Christus befohlen Seinen Juengern.
Aber nicht hoerte darauf Judas,
der Sklave des Geldes und betruegerische Moerder !

+++

Wegen der Auferweckung des Lazarus, o Herr, riefen Dir die Kinder der Hebraeer das "Hosanna" zu,
Menschenliebender !
Doch der gesetzlose Judas wollte es nicht begreifen.

Bei Deinem Abendmahle, Christus Gott, sagtest Du deinen Juengern voraus:
Einer von euch wird Mich verraten. -
Doch der gesetzlose Judas wollte es nicht begreifen.

Als Johannes fragte: O Herr, wer ist es, der Dich verraet ?
Da hast Du diesen durch das Brot zu erkennen gegeben. -
Doch der gesetzlose Judas wollte es nicht begreifen.

Fuer dreissig Silberlinge, o Herr,
und nach einem arglistigen Kuss suchte Dein Volk Dich zu toeten. -
Doch der gesetzlose Judas wollte es nicht begreifen.

Bei der Fusswaschung, Christus, Gott,
gebotest Du Deinen Juengern: Tut so, wie ihr es sehet. -
Doch der gesetzlose Judas wollte es nicht begreifen.

Wachet und betet,
auf dass ihr nicht in Versuchung fallet,
so sprachst Du, Christus, Gott, zu Deinen Juengern. -
Doch der gesetzlose Judas wollte es nicht begreifen.

+++

Judas, der Gesetzlose, o Herr,
der beim Mahl die Hand mit Dir in die Schuessel tauchte,
streckte frevelhaft die Haende aus, Geld zu empfangen,
und der den Preis des Myron einschaetzte,
schreckte nicht davor zurueck,
Dich, den Unschaetzbaren, zu verkaufen.
Der die Fuesse entbloesste, dass der Herr sie ihm wasche,
kuesste den Gebieter betruegerisch,
um ihn zu verraten an die Gesetzlosen.
Der dem Chor der Apostel zugezaehlt war
und die dreissig Silberlinge zaehlte.
Er sah Deine Auferstehung nicht.
Durch diese erbarme Dich unser !

+++

Judas war wirklich ein Nachfahre von denen,
die das Manna in der Wueste assen
und doch murrten gegen ihren Ernaehrer.
Als noch die Speise in ihrem Munde war,
verleumdeten die Undankbaren ihren Gott.
Judas, dieser Gottlose aber, das himmlische Brot im Munde,
setzte gegen den Erloeser den Verrat ins Werk.
O der unersaettlichen Begierde,
O der unmenschlichen Dreistigkeit !
Den Ernaehrer bringt er ins Verderben.
Der, den der Herr liebt,
uebergiebt Ihn dem Tod.
Wahrhaft der Nachfahre jener Gesetzlosen war er.
Mit diesen erhielt er als Los das Verderben.
" Du aber, Herr,
erloese unsere Seelen von solcher Unmenschlichkeit,
Du an Langmut ganz Unvergleichlicher !"

+++
Es versammelt sich schon der Hohe Rat,
den Bildner und Schoepfer des Alls
an Pilatus zu ueberliefern.
O die Gesetzlosen ! O die Glaubenslosen !
Sie wollen vor Gericht bringen den,
der kommt, zu richten die Lebendigen und die Toten.
Sie bereiten zum Leiden den,
der die Leiden heilt.
Langmuetiger Herr, gross ist Dein Erbarmen,
Ehre Dir !

+++

Das von Jesaja verkuendete Lamm
begab sich freiwillig zur Schlachtbank.
Er bot dar den Ruecken den Geisselhieben
die Schultern den Wunden.
Sein Antlitz wandte Er nicht ab
vor der Schande des Bespeiens.
Zum schimpflichen Tod wird Er verurteilt.
Alles nimmt der Suendlose willig auf Sich,
um allen zu schenken die Auferstehung von den Toten.




Judaskuss  /Fresko-Ikone aus Ochrid, 1259





 

 

HEILIGER und HOHER FREITAG

Heiliges Kreuz  / Ikone von Nikolai SCHELECHOW

Heute haengt am Kreuz,
der die Erde in Wassern haengen laesst.

Mit einem Kranz aus Dornen wird umwunden
der Koenig der Engel.

Zum Spott wird mit Purpur umhuellt,
der die Himmel umkleidet mit Wolken.

Schlaege erhaelt,
der im Jordan den Adam befreite.

Mit Naegeln wird angeheftet
der Braeutigam der Kirche.

Mit einer Lanze wird durchbohrt
der Sohn der Jungfrau.

Wir verehren Deine Leiden, o Christus.
Wir verehren Deine Leiden, o Christus.
Wir verehren Deine Leiden, o Christus.

Zeige uns auch Deine herrliche Auferstehung !

Heiser: Die Gottesmutter unter dem Kreuz




Der Hohe Freitag wird in der Orthodoxie ohne Liturgie begangen. Schon am Donnerstag beginnt der Vorabend mit den 12 Leidensevangelium zur Nachtwache. Feierliches, oeffentliches Stundengebet (Königsstunden) und Gebetsgottesdienste mit Psalmengesang, Lesungen aus dem Alten und Neuen Testament wie Seligpreisungen fuehren bis zu den Vorbereitungsgebetsgottesdienst vor der Auferstehungsfeier in der Pas´cha-Nacht vom Hohen Samstag zum Ostertag.

Zu unserem Heil weist uns die Orthodoxie auch durch den schraegen Balken des orthodoxen Kreuzes auf die Barmherzigkeit Gottes hin, der auch einem Raeuber noch die Reue in letzter Stunde heilsbringend belohnt. Immerhin wissen wir aus Seinem goettlichen Munde ganz sicher,
dass ein Raeuber mit Ihm in Seinem Reiche ist.

Die Verehrung des Heiligen Kreuzes geschieht im selben Dienst wie die Leidensevangelien, bei der Vesper findet die feierliche Grablegung in der Mitte des Kirchenschiffes statt.

Wir erleben die Gegenwaertigsetzung des Geschehens des Heiligen und Hohen Ruesttags, des heiligen und heilbringenden und entsetzlichen Leidens unseres Herrn und Gottes und Erloesers Jesus Christus, das Er um unseretwillen freiwillig auf Sich nahm: das Anspeien, die Stockschlaege, die Misshandlungen, die Beleidigungen, den Spott, den Purpurmantel, das Rohr, den Schwamm, den Essig, die Naegel, den Speer und vor allem das Kreuz und den Tod.
Das alles geschah am Ruesttag, aber auch die Zusage des Heils am Kreuz an den einsichtigen Raeuber, der mit Ihm gekreuzigt wurde.
(Synaxarion)
In Deiner unfassbaren und unermesslichen Barmherzigkeit, Christus unser Gott, erloese uns. Amin.



L E S U N G E N:


in der Nachtwache am Vorabend:

- 12 Leidensevangelien -

Joh 13:31 - 18:1
Joh 18: 1 - 28
Mt 26: 57 - 75
Joh 18:28 - 19:16
Mt 27: 3 - 32
Mk 15: 16 - 32
Mt 27: 33 - 54
Lk 23: 32 - 49
Joh 19: 25 - 37
Mk 15: 43 - 47
Joh 19: 38 - 42
Mt 27: 62 - 66



- 1. Stunde -

Zach 11: 10-13
Gal 6: 14-18
Mt 27: 1-56



- 3. Stunde -

Jes 50: 4-11
Roem 5: 6-11
Mk 15: 16-41



- 6. Stunde -

Jes 52:13 - 54:1
Hebr 2: 11-18
Lk 23: 32-49



- 9. Stunde -

Jer 11: 18-23; 12: 1-5, 9-11, 14-15
Hebr 10: 19-31
Joh 18:28 - 19:37



- Abendgottesdienst -

Ex 33: 11-23
Hiob 42: 12-16
Jes 52:13 - 54:1

1 Kor 1:18 - 2:2
Mt 27: 1 - 38
Lk 23: 39 - 43
Mt 27: 39 - 54
Joh 19: 31 - 37
Mt 27: 55 - 61



Den Gesetzlosen, die Dich gefangen nahmen,
riefst Du geduldig also zu, Herr:
Wenn ihr auch den Hirten geschlagen und die 12 Schafe, Meine Juenger zerstreut habt,
so koennte Ich mehr als 12 legionen Engel herbeifuehren;
aber ich bin langmuetig,
damit das Verborgene und das Geheime erfuellt werden,
das ich euch durch Meine Propheten offenbart habe.
Herr, Ehre sei Dir !

+++

Heute hat Sein Volk den Herrn ans Kreuz geschlagen,
Ihn, Der das Meer mit dem Stabe geteilt und sie durch die Wueste gefuehrt hatte.
Heute haben sie mit der Lanze durchbohrt die Seite Dessen, Der ihretwegen Aegypten mit Plagen gegeisselt hat;
Galle haben sie zum Trank Dem gegeben, Der ihnen das Manna zur Nahrung regnen liess.

+++

Dies spricht der Herr zu Seinem Volk:
Mein Volk, was habe Ich dir getan ?
Oder wodurch habe Ich dich gekraenkt ?
Deinen Blinden schenke Ich das Licht,
deine Aussaetzigen machte Ich rein.
Den Mann auf dem Bette habe ich aufgerichtet !
Mein Volk, was habe Ich dir getan ?
Und wie vergaltest du es Mir ?
Fuer das Manna gabst du Mir Galle,
fuer das Wasser in der Wueste - Essig am Kreuz;
anstatt Mich zu lieben, habt ihr Mich ans Kreuz genagelt.
Laenger ertrage Ich es nicht mehr:
Rufen will ich Meine Voelker,
und jene werden Mich preisen mit dem Vater und dem Geiste,
und Ich werde ihnen das ewige Leben schenken.

+++
Du hast, Herr, den Raeuber als Weggenossen genommen,
der blutbefleckte Haende hatte,
zu ihm geselle auch uns !
Denn Du bist der Guetige und der Menschenliebende.

+++
Ein kleines Wort hat der Raeuber am Kreuze gesprochen,
er fand seinen grossen Glauben:
in einem Augenblick ward er errettet,
und als erster oeffnete er des Paradieses Pforte und trat hinein.
Der Du seine Reue annahmst,
Herr, Ehre sei Dir !

+++
Durch einen Baum ward Adam aus dem Paradiese verbannt.
Durch den Kreuzesbaum ging der Raeuber in das Paradies.
Denn der eine - Adam - hat durch die Frucht des Apfelbaums gegen das Gebot des Schoepfers verstossen,
der andere - der Raeuber - wurde mitgekreuzigt und bekannte Dich als den verborgenen Gott.
Gedenke auch unser, o Gott, in Deinem Reiche.

+++
Du wurdest um meinetwillen gekreuzigt,
um mir die Vergebung quellen zu lassen.
Deine Seite wurde durchbohrt,
damit Du mir Stroeme des Lebens sprudeln laesst.
Mit Naegeln wurdest Du angeheftet,
damit ich durch die Tiefe Deiner Leiden auf die Groesse Deiner Macht vertraue
und zu Dir rufe:
Lebensspender, Christus,
Ehre sei Deinem Kreuze, o Erloeser, und Deinem Leiden.

+++
Du hast uns losgekauft vom Fluch des Gesetzes
durch Dein kostbares Blut.
An das Kreuz genagelt und von der Lanze durchbohrt,
liessest Du den Menschen die Unsterblichkeit hervorquellen.
Unser Erloeser, Ehre sei Dir !

+++
Als Du, Christus, gekreuzigt wurdest,
ward die Gewaltherrschaft des Todes zerstoert
und die Macht des Feindes ueberwunden.
Denn weder ein Engel noch ein Mensch,
sondern Du Selbst hast uns erloest,
Herr, Ehre sei Dir !

+++
Inmitten der Erde hast Du die Erloesung erwirkt,
Christus, Gott.
Auf das Kreuz hast Du Deine allreinen Haende ausgebreitet,
indem Du alle Voelker versammelst, die da rufen:
Ehre sei Dir !


 

Die Gottesmutter unter dem Kreuz
aus dem Buch von Heiser, Lothar, "Maria in der Christus-Verkündigung des orthodoxen Kirchenjahres", Tyciak, Julius † und Nyssen, Wilhelm † (Hsgb.)

Von den vielen Aspekten des Kreuzesmysteriums, die in den liturgischen Feiern am Karfreitag und Karsamstag von den Gemeinden singend meditiert werden, sollen in den beiden folgenden Abschnitten nur zwei Erwähnung finden: Das Stehen und Ausharren Marias unter dem Kreuz und die Marienklage.

Der Knoten des Ungehorsams der Eva fand seine Lösung durch den Gehorsam Marias. Was nämlich die Jungfrau Eva durch ihren Unglauben verworren hatte, das löste die Jungfrau Maria durch ihren Glauben. . . . War jene Gott ungehorsam, so gehorchte diese willig Gott, damit die Jungfrau Maria zur Fürsprecherin wurde für die Jungfrau Eva. Und wie das Menschengeschlecht durch eine Jungfrau in den Tod verstrickt worden ist, so wird es auch gerettet durch eine Jungfrau. Gleichmäßig wie auf einer Waage wurde der Ungehorsam der Jungfrau aufgewogen durch den Gehorsam der Jungfrau. Ferner wurde ja die Sünde des Erstgeschaffenen durch die Züchtigung des Erstgeborenen wiedergutgemacht und die List der Schlange besiegt durch die Einfalt der Taube. Aber auch jene Fesseln wurden gelöst, mit denen wir an den Tod verstrickt waren.
(Irenäus von Lyon, Widerlegung der Häresien, III, 22,4V,19,1)

In ihrem Glauben und in ihrem Gehorsam assistiert Maria, die neue Eva, dem neuen Adam, dem »Erstgeborenen der ganzen Schöpfung« (Kol 1,15), wenn er diese in seiner Ganzhingabe erneuert. Als Eva, die »Mutter des Lebens«, durch ihren Ungehorsam Adam, den Erstgeschaffenen, zum Nein gegen Gott aufstachelte, verstrickten sie ihre Kinder mit in den Tod der Gottferne. Wenn »der Erstgeborene aus den Toten« (Kol 1,18) sich anschickt, die Macht des Todes durch seinen Tod zu vernichten, steht die neue Eva in Glauben und Gehorsam ihm zur Seite, und er bestellt sie zur Mutter der Erlösten: »Frau, dies ist dein Sohn.... Dies ist deine Mutter« (Joh 19,26 f.).

Eva hatte den Fall Adams und der Menschheit mitverschuldet; Gott will die Erhebung der Menschheit durch den zweiten Adam nicht ohne deren Mitwirkung verwirklichen. Maria ist die Repräsentantin der Menschheit, die als »heiliger Same« aus dem verbliebenen Stumpf (Jes 6,13) ihr Ja zu Gott in die Totalhingabe Jesu an den Vater mit einfließen lässt. So wird sie die neue Mutter des Lebens und die Mutter der Jüngerschaft, die in Johannes unter dem Kreuz versammelt ist und das Kreuz aushält. (Die orthodoxe Kirche, die die von Augustinus geprägte Erbsündenlehre nicht übernommen hat, sieht in diesem Durchhalten das freie Mitwirken des Geschöpfes an der Erlösungstat seines Schöpfers.) In Maria steht die Jungfrau und Mutter Kirche unter dem Kreuz, und in Johannes sind die Söhne und Töchter dieser Kirche versinnbildet, als deren Bräutigam Christus sein Leben hingibt.

In seiner Kreuzesstunde formt sich Christus die neue Eva, die Kirche. Wie aus des ersten Adam Seite Eva gebildet wurde, so fließt aus der geöffneten Seite Christi jene Kraft, die die alte Menschheit reinigt in der Taufe und sie als erneuertes Volk Gottes nährt mit der Eucharistie. Vom Kreuz herab verströmt sich das Leben Christi aus seiner Herzenswunde auf das abgestorbene Leben der Menschheit und erfüllt sie mit göttlichem und unzerstörbaren Leben. Den Wein, den »der wahre Weinstock« (Joh 1,51) symbolhaft bei der Hochzeit zu Kana ausschenkte, wird hier »zum Wein des Heiles«, der in der Eucharistie stets aufs neue gereicht wird.

Die Kirche selbst sendet ihre heiligste Vertreterin und ihr würdigstes Glied unter das Kreuz Christi, damit sie sein Erbarmen für seine sündigen Jünger, ihre Kinder, erflehe und die Gaben der Erlösung, die er der Kirche aus seiner Seite zufließen lässt, entgegennehme.

Da wir unserer vielen Sünden wegen keine Zuversicht haben,
so flehe du, Gottesgebärerin und Jungfrau, zu Dem, Der aus dir geboren wurde.
Denn viel erreicht die Fürbitte der Mutter bei dem Wohlwollen des Gebieters.
Verachte nicht der Sünder Flehen, Allverehrte,
da doch erbarmensreich und voller Macht zu retten Der ist,
Der es auf sich nahm, für uns zu leiden.
(Theotokion der 8. Antiphon am Karfreitagmorgen)

Deine lebenspendende Seite, die sprudelte wie die Quelle in Eden,
tränkt Deine Kirche, Christus,
wie ein geistiges Paradies
und verteilt sich wie in der Urzeit in die vier Evangelien,
die Welt zu bewässern
und die Schöpfung zu erfreuen
und die Heiden zu unterweisen,
dass sie Deine Königsherrschaft anerkennen.

Gekreuzigt wardst Du meinetwegen,
um mir die Vergebung zufließen zu lassen.
Durchbohrt wurdest Du an der Seite,
um mir Ströme des Lebens sprudeln zu lassen.
Mit Nägeln wurdest Du angeheftet,
damit ich bei der Tiefe Deiner Leiden der Höhe Deiner Macht vertraue und zu Dir schreie:
Lebensspender, Christus,
Ehre Deinem Kreuz und, Retter, Deinem Leiden!

Deine Mutter,
Christus,
die im Fleisch ohne Samen Dich gebar,
die Jungfrau in Wahrheit ist und auch nach der Geburt unversehrt blieb,
sie stellen wir als Fürsprecherin vor Dich hin,
Gebieter, Erbarmungsreicher,
der Verfehlungen Vergebung stets denen zu gewähren,
die zu Dir schreien:
Gedenke unser, Retter, in Deinem Reiche!
(Stichera zu den Seligpreisungen am Karfreitagmorgen)

Diese in Hymnen vorgetragenen Gedanken haben auch den Schöpfer des Kreuzigungsbildes inspiriert. Das Sterben Christi wird in seinem kosmischen und ekklesiologischen Bezug gesehen. Die Kirche des Himmels und der Erde hat sich in ihren Vertretern um ihren sterbenden Herrn versammelt. In Entsetzen und Trauer vor dem Mysterium, dass der Schöpfer der Welt von seinen Geschöpfen durch die Hinrichtung am Kreuz vernichtet werden soll, verhüllen die Engel ihr Angesicht. Ratlosigkeit hat den Jünger erfasst, der sein Haupt mit der Hand stützt, aber in Treue unter dem Kreuz durchhält. Fragend und wie in stummer Zwiesprache schaut Maria ins sterbende Antlitz ihres Sohnes; aus seiner geöffneten Seite lässt er ihr die beiden Ströme von Wasser und Blut entgegenquellen, damit sie sie als Kirche in dem reinigenden und erneuernden Sakrament der Taufe und im nährenden und erhaltenden Sakrament der Eucharistie weiterfließen lasse an alle, für die er sich in seiner Liebe verschenkt hat. »Es gibt keine größere Liebe als die, wenn einer sein Leben gibt für seine Freunde« (Joh 15,13).

Heiser, Lothar, Maria in der Christus-Verkündigung des orthodoxen Kirchenjahres, Tyciak, Julius † und Nyssen, Wilhelm † (Hsgb.), Sophia, Quellen östlicher Theologie, Bd. 20, Trier 1981, S. 271 hier aus St.Andreas Bote




 

HEILIGER und HOHER SAMSTAG

Anastasis (Hoellenfahrt Christi) und Passion  /Ikone Zentralrussland 19.Jhdt.

Als Du hinabkamst zum Tode,
Du unsterbliches Leben,
da hast Du den Hades getoetet
durch den Blitzstrahl der Gottheit.

Als Du aber auch die Verstorbenen
aus der Unterwelt auferweckt hast,
da haben alle Maechte der Himmlischen gerufen:
Lebensspender, Christus unser Gott,
Ehre Dir !



Der Hohe Samstag beginnt wie alle Tage am Vorabend, Freitag abend. Waehrend des Orthros werden die Gefuehle der Frauen am Grabe nachempfunden. Nach den Laudespsalmen und der Kleinen Doxologie wird das Grabtuch mit der eingestickten Darstellung des Leichnams des Herrn unter dem Gesang des Trisagions in einer Prozession um die Kirche getragen und zurueck in den Altarraum getragen. Hier wird es nach dreimaligem Umgang von den Zelebranten auf den Heiligen Tisch gelegt, waehrend die Troparien des Tages gesungen werden.
Die Vesper des Heiligen und Hohen Samstags wird mit der Basilius-Liturgie verbunden. Christi Niedersteigen in den Hades und Sein Sieg ueber den Tod werden vergegenwaertigt. In der Vesper werden vor Apostellesung und Evangelium 15 alttestamentliche Lesungen vorgetragen, waehrenddessen in alter Zeit die Taufen vollzogen wurden.

Danach wird die Auferstehungsnacht vorbereitet.


L E S U N G E N:


- Morgengottesdienst -

Jes 37: 1-14
I. Kor 5: 6-8
Gal 3: 13-14
Mt 27: 62-66



- Abendgottesdienst -

Gen 1: 1-13
Jes 60: 1-16
Ex 12: 1-11
Buch Jona 1:1 - 4:11
Josua 5: 10-15
Ex 13:20 - 15:19
Zefanja 3: 8-15
III Koen 17: 8-23
Jes 61:10 - 62:15
Gen 22: 1-18
Jes 61: 1-9
IV Koen 4: 8-37
Jes 63: 1-9, 64: 1-5
Jer 31: 31-34
Dan 3: 1-23 und das Lied der Heiligen Kinder
III Koen 17: 8-23



- Liturgie unseres Hl. Vaters Basilius -

Roem 6: 3-11
Mt 28: 1-20



Am Heiligen und Hohen Samstag feiern wir die Grabesruhe und das Hinabsteigen in den Hades unseres Herrn und Gottes und Erloesers Jesus Christus, durch den die Vergaenglichkeit unseres Menschengeschlechts verwandelt worden ist in ewiges Leben.
Durch Dein unsagbares Hinabsteigen mit uns in den Hades, Christus unser Gott,
erloese uns.
Amin (Synaxarion)

+++
Der den Abgrund verriegelt,
erscheint als Toter,
in Linnen mit Myrrhe gehuellt.
Wie ein Sterblicher wird der Unsterbliche ins Grab gelegt.
Die Frauen aber, die kamen, Ihn zu salben,
weinten bitterlich und riefen:
"Dies ist der Sabbat, der hochgesegnete,
an dem Christus vom Schlag erwacht
und auferstehen wird am dritten Tag !"

+++
Der Du die Enden der Erde zusammenhaeltst,
liessest Dich einschliessen ins enge Grab,
damit Du vom Fall in den Hades
die Menschen erloesest,
und uns schenkest ewiges Leben,
unsterblicher Gott.

+++
Heute ruft stoehnend der Hades:
"Besser wäre mir gewesen,
ich haette den von Maria Geborenen nicht aufgenommen.
Denn, da Er zu mir kam,
hat Er meine Macht gebrochen,
die ehernen Tore zertruemmert,
die Seelen, die ich einst besass,
hat Er als Gott auferweckt !"
Ehre, Herr, Deinem Kreuz und Deiner Auferstehung !

+++
Heute ruft stoehnend der Hades:
"Vernichtet ist meine Macht.
Ich empfing den Toten wie einen Sterblichen.
Aber ich vermag Ihn nicht gefangen zu halten.
Vielmehr verliere ich die,
ueber welche ich herrschte.
Ich hatte die Toten von der Urzeit her.
Doch siehe, dieser erweckt alle !"
Ehre, Herr, Deinem Kreuz und Deiner Auferstehung !

+++
Heute ruft stoehnend der Hades:
"Aufgezehrt ist meine Macht.
Der Hirte ward gekreuzigt und erweckte den Adam.
Ueber die ich herrschte, derer wurde ich beraubt.
Die ich verschlang in meiner Staerke,
habe ich ausgespien allesamt.
Leer gemacht hat die Graeber der Gekreuzigte.
Schwach geworden ist die Macht des Todes !"
Ehre, Herr, Deinem Kreuz und Deiner Auferstehung !

+++
Es schweige alles sterbliche Fleisch
und stehe mit Furcht und Zittern
und sinne auf nichts Irdisches,
denn der Koenig der Koenige
und der Herr der Herrscher
kommt als Opfer geschlachtet zu werden,
gegeben als Nahrung den Glaeubigen.

Ihm voran gehen die Choere der Engel
mit allen Maechten und Gewalten,
die vielaeugigen Cherubim,
die sechsfluegeligen Seraphim,
sie verhuellen ihr Angesicht
und rufen den Hymnus
Alleluja, alleluja, alleluja !




Der edle Joseph
nahm ab vom Kreuzesholz Deinen allreinen Leib,
huellte ihn in reines Linnen,
bedeckte ihn mit wohlriechenden Kraeutern
und legte ihn in ein neues Grab.

 

 

Engel verkuendet die Auferstehung den Frauen - zeitgen.Ikone von Leonid USPENSKY Die Apostel am Grab nach der Verkuendung der Auferstehung durch die Frauen - zeitgen.Ikone von Leonid USPENSKY

 

 


 

HEILIGER und HOHER HERRENTAG des PAS´CHA
der AUFERSTEHUNGSTAG
FEST der FESTE

AUFERSTEHUNG  /Zeitgen. Ikone von Antonina Ganina
CHRISTUS IST ERSTANDEN

VON DEN TOTEN,

HAT DEN TOD

DURCH DEN TOD ZERTRETEN

UND DENEN IN DEN GRAEBERN

DAS LEBEN GESCHENKT !



 

Osterbotschaft S.Hl. des Patriarchen ALEKSIJ II von Moskau und der ganzen Rus´
Metropolit MICHAEL (Staikos) von Austria: Christus ist erstanden: Ostersonntag
Metropolit AUGOUSTINOS (Lambardakis) von Deutschland: Osterpredikt 2004
Bischof HILARION von Wien und Österreich: Osterbotschaft 2004

Bischof HILARION von Wien und Österreich: Ostern ist immer

Philipp Harnoncourt: Auf dem Weg zum leeren Grab
Martin Petzold: Zur Fülle der Freude in den Gottesdiensten der Ostertage


Predigt unseres Vaters unter den Heiligen
JOHANNES CHRYSOSTOMUS
zum heiligen und strahlenden, herrlichen und erlösenden Tag der Auferstehung Christi, unseres Gottes:


Wenn jemand fromm und gottliebend ist,
komme und erquicke er sich an dieser schoenen und glaenzenden Feier.

Wenn jemand ein wohlgesinnter Anhaenger ist,
gehe er froehlich ein in die Freude seines Herrn.

Wenn jemand sich beim Fasten abgemueht hat,
empfange er jetzt nach seinem Verdienst.

Wenn jemand von der ersten Stunde an gearbeitet hat,
empfange er heute seinen gerechten Lohn.

Wenn jemand nach der dritten Stunde gekommen ist,
feiere er dankend.

Wenn jemand zur sechsten Stunde angelangt ist,
so zweifle er nicht,
denn er wird nichts missen.

Wenn jemand bis in die neunte Stunde saeumte,
trete er unverzagt hinzu, ohne sich zu fuerchten.

Wenn jemand erst zur elften Stunde eingelangt ist,
fuerchte er sich nicht ob seiner Saumseligkeit.
Denn der Gebieter ist freigebig
und nimmt den Letzten auf wie den Ersten.
Er erquickt den, der um die elfte Stunde gekommen ist,
ebenso wie den, der von der ersten Tagesstunde an gearbeitet hat.

Zum spaeter Kommenden ist Er gnaedig
und freundlich zu dem Ersten.
Jenem schenkt Er
und diesen belohnt Er.

Die Werke nimmt Er an
und die Absicht lobt Er.
Die Tat ehrt Er
und der Entschluss ist Ihm willkommen.

Gehet also in die Freude unseres Herrn ein, ihr Alle.
Die Ersten und die Letzten:
empfanget den Lohn.

Die Reichen und die Armen,
freut euch miteinander.
Ausdauernde und Nachlaessige,
ehret den Tag.

Die ihr gefastet und die ihr nicht gefastet habt;
freuet euch heute.

Der Tisch ist beladen, geniesset alle.
Das Kalb ist gemaestet, niemand gehe hungrig hinaus.
Alle geniesset vom Gastmahl des Glaubens.
Alle geniesset vom Reichtum der Guete.

Niemand beklage Armut, denn erschienen ist das gemeinsame Reich.
Niemand betrauere die Uebertretungen, denn die Vergebung ist aus dem Grabe aufgestrahlt.
Niemand fuerchte den Tod, denn des Erloesers Tod hat uns befreit.

Vernichtet hat den Tod, Der von ihm umfangen ward.
Die Beute hat dem Hades abgenommen, Der zu ihm herabkam.
Er liess Bitterkeit erfahren ihn, der gekostet hat von Seinem Fleische.

Diese vorausschauend rief Isaja aus:
"Der Hades, ´spricht er,´ war voll Bitterkeit, als er Dir unten begegnete´."
Er war voll Bitterkeit, denn er war verhoehnt;
er ward voll Bitterkeit, denn er ward hinweggerafft;
er war voll Bitterkeit, denn er wurde gefesselt.
Er nahm den Leib und geriet an Gott.
Er nahm die Erde und traf auf den Himmel.
Er nahm, was er sah, und fiel durch das, was er nicht sah.

Tod, wo ist dein Stachel ?
Hades, wo ist dein Sieg ?
Auferstanden ist Christus und du bist gestuerzt.
Auferstanden ist Christus und gefallen sind die Daemonen.
Auferstanden ist Christus und die Engel freuen sich.
Auferstanden ist Christus und das Leben triumphiert.
Auferstanden ist Christus und kein Toter im Grabe.

Denn Christus ist von den Toten auferstanden,
der Erstling der Entschlafenen geworden.

Ihm sei die Ehre und die Macht in alle Ewigkeit.
Amin.

 

Pas´cha heisst Uebergang vom Tod zum Leben, von der Finsternis zum Licht.
Dieser Uebergang geschieht mit der Auferstehung des Herrn und Erloesers fuer alle, die an Ihn glauben und durch die Taufe mit Ihm ein Leib sind.
Nach dem Ruf "CHRISTUS ist AUFERSTANDEN !" des Priesters und der Verbreitung des Auferstehungslichtes vom Altar an alle Glaeubigen beginnt der Jubelgesang, der dann die gesamte Liturgie ueber anhaelt:

Deine Auferstehung, Christus Erloeser,
besingen die Engel in den Himmeln;
wuerdige auch uns auf Erden,
reinen Herzens Dich zu loben.

ooo
Auferstehungstag !
Lasset uns Licht werden, Ihr Voelker !
Das Pas´cha, des Herrn Pas´cha !
Denn vom Tode zum Leben
und von der Erde zum Himmel
hat Christus, unser Gott, uns hindurchgefuehrt,
uns, die wir das Siegeslied singen:

Christus erstand von den Toten !

ooo
Lasset uns die Sinne reinigen
so werden wir Christus strahlen sehen
im unnahbaren Lichte der Auferstehung
und deutlich Ihn rufen hoeren:
"Freuet euch !",
wir, die wir das Siegeslied singen.

Christus erstand von den Toten !

ooo
Die Himmel moegen sich freuen,
die Erde jubeln
und feiern die ganze Welt,
die sichtbare und die unsichtbare,
denn Christus ist erwacht.
Ewige Freude !

Christus erstand von den Toten !

ooo

CHRISTUS IST ERSTANDEN
VON DEN TOTEN,
HAT DEN TOD
DURCH DEN TOD ZERTRETEN
UND DENEN IN DEN GRAEBERN
DAS LEBEN GESCHENKT !

ooo

Lasset uns trinken den neuen Trank,
nicht aus unfruchtbarem Felsen
durch Zeichen hervorgebracht,
sondern aus der Unverweslichkeit Quelle,
da aus dem Grabe, aus dem wir kommen,
uns Christus Leben schenkt.

Christus erstand von den Toten !

ooo
Nun ist alles mit Licht erfuellt,
Himmel und Erde und Totenwelt,
die ganze Schoepfung feiert Christi Erwachen,
in dem sie gegruendet ist.

Christus erstand von den Toten !

ooo
Gestern ward ich begraben mit Dir, Christus;
heute bin ich auferweckt mit Dir, dem Auferstandenen.
Du selbst, Erloeser, verherrliche mich mit Dir
in Deinem Reiche.

Christus erstand von den Toten !

ooo
Als die dem Morgen zuvorkommenden Gefaehrtinnen Marias
den Stein weggewaelzt fanden vom Grabe,
hoerten sie vom Engel:
"Den, der in immerwaehrendem Lichte ist,
was suchet ihr Ihn bei den Toten wie einen Menschen ?
Blicket auf die Grablinnen,
eilet, verkuendet der Welt,
dass auferstanden ist der Herr,
nachdem Er den Tod getoetet.
Denn Er ist der Sohn Gottes,
der Erloeser des Menschengeschlechtes."
ooo
Wie ein einjaehriges Lamm,
das willig den Opferkranz traegt, Christus,
ist Er fuer alle geopfert worden,
das reinigende Pas´cha;
es leuchtet aus dem Grab uns hervor,
die Sonne der Gerechtigkeit.

Christus erstand von den Toten !

ooo
Du fuhrest hinunter
in die Tiefen der Erde, Christus,
und zerbrachest die ewigen Riegel
und der Gefesselten Ketten;
und nach drei Tagen,
wie Jonas aus dem Fische,
erstandest Du aus dem Grabe.

Christus erstand von den Toten !

ooo
Mein Erloeser,
Du lebendiges und nicht im Tode verbliebenes Opfer,
als Gott hast Du Dich Selbst dem Vater dargebracht
und mit auferweckt Adam, den Urahnen aller,
Du Auferstandener aus dem Grabe !

Christus erstand von den Toten !

ooo
Des Todes Toetung,
des Hades Vernichtung,
den Anfang des neuen,
des ewigen Lebens begehen wir festlich.
Im Tanze besingen wir den Urheber in Hymnen,
der allein ist gesegnet,
der Gott der Vaeter, und hochverherrlicht.

Christus erstand von den Toten !

ooo
In Wahrheit heilig
und allgefeiert
ist diese heilbringende, lichtglaenzende Nacht.
Sie ist Vorbote des hellstrahlenden Tages der Auferstehung,
in der das urewige Licht
leiblich hervorleuchtet aus dem Grabe allen.

Christus erstand von den Toten !

ooo
O grosses, o heiligstes Pas´cha, Christus,
o Weisheit und Wort Gottes und Kraft !
gib, dass wir wahrer noch teilhaben an Dir
am abendlosen Tage Deines Reiches !

ooo

ooo

ooo

Das Freudenpas´cha,
das Pas´cha des Herrn, das Pas´cha,
das hochhehre Pas´cha
ist aufgegangen, das Pas´cha !
Umarmen wir einander in Freude !
O Pas´cha, Du Erloeser von Trauer !
Aus dem Grabe strahlt heute hervor
wie aus einem Brautgemach
Christus, der die Frauen erfuellte mit Freude,
indem Er sprach:
"Bringet Kunde den Aposteln !"

ooo

AUFERSTEHUNGSTAG !

Lasset uns Licht werden an diesem Feste,
lasset uns einander umarmen,
lasset uns "Brueder!" sagen auch denen, die uns hassen,
lasset uns alles vergeben ob der Auferstehung und rufen:

ooo

CHRISTUS IST ERSTANDEN

VON DEN TOTEN,

HAT DEN TOD

DURCH DEN TOD ZERTRETEN

UND DENEN IN DEN GRAEBERN

DAS LEBEN GESCHENKT !


 

Christus ist erstanden: Ostersonntag
aus dem Buch "Auferstehung - von erlebter orthodoxer Spiritualität"
von
Metropolit MICHAEL (Staikos), Metropolit von Austria, Wien

Die Kirche jubelt. Und die Osterikone verdeutlicht das wohl tiefste aller Glaubensgeheimnisse. In ihrer Grundform bleibt sie immer gleich: Adam wird aus der Unterwelt geholt. Christus ergreift seine Hand, in manchen Darstellungen auch die von Eva, er hält sie und lässt den – oder die – Gefallenen mit auferstehen.

Hände halten einander. Vielleicht ruft gerade diese Ikone im Westen kein Fremdgefühl hervor, vielleicht ist sie deshalb so beliebt, weil sie thematisch an Michelangelos Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle erinnert, dessen Zentrum ja die Berührung der schöpferischen Hand Gottes mit der Hand des Menschen ist. Oder, weil die katholischen Christen zu Ostern dem Erstandenen dieses Lied singen: „Der Sieger führt die Scharen, die lang gefangen waren, in seines Vaters Reich empor, das Adam sich und uns verlor...“

Der spirituelle Gehalt dieser Ikone ist ein sehr pragmatischer, wenn auch kein rationalistischer, wie wir ihn auf westlichen Auferstehungs-Darstellungen finden. Westliche Bilder zeigen fast immer diese Szene: Das Grab öffnet sich, die Soldaten erschrecken, Christus ersteht mit einer Fahne in der Hand ... Die Orthodoxe Kirche wurde, besonders im 19. Jahrhundert, von derlei Bildern sehr irritiert, weil sie Versuche sind, das Unverständliche zu verstehen, das Unerklärliche erklären zu wollen. Sobald wir aber das Unverständliche verstehen und das Unerklärliche erklären können, brauchen wir kein Mysterium. Denn dieses beginnt ja genau dort, wo der menschliche Verstand aufhört und die Augen, die Ohren, die Sinne der Seele und des Geistes anfangen. Ein größeres Mysterium als die Auferstehung Christi gibt es nicht. Dieses Mysterium ist die Grundlage aller Geheimnisse der Kirche.

Im Gegensatz zu den westlichen Darstellungen ist das orthodoxe Auferstehungsbild ein erlösendes, und die Osterikone trägt den Namen „Das Hinabsteigen Christi in die Unterwelt“.

„Du stiegst bis in die tiefste Erde hinab und zerbrachst die ewigen Riegel, die festhielten die Gequälten, Christus, und nach drei Tagen, wie Jonas aus dem Ungeheuer, stiegst du herauf aus dem Grab.“


Das Fest der Feste bedeutet in der Orthodoxie praktisch die Erfüllung des Planes Gottes, sein Geschöpf nicht zu behandeln wie eine Uhr, die irgendwann aufgezogen und danach ihrem Schicksal überlassen bleibt, sondern die fortwährend gewartet wird. Einen Schöpfer, der sein Geschöpf alleinzulassen gedenkt, kennen wir nicht, dafür aber einen, der sein Geschöpf ununterbrochen begleitet, ohne die von ihm geschenkte Freiheit beeinträchtigen zu wollen. In diesem Sinne ist der Höhepunkt aller Feiertage des Jahres auf den Ostersonntag konzentriert, während alle übrigen – Weihnachten, die Taufe Christi usw. – den Weg dorthin bilden. Den Weg zur Erlösung, zur Auferstehung.

Selbst der Karfreitag ist eine Station dorthin. Deshalb endet auch der Passionshymnus „Heute hängt am Holz ...“ mit dem Vers: „Wir beten deine Passion an, zeige uns aber auch deine glorreiche Auferstehung“, das heißt: „Wir beten dein Kreuz an, und wir verherrlichen deine Auferstehung.“ Sie ist das Ziel der Ziele, jedem erreichbar, nichts und niemanden ausschließend.

Genau das bringt die Auferstehungsikone zum Ausdruck: Die Tore zum Hades zerschlägt Christus, er steigt herab in den Hades, um Adam und Eva, stellvertretend für alle Männer und Frauen (oder nur Adam, stellvertretend für das gesamte Menschengeschlecht) herauszuholen zur Auferstehung. Zusammen mit allen Gerechten, mit allen Heiligen, mit allen Menschen, die gerettet werden müssen. Mit allen Nachkommen von Adam und Eva, ob heilig oder nicht, das ganze Menschengeschlecht.

Es gibt einen Brauch, der das Geschehen symbolisch innerhalb der Liturgie zum Ausdruck bringen soll. Er entstammt dem zypriotischen Brauchtum, ist aber auch in anderen griechischen Gegenden lebendig und wurde von den Zyprioten auch in Wien eingeführt: Am Morgen des Karsamstag, beim ersten Auferstehungsgottesdienst, wird gesungen: „Erheb dich, Gott, und richte die Erde! Denn alle Völker werden dein Erbteil sein“ (Ps 82,8).Und während der Priester mit der Auferstehungsikone aus dem dunklen Altarraum tritt, während erstmals die Glocken läuten und Lorbeerblätter als Zeichen des Sieges gestreut werden, fangen die Gläubigen an, mit verschiedenen Gegenständen Lärm zu schlagen. Kinder, Alte, Jugendliche, sie alle klopfen auf die Stühle, schlagen metallene Gegenstände aneinander, hantieren mit allem, was klirrt und klappert, bis ein unvorstellbarer Lärm die Kirche erfüllt. Gemeint ist jener Lärm, der entsteht, wenn Christus die Tore zum Hades zerschlägt. (Man sieht auch auf der Ikone die beiden Tore kreuzförmig übereinanderliegen.)

Diese Szene, in welcher der Priester singt, die Glocken läuten und das Volk Lärm aller Art erzeugt, war hierorts unbekannt, hat sich aber so stark etabliert, daß dieser Morgengottesdienst heute zu den beliebtesten des Jahres gehört. Die Kirche ist voll, man hat sich diesen Brauch unterdessen allgemein angeeignet.

Das beweist folgendes. Wenn man die offizielle Lehre der Kirche, die sich selbstverständlich nicht modifizieren lässt im Hinblick auf die Verstehensmöglichkeiten der Gläubigen, auf eine menschliche Art und Weise unterstützt, wenn man zulässt, diese Lehre auf menschliche Art und Weise auszudrücken, dann bleibt genügend „Verstehensraum“ für die Gläubigen.

Lärm und Feuer, dabei entsteht oft eine Stimmung, die man nicht rational erfassen kann. Und die Kirche lässt ihr freien Lauf. Denn die „Stimmung“ läuft ja auf Frömmigkeit hinaus, ohne Frömmigkeit entstünde sie überhaupt nicht. Wenn der Mensch durch strenge Liturgien, durch Ikonen, durch Mysterien immer nur gezügelt wird, dann muss er irgendwann jenen freien Raum finden, der nicht minder seine Religiosität zum Ausdruck bringt: Ostern ist ein Fest, das offen gezeigte Freude geradezu herausfordert. Deshalb singt die Kirche:

„Tag der Auferstehung, an dem wir erglänzen und einander in Festfreude umarmen. Sagen wir es, Brüder, auch denen, die uns hassen, verzeihen wir allen der Auferstehung wegen, und lasst uns rufen: Christ ist von den Toten erstanden, den Tod durch den Tod zertretend und denen in den Gräbern das Leben schenkend.“

Und der Kirchenvater, der heilige Johannes Chrysostomos (+ 14.9.407 in der Verbannung), vermittelt die Freude der Kirche in seiner Katechetischen Rede zum Ostersonntag, die zum festlichen Abschluss der Osterliturgie gehört ...

Also bezeugen Osterikone und Hymnen des Festes nicht nur die Rettung des ganzen Menschengeschlechts. Sie unterstreichen auch den besonderen Charakter der Gemeinschaft aller Gläubigen.

Metropolit Staikos, Auferstehung, von erlebter orthodoxer Spiritualität, Wien 2000, S. 108 ff.
hier aus St.Andreas Bote

 

Osterpredigt S.E. des Metropoliten Augoustinos
in der Ev.-Luth. Matthäus Kirche in München
im Rahmen der gemeinsamen Ostervesper aller Christen der ACK
am Ostersonntag, 11. April 2004 um 18.00 Uhr

Christos anesti - alithos anesti!

Christus ist erstanden - Er ist wahrhaftig auferstanden!

So grüßten sich die frühen Christen zum Fest der Auferstehung Christi, und so grüßen sich noch heute unsere orthodoxen Gläubigen während der vierzig Tage zwischen Ostern und dem Fest der Himmelfahrt Christi.

Wenn ich Ihnen heute am Osterfest, das in diesem Jahr alle Christen am selben Tag feiern, diesen Gruß zurufe, so soll das mehr sein als eine alte ehrwürdige Sitte, – es ist ein Ruf der Glaubensfreude und der zuversichtlichen Hoffnung für die Überwindung des Todes auch für uns.

Heutzutage rühmen wir uns der Tatsache, dass wir – mindestens in Deutschland – in einer pluralistischen Gesellschaft mit interkulturellem Austausch leben. Gewiss ist es erfreulich, dass die Zeiten eines kämpferischen Gegeneinander zwischen Glaubensgemeinschaften und Religionen überwunden scheinen und dem Bemühen um ein friedvolles Miteinander zu weichen.

Andererseits habe ich oft die Befürchtung, dass Unterschiede, die nach wie vor zwischen uns bestehen, zu schnell übersehen und oberflächlich übergangen werden. Toleranz darf ja nicht zur Gleichmacherei führen, und Kultur hat zwar ursprünglich etwas mit Kultus zu tun, dennoch ist eine religiöse Wahrheit etwas anderes und mehr als Kultur und eine interkulturelle Gemeinschaft noch längst nicht die wahre Gemeinschaft der Gläubigen.

Und deshalb möchte ich es am heutigen Ostersonntag noch einmal und ausdrücklich sagen: Christus ist auferstanden von den Toten; er hat den Tod durch den Tod zertreten und denen in den Gräbern das Leben geschenkt! Das ist der Siegesruf der Christen! Und das ist es, was den christlichen Glauben von allen anderen Religionen ganz wesentlich unterscheidet und zu etwas Besonderem macht, – nämlich: dass Gott in Christus Mensch wurde, dass der Gottessohn sogar den Tod auf sich nahm, ihn überwand und vom Tode auferstand und damit die Menschen aus Sünde und Grab zu Gott emporzog und in die göttliche Gemeinschaft zurückbrachte. Diese Botschaft sind wir einer Welt schuldig, die sich nach Erlösung vom Tode und nach einem Leben in Frieden sehnt. Ehe wir allerdings diese Botschaft der Welt bringen können, muss sie in unserem eigenen Leben richtunggebend sein und verwirklicht werden. Nur so werden wir zu glaubhaften Zeugen des Auferstandenen.

Dabei kann uns das Evangelium helfen, das wir eben gehört haben. Es führt uns mitten in das Ostergeschehen hinein, wie es uns im Johannesevangelium berichtet wird.

Dort bringt Maria von Magdala nach dem ersten Erschrecken über das leere Grab den Aposteln die Nachricht, dass der Leichnam Jesu weggebracht worden sei. Petrus und Johannes überzeugen sich selbst davon, dass das Grab tatsächlich leer ist. Sie verstehen noch nicht, was das zu bedeuten hat, und kehren wieder um. Maria aber bleibt weinend am Grabe und erlebt dort die erste Erscheinung des auferstandenen Herrn. Er gibt ihr den Auftrag: “Gehe hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott” (Joh 20,17).

Sollen damit die Jünger vorbereitet werden auf die Erscheinung des Auferstandenen in ihrem Kreis? Das mag sein. Auf jeden Fall sollen sie sich an das erinnern – und wir mit ihnen – , was Jesus ihnen vor seinem Leiden sagte: “Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; wiederum verlasse ich die Welt und gehe zum Vater” (Joh 16,28), und an anderer Stelle: “…ihr werdet traurig sein, aber eure Traurigkeit soll in Freude verkehrt werden…ich will euch wiedersehen und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen” (Joh 16,20.22).

Nun ist die Stunde des Wiedersehens und der Freude da. Der Auferstandene tritt mit dem Friedensgruß mitten unter die Jünger. Sie sind frei von Schrecken und Furcht. Er zeigt ihnen seine Wunden an den Händen und in der Seite, und sie werden froh, dass sie den Herrn sehen!

Einst hatte Jesus zum Vater gebetet: “So wie du mich gesandt hast in die Welt, so sende ich auch sie in die Welt” (Joh 17,18). Jetzt ist mit dem Tag der Auferstehung zugleich der Tag der Sendung gekommen. Der Auferstandene ist der Erhöhte, der den Aposteln zur Erfüllung ihres Auftrages den lebendigen Atem des göttlichen Geistes einhaucht. Es findet ein geistlicher Schöpfungsakt statt, der die Jünger zu göttlichen Zeugen macht, damit “der Welt die Augen geöffnet werden über die Sünde, über die Gerechtigkeit und das Gericht” (Joh 16,8). Für den Evangelisten sind Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten, – sind Auferstehung, Erhöhung und Geistverleihung untrennbar miteinander verbunden.

In diesen Höhen des Heilsgeschehens gipfelt die Aussage der Evangeliumsbotschaft. “Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen”, sagt Jesus Christus (Joh 5,24). Das erfüllt sich im Sendungsauftrag des Auferstandenen an die Apostel. Die Geistverleihung wirkt eine Vollmacht zur Sündenvergebung. Und wie einst beim Wirken Jesu ist der vertrauende Glaube an den Gottessohn Voraussetzung für die Vergebung der Sünde. Hier setzt sich das innerweltliche Gericht fort, das mit der Gestalt Jesu in die Welt kam. An Jesus Christus scheiden sich die Geister und das um so mehr und ausdrücklicher, nachdem er Sünde und Tod überwunden hat.

Vielleicht ist es für uns ungewohnt, die Auferstehung Jesu Christi so eingefügt zu sehen in das gesamte Heilsgeschehen. Und zwar in ein Heilsgeschehen, an dem bereits am Ostertag die Apostel beteiligt werden und mitwirken sollen, damit die Welt an den ewig lebendigen Gott glaubt.

Das Evangelium verschweigt uns nicht, dass ein solcher Glaube nicht selbstverständlich ist. So will sich der Apostel Thomas nur von dem leibhaft Auferstandenen überzeugen lassen! Jesus geht darauf ein und hat dabei auch die im Blick, die künftig durch das Wort der Apostel an ihn glauben werden, so wie er bei seinem Vater für diejenigen betet, die durch das Zeugnis der Jünger zum Glauben kommen (Joh 17,20). Hier sind auch wir bereits mit gemeint; wobei wir lernen, dass der Glaubenszweifel keine Erscheinung nur der aufgeklärten Moderne ist, sondern uns bereits im engsten Kreis der Apostel begegnet. Was uns heute hemmt, an den auferstandenen Herrn zu glauben, sind ja tatsächlich viel weniger unsere naturwissenschaftlichen Kenntnisse und das neuzeitliche Denken als vielmehr unser Unwissen über den Gottessohn, unser Unverständnis den Geheimnissen Gottes gegenüber. Es ist unser träges Herz, das sich nicht aus den eigenen begrenzten Vorstellungen lösen kann. Wir verschließen uns den göttlichen Erfahrungen, die wir machen dürfen und sollen, und deshalb kann sich der Zweifel einschleichen und einen befreienden Glauben verhindern.

Damit wir aber aus unserem Zweifel nicht in Verzweiflung fallen, sollen wir dem Apostel Thomas folgen, der auf das Wort des Auferstandenen hin alle Fragen und allen Kleinmut hinter sich lässt. In dem lebendigen Jesus Christus erkennt und bekennt er seinen Herrn und Gott!

Das ist ein christliches Glaubensbekenntnis, das nicht überboten werden kann. Dieser vom Tode erstandene Jesus von Nazareth offenbart sich als wahrer Gott und wird von seinem Jünger als Gott angerufen und ausgerufen! Die Lichtspur der Göttlichkeit Jesu Christi zieht sich durch das ganze Johannesevangelium und findet in der Ostergeschichte einen unvergleichlichen Höhepunkt. Das Licht der Welt, der Gnadenbringer und Erlöser von göttlicher Art, der im Anfang des Evangeliums Mensch wurde in dieser Welt, offenbart sich nun seinen Aposteln als Sieger über Sünde und Tod, als Herr und Gott.

Wir öffnen unsere Augen und Ohren so vielen Dingen, unzählige Ideen und Gedanken dringen tagtäglich ein in unser Denken und Fühlen, – schließen wir doch unser Herz vor allem dem Glauben weit auf, damit wir die erlösende Botschaft der Auferstehungszeugen empfangen! Wenn irgendetwas in dieser Welt Vertrauen verdient, dann doch das Evangelium, die “Gute Nachricht” von der Überwindung des Bösen und dem Sieg des Lebens über den Tod.

Dann können wir selbst zu Zeugen des auferstandenen und erhöhten Herrn werden und dürfen mitwirken an Gottes Heilsgeschichte zur Rettung der Welt, – so wie es im Evangelium geschrieben steht, “dass Christus musste leiden und auferstehen von den Toten am dritten Tag und dass gepredigt werden muss in seinem Namen die Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern” ( Lk 24,46.47).

Gott schenke uns allen die wahre Osterfreude und erhalte uns die lebendige Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten!

Amen.

Metropolit Augoustinos von Deutschland und Exarch von Zentraleuropa

 

 

 

Osterbotschaft 2004 des Bischofs von Wien und Österreich Hilarion, an die hochwürdigen Seelsorger und die gottgeliebten Gläubigen der Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche von Wien und Österreich

Im Herrn geliebte Väter, Brüder und Schwestern! Christus ist auferstanden!

Heute feiert die gesamte christliche Welt die Auferstehung Christi. Heute herrscht in jeder Kirche, in jeder Familie Freude über den Herrn Jesus Christus, der um unserer Erlösung willen gelitten hat und auferstanden ist.

An diesem "Fest der Feste" hören wir den an uns gerichteten Jubelruf des heiligen Johannes Chrysostomos: "Tretet also alle ein in die Freude eures Herrn! Ihr Reichen und ihr Armen, jubelt miteinander. Ihr Enthaltsamen und ihr Trägen, ehrt das Fest. Ihr, die ihr gefastet habt und die nicht gefastet haben, freut euch heute. Der Tisch ist reich gedeckt, genießt alle. Niemand gehe hungrig fort. Genießt alle das Gastmahl des Glaubens. Genießt alle den Reichtum der Güte!"

Unter den zum Ostergottesdienst Versammelten sind solche, die die Kirche regelmäßig besuchen, aber auch solche, die nur an den großen Feiertagen kommen, und solche, die nur selten das Gotteshaus besuchen. Es gibt unter uns Menschen, die seit ihrer Kindheit glauben, solche, die im reifen Alter zum Glauben gekommen sind, aber auch solche, die den Weg zu Gott gerade erst betreten haben. Aber Gott macht keinen Unterscheid zwischen Glaubenden und Nicht-Glaubenden: Er glaubt an jeden Menschen. Er liebt jeden von uns, Er hört uns jedes Mal, wenn wir uns an Ihn wenden, und ist bereit, uns zu helfen.

Auch die von Gott Selbst gegründete Kirche ist immer bereit, jedem Menschen zu helfen. Wenn Sie es schwer haben, wenn Sie Leid oder Not haben, kommen Sie in die Kirche, beten Sie zu Gott, und Er wird Sie bestimmt erhören und Ihnen helfen. Aber vergessen Sie das Gotteshaus auch in den Augenblicken des Glücks nicht. Die Kirche soll Ihr geistliches Haus werden, wo Ihre Seelen gereinigt werden und das Leben durch die Gnade Gottes verklärt wird, die trotz aller menschlichen Unvollkommenheit wirkt, ungeachtet all unserer Sünden, Unzulänglichkeiten und Schwächen.

Bringen Sie Ihre Kinder in die Kirche, denn nach den Worten des Herrn ist "ihrer das Himmelreich" (Mt 19, 14). Glauben Sie nicht, dass es genügt, ein Kind zu taufen, damit es glücklich und gesund aufwächst; für sein geistliches Wohlergehen ist eine ständige Teilnahme am Leben der Kirche unumgänglich. Bringen Sie die Kinder zur Beichte und zur Kommunion, lesen Sie ihnen das Evangelium vor, lehren Sie sie zu beten, damit sie immer eine lebendige Verbindung zu Gott haben. Wenn Sie Ihre Kinder im christlichen Geist erziehen, können Sie sie vor vielen Versuchungen und Nöten bewahren, an denen die heutige Jugend zugrunde geht.

An diesem Tag der Freude beglückwünsche ich von ganzem Herzen alle Gläubigen der Russischen Orthodoxen Kirche, die auf dem Territorium Österreichs leben, - Russen, Ukrainer, Weißrussen, Moldawier, Österreicher und Vertreter anderer Nationalitäten, aber auch die Mitglieder der georgischen Gemeinde, die unsere Kirchen besuchen.

Ich beglückwünsche die Gemeindemitglieder der Kathedrale zum heiligen Nikolaus - dem geistlichen Zentrum unserer Diözese. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt werden in unserer Kirche weitläufige Restaurationsarbeiten durchgeführt. Wir haben nicht wenig vor zu tun, sowohl bei der Restaurierung als auch auf dem Gebiet der Entwicklung des Gemeindelebens. Liebe Gemeindemitglieder der Kathedrale! Wenn Sie den Wunsch haben zu helfen, wenden Sie sich an den Priester und sagen Sie es ihm: Jede Initiative, jeder Vorschlag wird mit Dankbarkeit angenommen werden.

Herzlich beglückwünsche ich die russisch-orthodoxen Gläubigen in der Steiermark. Lange Zeit haben Sie keinen ständigen Priester gehabt, aber jetzt wurde für die Gemeinde Mariä Schutz in Graz ein Priester ernannt, der regelmäßig die Gottesdienste feiern und Ihnen bei der Errichtung und Festigung der Gemeinde helfen wird.

Ich wende mich mit meinem Grußwort auch an die Gläubigen unserer Kirche, die in Innsbruck leben, wo in diesem Jahr zum ersten Mal ein Ostergottesdienst gefeiert wird. Ich hoffe, dass mit Gottes Hilfe auch in Tirol regelmäßig Gottesdienste stattfinden werden, aber dazu bedarf es vor allem Ihrer eigenen Initiative und Ihres Wunsches nach einem vollwertigen kirchlichen Leben.

Geliebte Kinder unserer Heiligen Kirche! Die Gegenwart und Zukunft der Russischen Orthodoxie liegt in unseren Händen. Seien Sie deshalb nicht passive Gläubige, die ihre christlichen Pflichten sofort nach dem Gottesdienst vergessen, sondern aktive Mitglieder der Kirchengemeinde, die ihren Beitrag in das Werk der Errichtung der Kirche Christi einbringen. Nicht nur Sie brauchen die Kirche, sondern die Kirche braucht auch Sie. Die Kirche existiert durch Sie, dank Ihrer Teilnahme an ihrem Leben, dank Ihrer geistigen, moralischen und materiellen Unterstützung. Jeder von Ihnen hat etwas, was er mit der Kirche teilen könnte: der eine hat materiellen Reichtum, ein anderer Freizeit, ein dritter Talente und Fähigkeiten, die er zum Nutzen der Kirche einsetzen könnte. Vergraben Sie Ihr Talent nicht in der Erde, setzen Sie es ein, damit es hundertfachen Nutzen bringe und das Leben vieler Menschen in Ihrem Umkreis verändere.

Meine Lieben! Hören wir in dieser lichten Osternacht den an uns gerichteten Aufruf des heiligen Apostels Paulus: "Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!" (Phil 4,4). Die Freude über die Auferstehung Christi möge nie aus Ihrem Herzen weichen. Ich wünsche Ihnen und Ihren Nahestehenden Frieden, Freude und Wohlergehen. Der Segen des Herrn sei mit euch allen. Christus ist auferstanden!

Übersetzung aus dem Russischen: Erzdiakon Viktor Schilowsky, DDr. Johann Krammer

    

 

Ostern ist immer

Bischof Hilarion von Wien und Österreich

Die Kirche existiert, dem Himmel zugewandt auf der Erde, sie lebt in der Zeit und atmet doch zugleich Ewigkeit. Ewigkeitswert liegt auch dem kirchlichen Kalender und allen Gottesdiensten des Jahres-, Wochen- und Tageskreises zu Grunde. Im Rahmen eines Jahres gedenkt die Kirche des Schöpfungsplans und erlebt die gesamte Welt- und Menschheitsgeschichte in der göttlichen Heilsabsicht zur Rettung der Menschheit. Im Jahreskreis der Feste läuft das Leben Christi vor unseren Augen ab - von seiner Geburt bis zur Kreuzigung und Auferstehung, das Leben der Gottesmutter - von ihrer Zeugung bis zu ihrem Entschlafen, das Leben aller durch die Kirche verherrlichten Heiligen.

Im Laufe einer Woche und einer Tageseinheit wird diese Geschichte wiederum vergegenwärtigt in den Gottesdiensten. Jeder Kreis hat ein Zentrum, an dem er sich orientiert: Mittelpunkt des Tageskreises ist der Gottesdienst der Eucharistie, Zentrum des Wochenkreises ist der Auferstehungstag und Zentrum des Jahreskreises das Fest der Auferstehung Christi, Ostern.

Die Auferstehung Christi war das bestimmende Ereignis in der Geschichte des christlichen Glaubens. »Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich«, schreibt der Apostel Paulus (1. Korinther 15,14). Wäre Christus nicht auferstanden, wäre das Christentum lediglich eine von vielen Morallehren und religiösen - Weltanschauungen geworden, vergleichbar dem Buddhismus oder dem Islam.

Die Auferstehung Christi legte den Grund der Kirche durch neues Leben und ein neues gottmenschliches Sein, in welchem der Mensch Gott wird, weil Gott Mensch wurde. Das Fest der Auferstehung Christi war, solange es Kirche gibt, der Eckstein des christlichen Kalenders.

Die kirchlichen Feste sind nicht nur einfache Erinnerungen an Ereignisse aus weit zurückliegender Vergangenheit. Sie wollen uns vielmehr mit in jene geistliche Realität hineinnehmen, die hinter ihnen steht und überzeitliche unvergängliche Bedeutung hat für einen jeden von uns. Jeder Christ nimmt Christus als seinen Erretter an, der - ihm zugut - Fleisch geworden ist. Deshalb werden alle Ereignisse im Leben Christi für einen jeden Christen zu einem persönlichen Erlebnis und Teil geistlicher Erfahrung. Das Fest ist also heutige Aktualisierung eines vor langer Zeit erfolgten Geschehens und ereignet sich immer wieder, zeitlos. Zu Weihnachten hören wir in der Kirche »Heute ist Christus in Bethlehem geboren«, zu Epiphanias (dem Fest der Taufe Christi im Jordan) - »Heute wird die Natur der Wasser geheiligt«, zu Ostern - »Heute hat Christus den Tod überwunden und ist auferstanden aus dem Grabe.« Wenn Menschen außerhalb der Kirche sich häufig an die bereits ihren Händen entglittene Vergangenheit halten oder hoffnungsvoll auf die noch bevorstehende Zukunft zugehen, so werden sie in der Kirche aufgerufen in einem »ständigen Heute« zu leben, d. h. in einer realen, »heute« erfolgenden und täglich sich fortsetzenden Gemeinschaft mit Gott.

Daher durchdringt das Fest der Auferstehung Christi, obwohl es nur einmal im Jahr begangen wird, das ganze Kirchenjahr, und österlicher Abglanz liegt auf dem gesamten liturgischen Kreis. Ostern oder Passah ist nicht bloß ein Kalenderdatum. Für den Christen ist Ostern immer, weil er stets die Gemeinschaft mit dem auferstandenen Christus braucht. Der ehrwürdige Serafim von Sarow grüßte das ganze Jahr hindurch seine Besucher mit den österlichen Worten »Christus ist auferstanden«.

  

 

Auf dem Weg zum leeren Grab

Philipp Harnoncourt, Graz

Am ersten Tag der Woche gingen die Frauen mit wohlriechenden Salben , die sie selbst zubereitet hatten, in aller Frühe zum Grab, in dem Jesus bestattet worden war. Da sahen sie, dass der Stein vom Grab weggewälzt war. Sie gingen in das Grab hinein, aber den Leichnam Jesu, des Herrn, fanden sie nicht. Während die Frauen ratlos dastanden, traten zwei Männer in leuchtenden Gewändern zu ihnen. Die Frauen erschraken und blickten zu Boden. Die Männer aber sagten zu ihnen: "Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier. Er ist auferstanden! Erinnert euch doch an das, was er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war: Der Menschensohn muss den Sündern ausgeliefert und gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen." Da erinnerten sie sich an seine Worte. Sie kehrten vom Grab in die Stadt zurück und berichteten alles den Elf und den anderen Jüngern. Es waren Maria Magdalena, Johanna und Maria, die Mutter des Jakobus; und auch die übrigen Frauen, die bei ihnen waren, erzählten es den Aposteln. Doch die Apostel hielten das alles für leeres Geschwätz und glauben den Frauen nicht. Petrus aber stand auf und lief zum Grab. Er beugte sich vor, sah aber nur die Leinenbinden dort liegen.Dann ging er nach Hause - voll Verwunderung über das, was geschehen war. (Lukas 24, 1-12)

Das Evangelium der Osternacht, das eben vorgelesen worden ist - es ist wiederum vom Evangelisten Lukas geschrieben, wie das vom Palmsonntag und das vom Ostermontag -, spricht von einem Weg, wie diese beiden anderen.

Frauen gehen am dritten Tag nach dem Tod Jesu in aller Frühe zu seinem Grab, um ihm wenigstens noch jenen Dienst zu erweisen, der zwischen seiner Abnahme vom Kreuz und seinem sehr eilig vorgenommenen Begräbnis nicht mehr möglich war, ohne sich unrein zu machen.

Sie hätten am jüdischen Ostermahl nicht teilnehmen können, wenn sie nach Sonnenuntergang einen Leichnam berührt hätten, und außerdem war der folgende Tag auch noch ein Sabbat.

Jetzt aber wollten sie den Leichnam Jesu salben. Ihre große Zuneigung zu ihm kommt darin zum Ausdruck, dass sie selbst die wohlriechenden Salben bereitet hatten.

Niemand von den Menschen, die Jesus begleitet haben, erwartet ein Wunder. Er, auf den sie ihre Hoffnungen gesetzt haben, er, der Tote auferweckt hatte, er war jetzt selbst tot.

Die Repräsentanten der offiziellen Religion - die Ältesten, die Schriftgelehrten und die Hohenpriester - hatten seine Hinrichtung verlangt; ein aufgewiegelter Mob hatte lautstark seine Kreuzigung gefordert; und die Inhaber der politischen Macht - der bedeutungslose Schattenkönig Herodes der Jüngere und der römische Statthalter Pontius Pilatus hatten schließlich zugestimmt.

Wie eine riesige Seifenblase war das vielversprechende Wirken Jesu geplatzt und vernichtet.

Die Männer, die zu Jesus gehört hatten - seine Apostel und die übrigen Jünger - waren zwar anscheinend noch irgendwo in Jerusalem beisammen, aber ein Gang zum Grab lag ihnen fern. Zu groß war ihre Enttäuschung, vielleicht sogar ihre Verbitterung darüber, einige Jahre mit diesem Wunder-Rabbi vertan zu haben. Manche hatten schon von ihren großen Karrieren in seinem geträumt.

Einige machen sich schon bereit, um diesen Kreis schleunigst zu verlassen.

Wir haben auch heute - ebenso wie schon am Palmsonntag - zu beachten, dass die Evangelisten ihre Berichte nicht in den Tagen der geschilderten Ereignisse niedergeschrieben haben, gleichsam als Protokoll des Geschehens, sondern erst viel später, als sie bereits Zeugen des Glaubens an die Auferstehung Christi waren.

Umso erstaunlicher ist es, in wie schlechtem Licht sie sich selbst darstellen.

Die Frauen kommen allerdings etwas besser weg.

Wann immer in den Evangelien von Wegen gesprochen wird, auf denen sich etwas ereignet, gibt es neben dem oder hinter dem, was geschildert wird, etwas Besonderes zu beachten: einen Prozess - das heißt wörtlich einen Vorgang - der Glaubensbedeutung enthält. Glauben ist ja ein solcher Vorgang, eine Bewegung in einer bestimmten Richtung, gewissermaßen ein Sich-verlassen-auf. In jedem Vorgang bleibt etwas zurück, und Neues wird erreicht.

Der Weg der Frauen zum leeren Grab ist der zaghafte Beginn des Weges zum Glauben an die Auferstehung. Aber dieses Ziel ist noch weit entfernt.

Der Bericht lässt aber den aufmerksamen Hörer österliche Zeichen in manchen Bemerkungen erkennen. Die nachösterlichen Berichterstatter haben es nicht verabsäumt, verschlüsselte Hinweise auf die Auferstehung in ihre Texte einzubauen.

° Da ist einmal die Zeitangabe am Beginn des Berichtes: Am Ersten Tag der Woche. Der Erste Tag der Woche - nach unserer Wochentagsordnung immer der Sonntag - ist Gedächtnis des ersten Schöpfungstags, an dem Gott spricht: Es werde Licht!, und an dem der Schöpfer scheidet zwischen Licht und Finsternis. Die Erschaffung des Lichts, das Werk des ersten Schöpfungstages, ist vollendet im Sieg des ewigen Lichts über die Finsternis von Sünde und Tod. Für die Christen wird dieser Tag zu ihrem Urfeiertag, im Gedenken an jenen Tag, an dem Christus von den Toten erstanden und seinen Jüngern erschienen ist.

° Es folgt der Hinweis auf den Stein, der vom Grab weggewälzt war. Im österlichen Psalm 118 ist vom Stein die Rede, den die Bauleute verworfen haben, der aber zum Eckstein geworden ist, zum Stein des Anstoßes, zum Stein der zwei Wege scheidet, zum großen Prüf-Stein zwischen Leben und Tod.

° Das leere Grab weckt zunächst keinen Auferstehungs-Glauben; es lässt - wie später zu sehen und zu hören ist - verschiedene Deutungen zu: vom gestohlenen Leichnam bis hin zu dem der aus dem Scheintod erwacht und aus dem Grab geflüchtet ist, um irgendwo im Osten ein neues Leben zu beginnen.

° Zwei Männer in leuchtenden Gewändern traten zu den Frauen. Es sind zwei, das heißt, sie haben eine glaubwürdige Botschaft authentisch zu bezeugen. Und sie tragen leuchtende Gewänder, das heißt sie sind Boten des Himmels.

° Noch ehe sie den Frauen ihre Botschaft kundtun, stellen sie jene bedeutungsschwere Frage, die den unüberhörbaren Vorwurf mangelnden Glaubens enthält: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier! Als Gefolgsleute Jesu hätten sie doch wissen müssen, dass ihn der Tod nicht festhalten kann.

° Jetzt erst folgt die neue Oster-Botschaft Er ist auferstanden! und dazu die Ergänzung, dass er ja vorausgesagt habe, er werde gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen.

Anders als im Bericht von Matthäus und Markus findet sich bei Lukas keine Aufforderung an die Frauen, den Aposteln die Auferstehung Jesu mitzuteilen, aber sie gehen und berichten ihnen, was sie gehört und gesehen haben. Sie tun es beinahe ängstlich, als wären sie sich dessen, was sie erlebt haben, selbst nicht sicher!

Tatsächlich halten die Männer die Erzählung der Frauen für haltlose Phantastereien.

Allein Petrus macht sich auf den Weg, um sich selbst ein Bild vom Geschehen zu machen. Aber auch er kommt über eine große Verwunderung über alles, was geschehen war, noch nicht hinaus!

Der Weg zum leeren Grab, auch der Bericht vom leeren Grab und sogar der Lokalaugenschein beim leeren Grab führen noch nicht zum Glauben an die Auferstehung.

Erst der Auferstandene selbst - und nur er selbst! - bringt den Seinen die Gewissheit, dass er auferstanden ist.

Was für ein Trost für alle, die zweifeln - damals und heute!

 

Die Fülle der Freude in den Gottesdiensten der Ostertage
von Martin Petzolt

Die byzantinische Osternachtsfeier ist auch bei Deutschen seit vielen Jahren beliebt und etabliert. Viele besuchen jährlich den feierlichen Gottesdienst der Russen, Griechen oder Serben, der in allen größeren Städten stattfindet oder gehen zu einer deutschsprachigen orthodoxen Gemeinde. Der Osterjubel gipfelt in dem Hymnus „Christos voskrese“, „Christos anesti“, „Christus ist auferstanden von den Toten, im Tode hat er den Tod zertreten, und denen in den Gräbern Leben geschenkt“.

Zu Beginn der Osternacht nach der Prozession um die verschlossene, noch dunkle Kirche wird er angestimmt und in der Nacht, in der folgenden Oktav und in der gesamten Osterzeit unzählige Male wiederholt. Desgleichen begrüßen sich von nun ab die Gläubigen mit dem Gruß:

„Christus ist auferstanden! – Er ist wahrhaft auferstanden!“

Doch ist das Auferstehungsevangelium, das vor der Kirchentüre mit brennenden Osterkerzen in der Hand gelesen wird (Mk 16,1-8), gar nicht die erste Verkündigung der Auferstehungsbotschaft im Gottesdienst. Schon vor der Osternacht wird ein Gottesdienst gefeiert, der auf der Schwelle der Passion mit der Grablegung zum Ostermorgen steht und die Auferstehung ankündigt. Diese Vesper des Karsamstag, mit der der Sabbat und die Grabesruhe enden und der neue Tag des Ostern anbricht, hat bereits ein Auferstehungsevangelium (Mt 28,1-20), übrigens (mit Erweiterung) das Erste der Reihe der 11 Auferstehungsevangelien, in der das Evangelium zu Beginn der Osternacht das Zweite ist. In diesem Vespergottesdienst werden zum Evangelium die schwarzen Zelebrationsgewänder gegen österlich weiße und vergoldete ausgetauscht. Mit dem Ruf: „Steh auf, Gott, richte die Erde“ (Ps 81) verstreut der Priester in der ganzen Kirche grüne Blätter, die über Ostern liegen bleiben. Vorher schon wurde die alttestamentliche Prophetie der Auferstehung in 15 Lesungen vorgetragen und eventuell Kinder getauft. Auch die Hymnen zum „Herr, ich ruf zu dir“ weisen auf die Auferstehung und kündigen sie an: Der Hades kann Christus nicht halten, vielmehr geht er durch ihn zugrunde. Denn dieser beraubt den Hades seiner Beute und vernichtet den Tod durch seine Auferstehung. Schließlich gehen in der anschließenden Basiliosliturgie viele Gläubige bereits zur Osterkommunion, zumal sie bis zu diesem Gottesdienst, der wohl auch deshalb auf den Samstagvormittag gerückt ist, die strengen Fasten- und Nüchternheitsgebote eingehalten haben. Die Fastenzeit endet mit dem Auferstehungsgottesdienst und der Eucharistiefeier in der Osternacht.

In Griechenland nehmen die Gläubigen von dem Osterlicht das Feuer mit nach Hause, um damit die Kohlen anzuzünden, über denen die Osterlämmer gebraten werden. Nebelartig sind die Dörfer von fettem Dampf eingehüllt. Auch die Russen lassen in der Nacht die neuen Speisen, auf die während der gesamten Fastenzeit verzichtet wurde, segnen, symbolisiert im Kulitsch, einem Hefekuchen mit viel Ei und Butter, und der Paschatorte aus Quark, Butter und Ei, geschmückt mit Auferstehungssymbolen und dem Ostergruß. Oft, vor allem in den Klöstern, bleibt man nach dem Nachtgottesdienst noch zum gemeinsamen Essen, genannt Agape oder Liebesmahl, bei dem es nur noch Speisen und Getränke gibt, die vorher lange entbehrt wurden: Milch, Wein, Eier, Käse, Butter und – in den meisten Klöstern allerdings nicht – Fleisch.

Die Osterfeierlichkeiten, von der Vesper angefangen über die Osternacht mit dem freudigen Osterkanon des Johannes von Damaskus bis zum Ostermahl, haben noch einen weiteren Höhe- und Schlusspunkt: die Ostervesper, auch Vesper der Liebe (Esperinós tis agápis) genannt. Zu diesem Gottesdienst werden noch einmal die schönsten Gewänder angelegt, alle Kerzen angezündet, und mancherorts eine feierliche Prozession mit der Osterikone gemacht, da sie in der Nacht aus der Kirche zum Agapemahl geleitet wurde. Ganz sicher ist diese Vesper der fröhlichste Gottesdienst. Er steht nicht mehr an der Schwelle zum Auferstehungsfest, hat keine nächtliche Prägung mehr, ist nicht mehr vom Fasten bestimmt. Mittlerweile hat ein fröhliches Mahl stattgefunden, und alle sind gewissermaßen mitten in der Osterfreude. Die Vesper fällt zunächst dadurch auf, dass sie (zumindest im liturgischen Buch) sehr kurz ist. Es kommen überhaupt keine Psalmen vor, nicht einmal der Vesperpsalm 103. Nach dem mehrfachen Ostertroparion mit den Zwischenversen, mit denen die Osternacht begonnen hat, folgt gleich das „Herr, ich ruf zu dir“ mit den Sonntagsstichiren im Zweiten Ton. Darauf folgt eine weitere Verkündigung der Auferstehungsbotschaft im Evangelium (Job 20,19-25). Es ist die Perikope von der Begegnung des auferstandenen Jesus mit seinen Jüngern am Abend des ersten Tages der Woche, eben dem Zeitpunkt, der sich mit der gerade gefeierten Vesper trifft. Diese schließt ja auch den ersten Tag der Woche, den Ostertag ab. Jesus zeigt seine Kreuzigungswunden, schenkt ihnen den Heiligen Geist und sendet sie aus mit der Vollmacht der Sündenvergebung. Während die Osternachtsliturgie mit dem Johannesprolog als Evangelium die neue Leseordnung beginnt, hören die Gläubigen in der Vesper somit wieder eine Auferstehungsverkündigung. Bei den Griechen ist es Brauch, dieses Evangelium, das ja von der Sendung der Jünger in die Welt handelt, in möglichst vielen Sprachen zu lesen, vor allem in den Klöstern und in Westeuropa, wo ja tatsächlich Menschen verschiedener Muttersprache gemeinsam Ostern feiern. Die Russen pflegen diesen Brauch in der Osternachtsliturgie. Darauf folgen die Freudenhymnen, die auch bereits in der Osternacht zur Laudes gesungen wurden und die Liebesgemeinschaft bekräftigen, die alle Erlösten verbindet, in der Eucharistie, im Liebesmahl und im gemeinsamen Lobpreis. Zum Psalmvers: „Das ist der Tag, den der Herr gemacht hat, lasst uns frohlocken und uns freuen an ihm“ lautet die Hymnenstrophe:

„Freudenpascha, Pascha des Herrn, Pascha. Das allverehrte Pascha ist uns aufgegangen. Pascha, in Freude lasst uns einander umarmen. O Pascha, Erlösung von Trauer. Denn aus dem Grabe wie aus einem Brautgemach, ist Christus aufgestrahlt. Die Frauen erfüllte er mit Freude, da er sprach: Bringt Kunde den Aposteln.“

Kann man deutlicher die Osterfreude und die daraus entspringende Liebe charakterisieren? In der Auferstehung gründet die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden, die immer auch eine Gemeinschaft der Liebenden sein muss. Nach dem „Ehre dem Vater“ folgt als Schlussstrophe:

„Der Auferstehung Tag! Strahlend prächtig lasst uns sein zum Fest und lasst uns einander umarmen. Lasst uns ‘Brüder’ sagen, auch zu denen, die uns hassen. Einig lasst uns in allem sein durch die Auferstehung. Und so lasst uns rufen: Christus ist auferstanden von den Toten, im Tode hat er den Tod zertreten, und denen in den Gräbern Leben geschenkt.“

Die Umarmung und geschwisterliche Liebe prägt tatsächlich das österliche Freudenfest. Schon vor der Osterkommunion bitten die Menschen sich gegenseitig persönlich um Vergebung. Und wenn in diesen Tagen so oft der Ostergruß gewechselt wird, und zwar nicht nur in der Kirche, sondern auch auf der Straße, im Geschäft, bei der Arbeit oder am Telephon, und wenn dazu auch noch der Osterkuss getauscht wird, dann wird etwas von der Erlöstheit der Christen sichtbar. Friedrich Nietzsche, der kritisierte, die Christen würden nicht erlöst wirken, hat wohl keine Vesper der Liebe und kein orthodoxes Ostern erlebt. Nach den Gesängen oder auch schon währenddessen kommen die Gläubigen zum Handkuss und Ostergruß nach vorne zum Patriarchen, Bischof, Abt oder Pfarrer und erhalten wie in der Osternacht noch einmal ein rotes Osterei. Aber die Osterfreude ist so groß und tief, dass sie hiermit nicht endet, sondern eine ganze Oktav in der Feier der Liturgie ihren Ausdruck findet. An jedem Tag wird der Osterkanon des Johannes wiederholt, die Osterstichiren der Laudes und Vesper bleiben dieselben, die Kleinen Stunden beinhalten nur Osterhymnen und die Gebete zur Stunde, die Blätter der Vesper vor der Osternacht bedecken den Boden der Kirche. Schließlich bleiben die Türen der Ikonostase geöffnet. Denn der Altar symbolisiert auch das Grab, wie dies an jedem Sonntagmorgen deutlich wird, wenn der Priester das Auferstehungsevangelium seitlich am Altar wie der Engel im Grab verkündet. Dieses ist leer, denn:

„Christus ist auferstanden! - Er ist wahrhaft auferstanden!“

aus: Der Christliche Osten, Jahrgang XLVII,1992/2, S. 83ff.
hier aus St.Andreas Bote

RUSSISCHES OSTERBRAUCHTUM-12

Des recettes pour le temps de Pâques

Sur l’Internet, plusieurs sites donnent des recettes de différents pays de plats préparés durant la période pascale.
Voici une sélection.

Pour commencer, voir cette page qui donne quelques explications sur les desserts et pâtisseries pascales. De nombreuses recettes, de différents pays d’Europe, sont proposées ici. C’est aussi le cas de cette autre page spécialisée dans les desserts ou encore de ces deux pages surtout consacrées aux desserts en chocolat. On trouve aussi des recettes de la paskha (terme orthographié de différentes manières) : deux sur ce site, une ici parmi d’autres recettes russes, ou encore ici. On trouve également des recettes grecques, comme celle du tsoureki, des biscuits de Pâques (Koulourakia lambriatika). Enfin, parmi d’autres, une recette pascale occidentale, vendéenne plus précisément : l’alise pacaude (ou ici), aussi appelée galette pâquaude ou pain de Pâques.

 


 

FESTE UND SONNTAGE IM GLANZ DER OSTERFREUDE:

Die Myrrhonbringenden Frauen werden zu den ersten Zeugen und Verkündern der Auferstehung

zum Freitag der lichten Woche nach Ostern
Die Feier der Lebensspendenden Quelle der Gottesmutter
zum Thomassonntag:
Der Hl. Apostel Thomas und die Wahrheit (von Erzbischof Stylianos von Australien)
zum Sonntag der myrhontragenden Frauen:
"Als Erstes begegnet der Auferstandene den Frauen" (Predigt des Hl. JOHANNES Goldmund)
"Gedanken zu den Heiligen Frauen in den Tagen nach Ostern (Eva Catafygiotu Topping)"


 

 

Die Feier der Lebensspendenden Quelle der Gottesmutter

zum Freitag nach Ostern

*Quellenhinweis*
Während der ganzen Lichten Woche wird in allen Gottesdiensten der Kirche nur die Freude von der Auferstehung des Heilands verkündet. Anlässlich aller Gottesdienste, sogar der Begräbnisse, wenn sie in dieser Woche stattfinden, verharren wir in der Auferstehungsfreude. Trotzdem hat die Kirche am Freitag der Lichten Woche noch eine freudebereitende Botschaft für uns. Sie stellt uns nämlich die Gottesmutter dar, welche der Anfang unserer Erlösung ist. Der Platz dieses Festes ist ein Beweis für die Ehre, welche die Kirche der Gottesmutter bringt. Diese Feier ist ein Zeugnis für uns, dass die Kirche dort, wo sie den auferstandenen Christus verkündet, auch die verkündet, aus welcher er Fleisch annahm, diejenige, die der Anfang seines Erlösungswerkes war.

Die Mutter Gottes wird in dieser Feier als Quelle der seelischen und leiblichen Heilung vorgestellt, als zu uns dauernd fließende Gabenquelle, als Wunderquelle, über deren Genuss wir uns freuen. Dieser Vergleich hat seinen Ursprung an einer wirklichen Quelle, durch welche die Gottesmutter viele Heilungen bewirkt hatte und wo der Kaiser Leon der Große eine Kirche zu Ehren der Gottesmutter erbauen ließ. Die Kirche ist nachher von Justinian, Basilius dem Mazedonier und seinem Sohn, Leon dem Philosophen, erneuert worden. Die Feier ist als Gedenktag der Erneuerung dieser Kirche entstanden und wird bis heute gefeiert. Im Verlauf der Zeit aber wandelte sich die Feier der Kirchenerneuerung immer mehr in ein Fest der Gottesmutter um, welche die Quelle aller durch Wasser geschehenen Heilungen ist.

Was versteht man unter der „lebensspendenden Quelle der Gottesmutter“?

Angefangen am Ostersonntag, hört man in der Kirche eine Woche lang nur ihren Aufruf, uns zu freuen über die aus dem Grabe Christi, dem Quell der Unverderblichkeit zu uns strömenden Gaben:

„Wohlan, neuen Trank lasst uns trinken, nicht Wundertrank aus dürrem Felsen, nein, der aus dem Grabe Christi strömenden Unvergänglichkeit Born, in welchem wir Kraft erlangen.“

So, wie wir Christus Quell des Lebens, des lebendigen Wassers, der Unvergänglichkeit und der Unsterblichkeit nennen, so nennen wir auch die Gottesmutter:

„Quelle, aus welcher alles Gute strömt und uns allen die Huld fließt“ „himmlisches Manna und göttliche Quelle des Paradieses“ , Quelle voller „Wunder, die bereit zufließen sind“.

Am Freitag der Lichten Woche ruft uns die Kirche, um auch aus dieser Quelle, aus diesem Gnadenwasser zu trinken, um aus dem überfluss von Huld und Barmherzigkeit zu kosten, welcher aus der immer sprudelnden Quelle der Gottesmutter zu uns kommt:

„Ihr Kranken, schöpft das Heilungswasser, weil die Allreine aus der göttlichen Quelle den wahren Genuss ausgießt und den Wonnestrom herausfließen lässt. Deswegen trinken wir gläubig aus dem im überfluss vollen Brunnen.“

Wenn wir die beiden Quellen und das von ihr herausfließende Wasser näher betrachten, bemerken wir, dass es sich um dasselbe erlösende und heilende Wasser handelt, welches aus einem einzigen Quell, Gott, hervorfließt, was die Festgottesdienste klar hervorheben:

„Freue dich, Maria, du, die edelste des Menschengeschlechtes, Allreine. Freue dich, weil der Schöpfer des Alls wie ein Tropfen auf dich herabkam und dich als unsterbliche Quelle zeigte, du göttliche Braut."

„Als erhellte und geheiligte Lade des Gebieters des Alls kenne ich dich, Jungfrau und Quelle der Unvergänglichkeit, welche das Wasser, Christus, hervorquellen lässt, aus dem wir trinken."

Der Ursprung des Wassers der Unsterblichkeit ist Gott. Er ist auf die Gottesmutter wie ein Tropfen herabgekommen und hat sie zu einer Quelle gemacht, die unseren Durst stillt. Das Menschsein der Gottesmutter wurde von der Gottheit des Wortes geheiligt, durch dessen Wohnungnehmen in ihr, und darum ist sie voll von Gnade, deshalb lässt sie auch uns das Wasser der erhaltenen Gnade, das Wasser der Erlösung, hervorquellen.

Die Gaben oder die Wirkung der Quelle
Die erste und größte der Menschheit geschenkte Gabe der Mutter Gottes war ihr Sohn. Durch ihre Reinheit und Verfügbarkeit ermöglichte die Gottesmutter die Menschwerdung Christi als völlige Initiative Gottes. Dank ihrer Reinheit und Verfügbarkeit und ihrem erhaltenen und nachher der Welt weitergegebenem Geschenk wurde die Mutter Gottes zu einer reichlichen Gabenquelle für die ganze Menschheit. In den Gottesdiensttexten dieses Festes wird sie mit einem fruchtbaren Feld verglichen, das dank des göttlichen Regens reichliche Früchte trägt:

„Wunderbare und erstaunliche Werke vollbrachte der Gebieter der Himmel in dir, Allreine. Von oben her tropfte er wahrhaft wie ein Regen in deinen Schoß, göttliche Braut, und machte dich zu einer Quelle, aus welcher alles Gute herausfließt und die allen, die Stärkung des Leibes und Gesundheit der Seele brauchen, durch das Wasser der Gnade in Form von vielen Wundern deine Huld ausgießt.“

Christus bediente sich seiner Mutter wie eines ehrwürdigen Gefäßes, um über uns seine Wohltaten auszugießen. Sie ist die Hoffnung der Sterblichen auf Gott, das feste Fundament des Glaubens, der Turm der Jungfräulichkeit und die Pforte des Heils. Durch sie wurde das Paradies geöffnet, sie beseitigte den Makel der Sünde, durch sie siegen die Christen und verfallen die Feinde. Die Gottesmutter heilt unsere Seelen. Von ihr aus, wie von einer dauernd fließenden Quelle, werden die Wohltaten ausgegossen, welche wie das frische Brunnenwasser die Gläubigen laben.

„Heilbäche lässt du aus deiner Quelle herausfließen denen, die gläubig zu dir eilen, göttliche Braut. Umsonst gibst du den Kranken reichliche Heilungen. Den zu dir kommenden Blinden schenkst du klares Sehen, die Humpelnden machst du aufrecht und die Gelähmten stark. Den Toten hast du auferstehen lassen und das Leiden vieler Wassersüchtiger und Kranken geheilt.“

„Wer wird deine Kraft beschreiben können, du Quelle, die du voll von Wundern viele und übernatürliche Taten in deinen Heilungen vollbringst? Welch große Gaben, die du allen verschenkst! Denn nicht nur die schweren Krankheiten der zu dir Kommenden hast du liebevoll verjagt, sondern du nimmst auch die seelischen Leidenschaften hinweg, Allreine, und dabei offenbarst du dein großes Erbarmen.“

In seiner Allwissenheit wusste Gott, dass wir mutiger zu jemandem, der uns ähnlich ist, kommen können, um so mehr zu einer liebenden Mutter. Deswegen schenkte „der Spender der Güter“ der ewig Seligen eine Menge seiner Gaben, die sie uns unseren Bedürfnissen entsprechend weiterschenkt.

„Alle Gläubigen heilst du: Die Fürsten, die Leute aus dem Volk, die Armen, die Führer, diejenigen, die unter Not leiden oder überfluss haben, allen lässt du, Quelle, das Wasser wie ein einziges Heilmittel zufließen.“

Für uns ist die Gottesmutter immer eine Stütze, eine nicht täuschende Hoffnung, zu der wir eilen, sooft wir in Bedrängnis sind, und bei der wir jedes mal Hilfe finden und uns dadurch freuen.

„Du erfreust übernatürlich, Jungfrau, die Gläubigen, wenn du aus dem ewigen Quell ihnen die Gnade herausfließen lässt und ihnen dabei Kraft über die Feinde, ständigen Sieg, Gesundheit, Frieden und Erfüllung aller Bitten gibst.“

Wir angesichts der lebensspendenden Quelle

Die Orthodoxe Kirche glaubt an die Vermittlung der Gottesmutter und verehrt sie wie eine Hochgeehrte und Allheilige. Die Verehrung der Gottesmutter ist auf ihr Mitwirken an der Menschwerdung Christi, sowie auch auf ihre Vermittlung und ihre Hilfe als von ihrem Sohn untrennbare Mutter der Kirche begründet. Am Freitag der Lichten Woche, wenn wir der lebensspendenden Quelle der Gottesmutter gedenken, haben wir die Gelegenheit, uns in der Anwesenheit derer zu fühlen, vor der die ganze Schöpfung sich freut und staunt. Wir stehen auch vor der Gottesmutter und bewundern ihre Größe und die vielen Gnadentaten, derentwegen wir uns freuen.

„Wer wird deine Kraft beschreiben können, du Quelle, die du voll von Wundern viele und übernatürliche Taten in deinen Heilungen vollbringst? Welch große Gaben, die du allen schenkst! Denn nicht nur die schweren Krankheiten hast du liebevoll verjagt, sondern du wäschst auch die seelischen Leidenschaften, Allreine, und dabei offenbarst du dein großes Erbarmen.“

Wir bleiben nicht nur beim Staunen angesichts der Gottesmutter, sondern ihrer Wundertaten eingedenk, preisen wir sie selig und bringen ihr Lobgesang:

„Freue dich, du Quelle, die du das Leben trägst und den Meeren gleich über alle Welt Wunder ausgießt;
du Wolke, die reicher an Gaben als die Ströme des Nils ist;
der zweite Schiloach, welcher das Wasser wie aus einem Stein herausfließen lässt und die reinigende Wirkung des Jordans hat;
erlösendes Manna, welches den Reichtum im überfluss hat, für diejenigen, die es suchen;
Mutter Christi, Jungfrau,
welche du der Welt großes Erbarmen darreichst.“



Der Festikos ist eine wunderschöne Lobhymne zur Mutter Gottes:

Allreine Gottesgebärerin, die du unaussprechlich das ewige Wort des Vaters geboren hast,
öffne meinen Mund, Hochgeehrte,
mach mich zu einem deiner dich Lobenden,
damit ich dich preise und deiner Quelle so singe:

Freue dich, du Quelle der unaufhörlichen Freude;
freue dich, du Ausgießung der unaussprechlichen Schönheit.

Freue dich, Erlösung von allerlei Krankheiten;
freue dich, überwindung verschiedener Leidenschaften.

Freue dich, allreiner Strom, welcher die Gläubigen heilt,
freue dich, vorzügliches Wasser für die Kranken auf vielerlei Weise.

Freue dich, Wasser der Weisheit, welches die Unwissenheit vertreibt;
freue dich, des Herzens Wein gemischt aus Lilienparfüm.

Freue dich, des Manna spendender Lebensbecher;
freue dich, reinigendes Bad und Nektar aus der göttlichen Quelle.

Freue dich, die du überwindungsmöglichkeit der Schwachheit offenbarst;
freue dich, du, die du die Flamme der Leidenschaften auslöschst.
Freue dich, erlösungsbringendes Wasser!“

Es ist ein Ruf, der aus der Fülle unserer Freude entspringt, eine Huldigung, die wir unserer göttlichen Mutter bringen. Es ist unser Lob, das wir unserer Mutter, die wir mit unseren geistlichen Augen sehen, bringen. Gleichzeitig bitten wir sie, dass ihre lebengebende Quelle auch über uns fließt, damit sie uns im Gebet Beistand sei und uns vor Leidenschaften bewahre:

„Lass mir jetzt,
Jungfrau, du Quelle, Gottesgebärerin,
ein Wort der Gnade herausquellen,
damit ich deine Quelle lobe,
die den Gläubigen Leben und Gnade aufgehen lässt,
weil du das hypostatische Wort hervorgehen ließest.“

„Immer tötet mich der Feind mit den Antrieben der Genüsse,
Gebieterin. Du, Quelle, Gottesgebärerin,
übersehe mich nicht,
eile mir zu Hilfe
und befreie mich von seinen Fallen,
damit ich dich lobe, ewig Gebenedeite.“


Die Anwesenheit der Jungfrau bringt viel Menschlichkeit ins Leben des Christentums. Durch sie wird der Himmel erhellt, er wird sensibler, weil sich dort eine Mutter befindet, die neben Gott ist, welche dank seiner Gutwilligkeit einerseits auf ihn Mutterautorität hat, wenn sie für uns bittet, und andererseits Mutterzärtlichkeit angesichts unserer Schwierigkeiten!

 

Vater Serafim Pâtrunjel, Die Orthodoxe Spiritualität der Osterzeit, Kommentar zum Pentekostarion, Würzburg 1998, S. 130-134
hier aus St. Andreas Bote

 

 

Der Hl. Apostel Thomas und die Wahrheit

von Erzbischof Stylianos von Australien

*Quellenhinweis*
Wenn Ostern der Höhepunkt des ganzen Kirchenjahres ist, dann ist der Sonntag nach Ostern, den die Kirche „Antipascha“ oder „Sonntag der Erneuerung“ nennt, eine „Erneuerung der Auferstehung. Er kann mit Recht sowohl der erste als auch der achte Tag genannt werden. Der achte Tag, weil er acht Tage nach Ostern gefeiert wird, und der erste, weil er Anfang der anderen ist. Der achte, weil er als Vorbild des abendlosen Tages der künftigen Welt betrachtet wird, des Tages welcher der erste und einzige sein wird, weil keine Nacht ihn mehr zertrennen wird“ (Synaxarion zum Thomas-Sonntag). Deshalb sollte er auch als wichtiger als die anderen Sonntage gesehen werden.

Es ist nur folgerichtig, dass an diesem hervorragenden und großen Tag die Kirche das Gedächtnis für einen Heiligen angesetzt hat, der auch über den entsprechenden geistigen Glanz verfügt. Daher feiern wir an diesem Sonntag das Gedächtnis des Hl. Apostels Thomas und deshalb ist dieser Sonntag auch als „Thomas-Sonntag“ bekannt. Allerdings scheint dieser Apostel im Volksglauben der verrufenste Jünger Jesu zu sein. Unglauben war als Beschuldigung sogar bei den Wüstenvätern mehr als jede andere Sünde gefürchtet. Der Hl. Petrus, der in einem Augenblick menschlicher Schwäche Christus verleugnete, wurde aber nicht als Ungläubiger oder Verräter bezeichnet, im Gegenteil. Aber der Hl. Thomas wurde, ohne wirklich ohne Glauben gewesen zu sein, der „ungläubige Thomas“ genannt und wurde für alle Zeit das Symbol für Unglauben und Zweifel par excellence. Klar ist aber doch, dass eine solche Charakterisierung mit einem Apostel und Heiligen unvereinbar ist. Was stimmt also? Irgendetwas muss in der Erzählung fehlen oder nicht beachtet sein, dass wir die geschilderten Ereignisse nicht in der richtigen Konsequenz sehen können.

Um den richtigen Blickwinkel zu finden und den Widerspruch zu verstehen, müssen wir etwas sorgfältiger untersuchen, was denn genau das Verhalten des Hl. Thomas gegenüber dem Auferstandenen war und wie Christus Selbst dieses Benehmen gesehen hat. Dazu benutzen wir den Text des Evangeliums (Joh 20,19-29).

Wir erinnern uns, dass die Jünger sich versammelt und „aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten“. Da kam Jesus und trat in ihre Mitte. Bevor er ihnen „seine Hände und seine Seite“ zeigte, damit sie erkannten, dass es wirklich Er war, der gekreuzigt worden war und nicht irgendein Geist, sagte er zu ihnen „Friede sei mit euch!“ In diesen beiden Worten (εἰρήνη ὑμῖν) liegt der Schlüssel für die Lösung des geschilderten Problems. Friede war die unerlässliche Voraussetzung und die einzige Macht, die die Panik und Verwirrung, hervorgerufen durch das Miterleben der Passion, beseitigen konnte. Nur der Friede würde es den Jüngern ermöglichen das Mysterium der Auferstehung ohne allen Zweifel zu akzeptieren. Deshalb überträgt Christus Seinen Frieden auf die Jünger, bevor er Seine Hände und Seine Seite als Beweis zeigt. Dann war es nur natürlich, dass „sich die Jünger freuten, dass sie den Hern sahen.“

Aber, Thomas war bei diesem ersten Treffen nicht dabei. Als er die anderen Jünger sagen hörte „wir haben den Herrn gesehen“, konnte er weder Furcht noch Verwirrung aus seiner Seele verbannen. Mehr noch, da er mit sich selbst wie auch mit seinem Meister ehrlich sein und nicht nur ein Lippenbekenntnis ablegen wollte, machte er die direkte Erfahrung mit dem Auferstandenen zur Bedingung für seinen Glauben. Als „acht Tage darauf“ die Jünger wieder versammelt waren, war „Thomas dabei“ und Jesus erschien in ihrer Mitte und wiederholte die Worte und Gesten Seines ersten Kommens. Er beginnt wieder mit den Worten „Friede sei mit euch!“, damit auch das verhärtete Herz des Thomas befreit werde. Und gleich danach sagt er zu ihm „Streck deine Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und werde nicht ungläubig, sondern gläubig!“

Nun müssen wir uns eine Reihe wichtiger Einzelheiten ansehen:

Obwohl der Hl. Thomas aufgefordert wird, Christus zu berühren, wagt er es nicht. Vielleicht wäre es richtig zu sagen, dass es nicht länger nötig war. Er hat seinen Frieden erhalten und kann nun frei von Furcht sehen und glauben.

Als ihn Christus auffordert ihn zu berühren sagt Er zum Hl. Thomas nicht „sei nicht ungläubig“ sondern „werde nicht ungläubig“ (μὴ γίνου ἄπιστος), d.h. dass Er ihn nur vor einem möglichen und nicht vor einem existierenden Unglauben bewahrt.

Christus beschließt das Gespräch mit der bewegenden Aussage „weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“. Wir sehen hier, dass Er Thomas weder beschuldigt noch rügt nur nach Seinem Anblick zu glauben. Auch die anderen Jünger hatten sich erst gefreut, als sie, wie schon erwähnt, den Herrn gesehen hatten. Jedenfalls wollte der Herr Seine Jünger daran erinnern, dass der Mensch von Gott eine Fülle anderer Fähigkeiten und Gefühle erhalten hat, nicht nur die Augen! Wenn schon die Alten wussten welch trügerische und unzuverlässige Zeugen „die Augen und Ohren“ für die Sterblichen sind, dann hatte der Gott-Mensch um so mehr das Recht an die Priorität dieser tieferen Wurzeln zu erinnern, die der Mensch hat um die Wahrheit zu erkennen. Deshalb hält er die, die diesen tieferen Wurzeln vertrauen für selig, ohne in irgendeiner Weise diejenigen zu verurteilen, die ihre fünf Sinne gebrauchen, die ja auch von Gott gegeben sind.

Es ist typisch, dass der Hl. Thomas nicht einfach zufrieden war, sich wie die anderen Jünger zu freuen, als er den Auferstandenen sah. Sein Gefühlsansturm und seine Lauterkeit veranlassten in ihm das Verlangen, mit den Fingern die offenen Wunden Christi zu berühren, um Ihm dadurch wieder irgendwie körperlich nahe zu sein. Und seine überschwängliche Natur veranlasste ihn zu dem unvergleichlichen Bekenntnis „Mein Herr und mein Gott!“. Ein Bekenntnis, das kein anderer Augenzeuge der Auferstehung machen konnte, nicht einmal die zärtlichen und ausdrucksvollen Frauen, die als Erste den Herrn sahen.

Wir müssen auch sehen, dass dieses Bekenntnis des Hl. Thomas nicht nur eine allgemeine und leichtfertige Anerkennung der Göttlichkeit Christi war, sondern die persönliche Bekräftigung und die bedingungslose Hingabe der ganzen Existenz des Jüngers an seinen Meister, der den Tod besiegt hatte. Diese völlige Hingabe an die Fülle der göttlichen Macht wird durch das Wort „mein“ in Bezug auf den Auferstandenen ausgedrückt.

Nach all dem wird klar, dass der Hl. Thomas (der während der drei Jahre des öffentlichen Wirkens des Gott-Menschen keineswegs aufgefallen war wie andere Jünger, wie Petrus, Jakobus und Johannes) nun wegen der Auferstehung Christi und seinem Verhältnis dazu in den Augen aller Gläubigen und der Geschichte als etwas Besonders gesehen wird. Diese Besonderheit ist aber nicht negativ, wie man aus einer oberflächlichen Wertung der Ereignisse schließen könnte, sondern positiv. Er fällt auf und ist nicht mehr völlig gleich mit den anderen Jüngern (denn er brauchte auch nicht mehr als die anderen um zu glauben), er fällt dadurch auf, dass er mit seinem leidenschaftlichen und einzigartigen Bekenntnis sozusagen „das höchste Gebot“ für das Mysterium der Auferstehung abgegeben hat. Die Kirche ehrt ihn daher rechtens als Apostel und Heiligen und hat richtigerweise die Feier seines Gedächtnisses auf einen so hervorragenden Sonntag im Jahr gelegt.

Nun bleibt uns nur noch die Beantwortung der letzten Frage. Wenn man alle diese positiven Argumente betrachtet, warum hat der Volksglaube dann einen Apostel dieser Bedeutung und trotz seines leidenschaftlichen Bekenntnisses den „ungläubigen Thomas“ genannt? Zuerst muss man festhalten, dass die Volksfrömmigkeit (die spontan und anspruchslos die tiefere gemeinsame Erinnerung und das Bewusstsein des einen Volkes Gottes ausdrückt) keinem solch schreienden Irrtum und keiner solchen Ungerechtigkeit unterliegen könnte. Wir müssen vielmehr annehmen, dass der unverbrüchliche Glaube und die Hingabe der Volksfrömmigkeit an die Person des Gott-Menschen nicht einmal die Spur eines Vorbehalts, und sei es nur für einen Augenblick, in allem was die Göttlichkeit und Einzigartigkeit des Lebens des Gott-Menschen betrifft (sowohl in seiner Gesamtheit wie in den einzelnen Begebenheiten) ertragen könnte. Das allein ist der Grund, warum die Volksfrömmigkeit ihr Feingefühl mit diesem „ungläubig“ ausdrückt, was keineswegs verhindert, dem Hl. Apostel Thomas durch alle Zeitalter hindurch die ihm gemäße Ehre der Verehrung der Kirche zu erweisen.

 

Voice of Orthodoxy, vol. 11/5, The Official Publication of the Greek Orthodox Archdiocese of Australia, May 1990; übers. G. Wolf.
hier aus St. Andreas Bote

 

 

Die Begegnung der Frauen
mit
dem Auferstandenen

Eine Predigt des Hl. Johannes Chrysostomos

*Quellenhinweis*

Nach der Auferstehung erschien der Engel. Weshalb kam er und schob den Stein fort?
Wegen der Frauen;
sie sahen ihn ja am Grab sitzen. Damit sie glaubten, dass der Herr erstanden ist, sollten sie sehen, dass das Grab ohne Leichnam war. Deshalb hatte der Engel den Stein weggewälzt, deshalb war auch das Erdbeben entstanden, damit sie sich aufrafften und munter werden sollten. Sie waren ja aufgebrochen, den Leichnam zu salben; und das geschah in der Nacht, so dass einige vielleicht noch schlaftrunken waren.

Weshalb, aus welchem Grund sprach der Engel: »Fürchtet euch nicht!« ?
Er wollte ihnen zunächst die Furcht nehmen und dann die Auferstehung verkündigen. ...
Ihr habt keinen Grund zur Furcht, sagte er,  - wohl aber jene, die den Herrn gekreuzigt haben.
Als er ihnen nun die Furcht genommen hatte durch seine Worte wie auch durch sein Aussehen – er erschien ja in leuchtender Gestalt, da er eine solche Freudenbotschaft zu überbringen hatte – , fuhr er fort:
»Ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten.«
Der Engel scheute sich nicht, den Gekreuzigten zu erwähnen; denn er ist ja der Ursprung des Heils.
»Er ist auferstanden.«
Woraus ist das ersichtlich? »Wie Er gesagt hat.«
Wollt ihr mir nicht glauben, meinte Er, so erinnert euch an Seine Worte, und ihr werdet mir den Glauben auch nicht versagen. Dann folgt ein weiterer Beweis:
»Kommt her und seht euch die Stelle an, wo er lag.«
Deshalb hatte er doch den Stein entfernt, um ihnen diesen Beweis zu geben.
»Und sagt seinen Jüngern: Ihr werdet ihn in Galiläa sehen.«

Er forderte sie auf, auch anderen die frohe Kunde zu melden – ein Umstand, der sie ganz besonders zum Glauben bewegen musste.

Passend sagte er: »in Galiläa«, um sie aus Schwierigkeiten und Gefahren zu ziehen, damit die Furcht nicht etwa ihren Glauben beeinträchtige.
»Und sie verließen das Grab voll Furcht und Freude.«
Wieso? Sie hatten etwas Bestürzendes und Unerhörtes erlebt: das leere Grab, wohin Jesus vor ihren Augen gelegt worden war. Deshalb hatte der Engel sie auch zum Schauen eingeladen, damit sie Zeugen beider Ereignisse würden, sowohl des Grabes als auch der Auferstehung. Sie begriffen auch, dass niemand Ihn hätte fortschaffen können, da dort so viele Soldaten lagerten;

Er selbst musste auferstanden sein.
Daher waren sie zugleich erfreut und verwundert und empfingen auch den Lohn für ihr Ausharren, da sie als erste sehen und verkünden durften, nicht nur was sie gehört, sondern auch was sie gesehen hatten.

Als sie in Freude und Furcht das Grab verließen,
»siehe, da kam ihnen Jesus entgegen und sagte: Seid gegrüßt! Sie aber umfassten seine Füße.«
Mit überwältigender Freude eilten sie auf Ihn zu und empfingen durch die Berührung den Beweis und die volle Gewissheit Seiner Auferstehung.
»Und sie warfen sich vor Ihm nieder.«
Was sagte nun der Herr? »Fürchtet euch nicht!«
Auch Er nimmt ihnen wieder die Furcht, um dem Glauben den Weg zu bahnen.
»Geht und sagt meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa gehen, und dort werden sie mich sehen.«

Sieh, wie Er selbst durch die Frauen die frohe Kunde überbringen lässt, um, wie ich schon oft erklärt habe, das so unterschätzte (weibliche) Geschlecht zu Ansehen zu bringen, es zu berechtigter Hoffnung zu führen und das, was sie zu erleiden haben, zu heilen.

Vielleicht wünscht jemand von euch, bei ihnen gewesen zu sein und Jesu Füße zu umfassen?
Wenn ihr wollt, habt ihr auch jetzt die Möglichkeit, nicht nur Seine Füße und Hände, sondern auch Sein heiliges Haupt zu umarmen, wenn ihr mit reinem Gewissen die ehrfurchtgebietenden Geheimnisse genießt.

Doch nicht nur hier, sondern auch an jenem Tag werdet ihr Ihn schauen, wenn Er in unbeschreiblicher Herrlichkeit in Begleitung der Engel kommt.

Falls ihr nur Menschenliebe üben wolltet, werdet ihr dann nicht nur diese Worte: »Seid gegrüßt!« zu hören bekommen, sondern auch die anderen:
»Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist« (Mt 24,34).
 

Seid also menschenliebend, damit ihr diese Worte zu hören bekommt.


Und ihr goldbehangenen Frauen, die ihr die eiligen Schritte dieser Frauen erlebt habt,
legt doch jetzt, wenn auch spät, die krankmachende Sucht nach dem Gold ab.

Wollt ihr diesen Frauen nacheifern,
legt den Schmuck ab, den ihr euch umhängt,
und schmückt euch mit Mildtätigkeit!

 

Die Myrrhonbringenden Frauen werden zu den ersten Zeugen und Verkündern der Auferstehung

 

Heiser,  Lothar, Jesus Christus, Das Licht aus der Höhe, Verkündigung, Glaube, Feier des Herren-Mysteriums in der Orthodoxen Kirche (Schriftenreihe des Patristischen Zentrums Koinonia – Oriens; Bd. 47), St. Ottilien 1998, S. 647 ff., Johannes Chrysostomos, 89. Homilie zum Matthäus-Evangelium, 2f.; PG 58, 783-785
hier aus St. Andreas Bote


 

 

 

 

Gedanken zu den Heiligen Frauen
in den Tagen nach Ostern

von Eva Catafygiotu Topping

 

*Quellenhinweis*

 

Während der 50 Tage nach Ostern feiert die Orthodoxe Kirche einige außergewöhnliche Frauen als Heilige.
 

Es sind die Myronträgerinnen,

die Samariterin

und die Blutflüssige Frau.

Ihre Namen erscheinen in unserem Kalender. Unsere liturgischen Bücher enthalten zahlreiche Hymnen zu ihren Ehren. Das Pentekostarion zeigt Hunderte von Beispielen. Und mehr als tausend Jahre lang haben Theologen und Bischöfe Predigten und Loblieder auf diese glaubensfesten heiligen Frauen verfasst.

Nach der liturgischen Tradition werden die Myronträgerinnen – unter ihnen Maria Magdalena, Johanna, Salome, Maria, die Mutter des Jakobus und des Josef, und die Mutter der Söhne des Zebedäus – gemeinsam verehrt.
Alle vier Evangelien (Mt 28, Mk 15, Lk 24, Joh 20) bezeugen, dass diese gläubigen Jüngerinnen die ersten Zeugen der Auferstehung waren; die ersten, die den Auferstandenen Herrn sahen, die ersten, die Frohe Botschaft (Εvαγγέλιον) zu verkünden, dass Christus, wie Er vorausgesagt hatte, wahrhaft von den Toten auferstanden ist.

Es ist eine eindrucksvolle und bedeutsame Tatsache, dass die Grundvoraussetzung des Christentums, die Auferstehung, ausschließlich vom Zeugnis von Frauen abhängt.

Das erste ‚Christus ist auferstanden’ kam aus dem Munde der Myrontragenden Frauen.
Damit sind diese Jüngerinnen die ersten Evangelisten und Apostel.
Weil die Jünger, die Elf des inneren Zirkels, geflohen waren und sich verbargen, erfuhren sie das Evangelion zuerst von den Frauen.
Die Worte eines alten Hymnus machen klar wie die Reihenfolge ist:

„Als sie vom Engel die lichte Botschaft (κήρυγμα) der Auferstehung erfuhren, sagten die Jüngerinnen (μαθήτριαι) des Herrn zu den Jüngern: ‚Der Tod ist besiegt; Christus, Gott, ist auferstanden.’“

 

Noch eine Frau des Glaubens wird am fünften Sonntag nach Ostern gefeiert.
Sie ist die Samariterin, mit der sich Christus eines heißen Mittags am Jakobsbrunnen unterhielt.
Es ist die längste überlieferte Unterhaltung Jesu. Das vierte Kapitel des Johannes-Evangeliums erzählt die bemerkenswerte Geschichte der Begegnung mit Jesus. Als die Jünger sahen, wie ihr Lehrer mit einer fremden Frau sprach, waren sie schockiert. Die Ungehörigkeit war zu groß für ihre konventionellen Ansichten.
Jesus aber teilte ihre Vorurteile nicht. Er verachtete die Frau nicht wegen ihres Geschlechts, ihrer Lebensführung oder Religion. Lieber diskutierte er mit ihr über Theologie und lehrte sie Gott im Geist und in der Wahrheit zu verehren.
Und ihr gegenüber, nicht seinen Jüngern, offenbarte er zum ersten Mal, dass Er der Messias war, den die Propheten Israels vorhergesagt hatten.
Die Samariterin hörte die erstaunlichen Worte und glaubte Ihm. Dann lief sie, den Leuten der Stadt die Frohe Botschaft zu bringen. So stark war ihr Glaube, dass auch diese glaubten. Auch sie war ein erster Apostel. Später wurde die ‚Samariterin’ Thema vieler byzantinischer Hymnen und Predigten.

 

Aus den synoptischen Evangelien (Mt 9,20-26; Mk 5,25-34; Lk 8,42-48) kommt die Geschichte einer anderen gläubigen Frau. Sie ist die Unglückliche, die von der Gesellschaft und dem Kultus wegen eines Blut-Tabus verstoßen und beschämt wurde. Die Orthodoxie Kirche gedenkt ihrer als Hl. Veronika am 12. Juli. Sie wurde von ihrer Krankheit geheilt und von der Schande befreit als sie sich selbst heilte, indem sie den Saum des Gewandes Jesu berührte. In einem Hymnus aus dem 6. Jh. von Romanos dem Meloden sagt Christus zu der Frau, dass nicht Er die Heilung verursacht, sondern dass ihr Glaube dieses Wunder vollbracht habe. Immerhin zeigt diese Geschichte die Haltung Jesu gegenüber Ritualen, Tabus und Traditionen, die Frauen erniedrigten und diskriminierten. Ohne Rücksicht was die Tradition über Blut und „unreine“ Frauen lehrte, verwarf Jesus diese Vorstellung. Man kann sich schon etwas darüber wundern, dass sie sich in der Kirche bis heute gehalten hat.

 

Durch die Erfahrungen der Myronträgerinnen, der Samariterin und der Blutflüssigen Frau will die Kirche die Bedeutung der Auferstehung, von Ostern, mit seiner Botschaft von Leben, Freude und Hoffnung ausschmücken. Stark, selbstsicher, klug und tapfer hießen diese heiligen Frauen die Ankunft der Neuen Schöpfung, die Jesus einleitete, willkommen. Furchtlos, im Gegensatz zu den Jüngern, gingen die Myronträgerinnen zum Grab, erfuhren, dass Christus den Tod zertreten hatte und wurden die ersten Träger der christlichen Verkündigung.
Die Samariterin sprach mit Jesus, entdeckte, dass der Messias gekommen war und verkündete Ihn der Welt.
Um ihre Gesundheit und den Zugang zu Gesellschaft und Kultur wiederzugewinnen trotzte die Ausgestoßene den Konventionen, überwand ihre Furcht, drängte sich an Christus heran und fand Heilung durch ihren Glauben.

Im Zentrum jeder Erzählung steht Jesus. Er war es, der es diesen Frauen ermöglichte Freude und Befreiung zu erfahren. Es geschah, weil er sie als Personen akzeptierte und jede von ihnen als Mensch, geschaffen als Abbild Gottes, schätzte.

Er entwarf nie eine „frauengerechte“ Umwelt für sie. Er zwang sie nie in patriarchalische Muster.

Die Beziehung dieser weiblichen Heiligen zum Gründer des Christentums fordert in dieser Zeit nach Ostern zum Nachdenken auf.
 

http://www.stnina.org/97sp/97sp-topping-easter.htm, dt. von G. Wolf

 

 



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